Zwischen Botox und Bomben

In Kriegsgebieten etwas Gutes zu tun, das sei schwierig, sagt Enrique Steiger. Der Schweizer Arzt operiert seit 23 Jahren immer wieder in Kriegsgebieten. In Regensdorf referierte er über seine Motivation und die Schwierigkeiten.

. Legende: Laut Enrique Steiger ist es in Kriegsgebieten schwierig, im Gesundheitsbereich etwas Gutes zu tun.

. Legende: Laut Enrique Steiger ist es in Kriegsgebieten schwierig, im Gesundheitsbereich etwas Gutes zu tun. Bild: Symbolbild/Keystone)

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Am Freitag lud die Sektion Zürcher Unterland der Schweizer ­Kaderorganisation (SKO) im Rahmen ihrer Mitgliederversammlung zu einem Referat mit dem Schönheitschirurgen Enrique Steiger ein. Knapp 80 Personen hatten den Weg zum Thessoni in Regensdorf gefunden, davon waren etwa 55 Mitglieder der SKO.

Mit dem Titel «Botox & Bombs» machte Steiger gleich zu Beginn klar, dass er in zwei extremen Welten lebt. Auf die «Botox-Welt» ging er indes nur kurz ein. Er erzählte von seinen Kliniken in Zürich und Beverly Hills, wo sich Stars und Reiche «verschönern» lassen. Dann sah das Publikum zerstörte Städte und leidende Menschen in Kriegsgebieten auf der Leinwand. «Ich will die Mitmenschen, denen es gut geht, dazu motivieren, sich auch für andere einzusetzen», sagte er.

«Ich bin keine Mutter Teresa», stellte Steiger klar. Es sei nie sein Wunsch gewesen, Kriegsarzt zu werden. «Mein erster Einsatz als Kriegsarzt war eine UNO-Mission in Namibia», erzählte er. Er habe sich einfach gedacht, er könnte so diesen Militärdienst mal erledigen und gleich noch ein Abenteuer erleben. Dann habe es ihn jedoch gepackt. «Meine Frau hat mich davor bewahrt, ein Kriegsjunkie zu werden.»

«Kollaps der Gesellschaft»

In einem kurzen Exkurs wollte Steiger dann dem Publikum erläutern, was Krieg bedeutet: Im Endeffekt sei es ein totaler Kollaps der Gesellschaft. «Und auch wenn man meint, dass diese Dinge weit weg von uns passieren, schlagen sie auf uns zurück», führte er aus und zeigte eine Folie mit Symbolbildern für Flüchtlingsströme, Terrorismus, Extremismus, Menschenhandel, Waffen- und Drogenhandel, die er unter sogenanntem «Collateral Damage» des Kriegs zusammenfasste. Das Fazit: «Krieg ist ein Riesengeschäft.» Vor vielen dieser Probleme habe er bereits vor 15 Jahren gewarnt, habe auch mit der UNO und verschiedenen Regierungsvertretern gesprochen. Passiert sei jedoch wenig.

Seine Antwort dar­auf sei humanitäre Hilfe. Das Ziel sei, so viele Leben wie möglich zu retten und Leid zu lindern. Man dürfe jedoch nicht vergessen, dass etwa 80 Prozent der humanitären Hilfe von der lokalen Bevölkerung geleistet werde. Nur werde dar­über selten berichtet. Etwas Gutes zu tun, das sei in Kriegsgebieten allerdings schwierig, meinte Steiger. Die Logistik, die Hygiene, das Fehlen von Spezialisten und kulturelle Unterschiede sind nur einige der alltäglichen Schwierigkeiten, mit denen Steiger und sein Team zu kämpfen haben. Da müsse zum Beispiel für eine Bluttransfusion das Blut aus dem Bauch genommen werden, um es an einer anderen Körperstelle wieder einzuführen. «Kriegschirurgie ist eine wilde Chirurgie.» Da müsse eben auch mal ein Jeep-Motor zur Betreibung der OP-Lampe herhalten. Zudem würden Spitäler und deren Personal zunehmend Opfer von gewalttätigen Übergriffen.

Er und sein Team seien oft die einzigen Ärzte weit und breit, da sich niemand ins Gebiet wage. Es fehle an gut ausgebildeten Ärzten in der lokalen Bevölkerung, damit diese ein Spital in einer Krisen­region selbst betreiben könnten. Deshalb hat Steiger die Stiftung Swisscross ins Leben gerufen, die lokale Ärzte ausbildet; auf diese Weise habe er bereits einige Afghanen zu Chirurgen ausgebildet.

«Armeen sind ungeeignet»

Nach dem Referat hatte das Publikum viele Fragen an den Chirurgen. Weshalb die UNO nicht ein paar Truppen von Blauhelmsoldaten in die Kriegsgebiete schicke, um die Spitäler zu schützen, wollte ein Zuhörer wissen. «Das ist ein Projekt, für das ich schon lange lobbyiere», sagte Steiger. Er sei der Meinung, dass es eine humanitäre Polizei brauche, die Spitäler und Gesundheitsangestellte schütze. Allerdings seien die Armeen aufgrund der politischen Agenda nicht dafür geeignet. Die Polizei ebenso wenig, da diese nicht für solche Kampfsi­tua­tio­nen ausgebildet sei. Den UNO-Blauhelmen traue er auch nicht, da er gesehen habe, wie diese im Kongo nebenbei ein Frauen­bordell betrieben hätten. «Die Schweiz wäre wohl das einzige Land, das überall mit einer Waffe akzeptiert würde, um humanitäre Einrichtungen zu schützen.»

Wie seine beiden Welten überhaupt zusammenpassen, fragte eine weitere Zuhörerin. Die ­Probleme seiner Botox-Kunden müssten ihm doch unglaublich banal vorkommen, wenn er von einem Einsatz im Kriegsgebiet zurückkomme. «Es passiert mir zwar immer wieder, dass ich mir denke ‹Ihr habt ja Probleme›, wenn beispielsweise eine Kundin zu mir kommt, weil sie immer noch ein paar Falten entdeckt hat nach der letzten Botox-Behandlung», antwortete Steiger. Grundsätzlich habe er jedoch kein Problem, zwischen den beiden Welten zu wechseln. Er müsse sich auch bewusst sein, dass seine Schönheitspatienten sein «Hobby» in der anderen Welt finanzieren. Zudem sei er der Meinung, dass er mehr nütze als Sprachrohr dieser Welt, als wenn er nach einem Einsatz einfach depressiv zu Hause sein würde.

War­um der Mensch es nicht schaffe, von Waffen wegzukommen, wollte zum Schluss noch jemand wissen. «Man könnte hier sehr zynisch werden», antwortete Steiger. «Ich glaube, es muss uns allen noch mehr wehtun, bis wir zur Besinnung kommen.» ­Irgendwann seien jedoch alle kriegsmüde. Und er sei grundsätzlich optimistisch, er sehe bereits heute in seinen Einsatzgebieten immer wieder Hoffnungskeime. «Ich glaube, es ist wichtig, zu wissen, dass niemand zum Terroristen geboren worden ist und niemand freiwillig seine Heimat verlässt.» ()

(Erstellt: 21.02.2016, 21:00 Uhr)

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Zweck der SKO

Die Schweizer Kaderorganisation (SKO) ist eine Plattform, an deren Veranstaltungen sich Führungskräfte aus unterschiedlichen Branchen vernetzen. Die Wahl des Referenten scheint deshalb etwas ungewöhnlich. «Unser Vorstandsmitglied Christoph Lang hat Steiger 2014 bei dem Swiss Economic Forum bei einem Referat erlebt und fand ihn eine faszinierende Persönlichkeit», erklärte Alex ­Janosfía, der Präsident der SKO Region Zürcher Unterland. Mit dem Referat wollte die SKO ­zudem Steigers Stiftung Swiss­cross unterstützen. Ziel war es, 5000 Franken zu sammeln. Mit dem Geld kann die Stiftung für zehn Monate den Lohn eines lokalen Arztes bezahlen. us

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