Donnerstag, 09. September 2010 
Zürcher Unterländer  



Freitag, 18. Juni 2010
Am «Tag der Artenvielfalt» wurden in den Altläufen der Glatt seltene Arten entdeckt
Erfolgreiche «Schatzsuche» im Biotop
Fachleute fanden am letzten Wochenende im Kanton Zürich rund 1000 Tier- und Pflanzenarten. In den Altläufen der Glatt wurde ein extrem seltenes Insekt entdeckt.
 
Keine Angst vor Tieren: Baudirektor Markus Kägi auf Tuchfühlung mit einer Rümlanger Ringelnatter.
 
Die Köcherfliegenart Triaenodes bicolor war seit 1987 im Kanton Zürich nie mehr gefunden worden, bis sie am letzten Sonntag einer Expertin ins Netz ging. Ihren Namen verdankt das Insekt der Röhre, die es sich im Larvenstadium aus Steinchen oder Schilfstückchen zusammenbaut, um dann darin zu wohnen.

Die Köcherfliege war nur eine der Sehenswürdigkeiten, die Regierungsrat Markus Kägi und eine Handvoll Interessierter am vergangenen Sonntag in den Auen der Glatt zu Gesicht bekamen. Weiter gab es eine frisch geschlüpfte blaugrüne Mosaikjumpfer, eine Ringelnatter, allerlei Schnecken und eine ganze Reihe verschiedener Moosarten zu bestaunen.

Neu- und Wiederfunde

Baudirektor Kägi sagte, man wisse heute von rund 4000 Arten, dass sie im Kanton Zürich vorkämen. Das sei aber nur ein Zehntel der vermuteten 40 000 Arten. «Darum ist der heutige Tag wie eine Schatzsuche. Man kann etwas finden, von dem man noch nichts weiss.» Die über 40 Experten spürten innerhalb von 24 Stunden rund 1000 Tier- und Pflanzenarten auf, darunter tatsächlich unerwartete Neu- und Wiederfunde. Mit der Untersuchung verschaffe sich die Fachstelle Naturschutz Kanton Zürich einen Einblick in die biologische Vielfalt im Kanton, schreibt die Baudirektion in einer Medienmitteilung.

Die Tatsache, dass direkt neben dem Flughafen ein nationales Auenbiotop mit wertvollen Naturschätzen liege, wertete Regierungsrat Kägi als Zeichen dafür, dass Wirtschaft und Artenvielfalt keine Gegensätze seien. Die Wirtschaft leiste viel für den Naturschutz. Andererseits sei die Artenvielfalt ein wichtiger Bestandteil der Standortqualität.

«Soll ich ihn jetzt küssen?», fragte Markus Kägi mit Blick auf den winzigen Laubfrosch in seiner Hand - worauf sich der kleine Grüne mit einem raschen Sprung in Sicherheit brachte.

Der Regierungsrat liess sich am vergangenen Sonntag in den Altläufen der Glatt vorführen, welche Pflanzen und Tiere die Fachleute am Tag der Artenvielfalt bis dahin in der Auenlandschaft gefunden hatten.
Dass Kägi weniger Angst vor den Tieren hatte als umgekehrt, hat wohl damit zu tun, dass der Politiker die Glatt und ihre Fauna und Flora von Kindesbeinen an kennt. Der Fluss fliesst vor seinem Elternhaus in Niederglatt vorbei. Kägi hatte ihn noch vor der letzten Absenkung erlebt. Überschwemmungen und volle Keller gab es damals immer wieder. Ebenfalls
in Erinnerung geblieben sind dem Regierungsrat die Farben der Glatt. «Je nachdem, was weiter oben an Industrieabwässern eingeleitet worden war, hatte sie ihre Farbe gewechselt. Heute glücklicherweise nicht mehr.»

Korrigieren und aufwerten

Urs Kuhn, der Leiter der Fachstelle Naturschutz, zählte in seinem Referat die Korrekturen der Glatt auf, die aus einem mäandrierenden Gewässer in einer Auen- und Moorlandschaft einen schnurgeraden Fluss gemacht hatten. Übrig blieben einige Restbiotope, die man in den letzten Jahrzehnten aufgewertet hat. «So sind die verjüngten Glattaltläufe in der heutigen durchrationalisierten Landschaft wertvolle Hotspots der Biodiversität.» Nicht mehr so reich wie die Glatt von einst, aber doch ein wichtiger Lebensraum.

Am Tag der Artenvielfalt wurde der Bevölkerung dieser Reichtum der Natur vor Augen geführt. «Denn, was man kennt, das schützt man auch», heisst es in der Medienmitteilung der Baudirektion.

Auf Amphibien-Exkursion

Ganz in diesem Sinne hatten sich bereits am Samstagabend rund 15 Personen ? mit Taschenlampen und Feldstecher bewaffnet - auf eine Expedition in die Alt-Glattläufe gewagt. Frösche, Kröten und Molche wollten sie aufspüren und etwas über deren Lebensraum erfahren. Doch zunächst drängte sich eine andere Spezies unangenehm auf: die Stechmücke. «Sie gehört auch zur Artenvielfalt», bemerkte ein Mann lakonisch.

In den Glattaltläufen verweben sich Wasser, Wiesen und Wald zu einer einzigartigen Auenlandschaft. Darin gibt es zum Beispiel sogenannte «Flutmulden», die sich ideal als Laichplätze eignen. Früher entstanden sie durch das Mäandrieren des Flusses, heute werden sie künstlich geschaffen und teilweise mit einem Pumpsystem gefüllt. Das Gebiet bedarf eines stetigen Unterhalts. Dafür hat sich zum Beispiel der Laubfrosch hier wieder angesiedelt. Er stellt hohe Anforderungen an den Lebensraum und kommt in der Schweiz nur noch selten vor.

Quaken für ein Weibchen

Nach dem kleinen Fussmarsch in das Schutzgebiet war bereits das laute Quaken der Laubfrösche zu hören. Mit ihren hellen Rufen locken sie die Weibchen an. Im Schein der Taschenlampen tauchte eine Gelbbauchunke auf und Erdkröten hüpften in ihre Verstecke. Die Fachleute gaben den Exkursionsteilnehmenden ergänzende Informationen. Die Amphibien sind vielen natürlichen Gefahren ausgesetzt. Dazu zählen Witterungseinflüsse und Fressfeinde ebenso wie Bakterien und Pilze, die sie krank machen. Ihr einziger Schutz ist ihre enorme Vermehrungsquote. Mit dieser Strategie waren sie bisher nur einem Feind nicht gewachsen: dem Menschen.

«Tag der Artenvielfalt»

An 120 Anlässen zog der «Tag der Artenvielfalt» landesweit über 10 000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer an. Er war damit die grösste Publikumsveranstaltung im UNO-Jahr der Biodiversität. Das Motto lautete: «Entdecken, erleben, erforschen». Zugleich machten sich Hunderte von Experten auf die Suche nach neuen Tier- und Pflanzenarten.

Im Kanton Zürich wurden an den Altläufen der Glatt, am Irchel im Unterland, am Hörnli und am Greifensee Arten erhoben und Exkursionen für Interessierte durchgeführt. Finanziert wurde der Tag der Artenvielfalt durch den Lotteriefonds des Kantons Zürich.
 
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