Online seit 28.01.2012 0:00
Den Ländler aus dem Korsett befreit
Thomi Erb wurde als Kind vom Vater dazu verknurrt, das Akkordeonspiel zu erlernen. Heute begeistert er damit ein grosses Publikum. Bild: Sibylle Meier
Kloten/Oberhasli. Thomi Erb putzt den Staub von der alpenländischen Musik und fügt etwas «Dreck» hinzu. Dass Volksmusik alles andere als bieder daherkommen muss, beweist der in Oberhasli aufgewachsene Musiker und Komponist bereits seit 30?Jahren.
Karin Wenger

«Es gibt Leute, die über die Volksmusik die Nase rümpfen», sagt Thomi Erb. «Sie denken dann meist an Musik, wie sie beim ?Musikantenstadel? gespielt wird, dabei ist Volksmusik etwas sehr Lebendiges.» Spätestens seit Rapper Bligg gemeinsam mit der Streichmusik Alder den Hit «Volksmusigg» in die Hitparaden brachte, bröckelt das angestaubte Image.

Auch Thomi Erb wurde in seinen musikalischen Anfängen von den Alder-Buebe beeinflusst. Er nahm bei deren Akkordeonist Willi Valotti Unterricht. Die Musik der Alder-Buebe war eine grosse Herausforderung für ihn. «Wieso soll ich etwas spielen, das andere so perfekt beherrschen?», sagte er sich schliesslich und ging seinen eigenen Weg. Er reiste im europäischen Alpenraum, in Rumänien und Finnland herum und liess sich von der jeweiligen Volksmusik inspirieren.

Mit seiner heutigen Band Thomis Erben spielt der 49-Jährige vorwiegend Eigenkompositionen und Stücke aus der Musiksammlung von Hanny Christen. Die Musikethnologin hat im letzten Jahrhundert rund 11?000 Volksmelodien gesammelt. «Wir fügen nun einfach etwas ?Dreck? hinzu», sagt Erb mit einem Schmunzeln. Die Volksmusik sei nie starr gewesen, sondern immer von verschiedenen Kulturen beeinflusst worden. «Sie ist etwas sehr Lebendiges.» Und so klingen die Interpretationen von Thomis Erben unkonventionell und sind gespickt mit Elementen aus Jazz, Klezmer, Tango, Folk und Blues.

Musiker und Rikscha-Fahrer

Musik war in Thomi Erbs Familie immer präsent. Beide Elternteile sangen leidenschaftlich gerne. Jedes ihrer vier Kinder lernte ein Instrument. «Mein Vater wollte eine Hauskapelle gründen», sagt Erb. Er selber wurde «zum Handorgelspielen verknurrt». Lieber hätte der Teenager die E-Gitarre gezupft. Doch er spürte schnell, dass sein Akkordeonspiel vielen Leuten Freude machte. Im Handorgelorchester kamen seine Interpretationen allerdings nicht so gut an, und so gründete er seine erste Band. Im Schuelhüsli in Oberglatt übten die jungen Leute jede freie Minute. Den Eltern war Thomis Wunsch nach einer Musikerlaufbahn dann doch nicht ganz geheuer. «Lern erst mal etwas Gescheites», meinten sie. Er entschied sich für die damals kürzeste Lehre, die es gab: eine Ausbildung zum Pöstler. Heute fährt er Rikscha-Taxi in Zürich. Manch einer, der sich von ihm ans Theaterspektakel auf die Landiwiese chauffieren liess, staunte nicht schlecht, wenn er seinen Rikscha-Fahrer am Abend auf der Bühne wiedererkannte. «Das Rikscha-Fahren hält mich fit und ich mag den Kontakt zu den Leuten», sagt Erb.

Urchig und feurig

Ganz nah war der Musiker seinem Publikum auch am Donnerstag im Klotener Büecheler-Hus. Dort war der Auftakt zur Konzertreihe «Musig i de Schüür», die Erb im Auftrag des Vereins Szene Kloten einmal pro Monat organisiert. Mit Thomis Erben, den Hitsköpfen, Fiddler Chris Habegger und der Sängerin Barbara Baer mit Akkordeonist Toni Huser servierte er Volksmusik, urchig wie eine Bernerrösti, feurig wie ein Zigeunerspiess und herzerwärmend wie ein Kuss. «Herrlich ungekünstelt und echt», fand Rinalda Caduff den Abend. Die Schauspielerin und Sängerin reiste extra aus Basel an, um Thomi Erb zu hören. «Diese Musik berührt die Seele.»

Thomi Erb steht am späten Abend erleichtert über die gelungene Premiere an der Tür und verabschiedet sich von den Gästen. Am 16. Februar stehen die Scheunentore wieder offen für Thomis «Musig i de Schüür».