Flughafen

Der Belair droht das baldige Ende

Die Mitarbeitenden der Glattbrugger Belair sind am Flughafen über das mögliche Ende der Airline informiert worden. Noch gibt es einzelne Strohhalme, an die sich die Verantwortlichen klammern. Für die 300 Mitarbeitenden sieht es derzeit aber düster aus.

Die Air Berlin-Flugzeuge mit Schweizer Kennzeichnung der Glattbrugger Belair sollen nach dem Willen der Verantwortlichen in Berlin bald verschwinden.

Die Air Berlin-Flugzeuge mit Schweizer Kennzeichnung der Glattbrugger Belair sollen nach dem Willen der Verantwortlichen in Berlin bald verschwinden.

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Die Frühflüge von Air Berlin nach Düsseldorf und Berlin wurden am Mittwochmorgen annulliert. Dieses Bild dürfte sich in den nächsten Tagen mehrfach wiederholen, denn ausgeführt werden diese Flüge von der Schweizer Air Berlin-Tochter Belair mit Sitz in Glattbrugg. Über deren 300 Mitarbeitende senkte sich gestern das seit Wochen über ihnen hängende Damoklesschwert auf bedrohliche Art und Weise. Über Buschwege - Whatsapp und SMS - erreichte sie die Nachricht von der in Berlin beschlossenen Auflösung der Belair. CEO Lucas Ochsner berief deshalb kurzfristig eine Mitarbeiterinfo am Flughafen ein, die heute wiederholt wird.

Gegenüber dem ZU betont Ochsner, dass es sich bei den Informationen in den Whatsapp-Gruppen nur um Spekulationen handle. Entscheiden werde sich alles erst in den nächsten ein bis zwei Wochen, sagt Ochsner. Zu den Gerüchten oder einzelnen Details nehme er zurzeit keine Stellung. Auch die Pressestelle der Air Berlin will zu den aktuellen Entwicklungen nichts sagen, wie es auf Anfrage heisst.

Niki übernimmt im Sommerflugplan

Die Informationen, welche diverse Belair-Piloten direkt aus einer Sitzung in Berlin erhalten haben, besagen hingegen ziemlich deutlich, dass Eigentümer Air Berlin kein Interesse mehr an der Belair hat. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Die im Vergleich zu den deutschen und österreichischen Airlines höheren Schweizer Lohnkosten - dies obwohl die Mitarbeitenden unter Androhung der Belair-Schliessung bereits 2014 Lohnkürzungen um bis zu 30 Prozent hinnehmen mussten. Die Belair soll deshalb per Sommerflugplan 2017 verschwinden.

Übernehmen wird dann die österreichische Niki. Dies ist bereits sichtbar, wenn bei Air Berlin Flüge gebucht werden, beispielsweise nach Mallorca im Sommer. Auf der Buchungsseite für Flüge ab Zürich heisst es zuoberst auf der Seite: «Flüge zu Urlaubszielen in Spanien (inkl. Mallorca), Südeuropa, Nordafrika und der Türkei sind weiterhin bei airberlin buchbar. Diese Flüge werden mit Beginn des Sommerflugplans 2017 von Niki durchgeführt. Flüge nach Italien werden weiterhin von airberlin und ihrem Partner Alitalia durchgeführt.» Das ist eigentlich unmissverständlich.

Niki darf nur EU-Flüge übernehmen

Wie viele Flüge es mit Air Berlin von Kloten aus aber tatsächlich noch geben wird und welche dann von den Österreichern übernommen werden, ist derzeit aber höchst unklar. Auch der Flugplan der Niki wurde auf den Sommer hin empfindlich zusammengestrichen. Und die üblichen Belair-Badeferien-Destinationen in Ägypten oder der Türkei sind entgegen des Hinweises ab Zürich gar nicht mehr buchbar.

Diese Nicht-EU-Destinationen dürften die Österreicher aber aus der Schweiz heraus auch gar nicht betreiben, wie Nicole Räz vom Bundesamt für Zivilluftfahrt bestätigt: Linienflüge in Drittstaaten dürfen nur durch Schweizer Airlines oder Fluggesellschaften des entsprechenden Drittstaates mit einer entsprechenden Streckenkonzession durchgeführt werden. Genau dafür haben die Deutschen die Belair eben noch nicht vollständig in die Air Berlin eingegliedert und die Schweizer Kennzeichnungen und die Belair-Flugnummer 4T bisher aufrecht erhalten.

Für die EU-Flüge gelten aber die europäischen Freiheiten des Luftverkehrs, womit die Niki aus Zürich die EU-Strecken der Belair - Mittelmeer, Kanaren, Nordeuropa - ohne weiteres übernehmen kann.

300 Mitarbeitenden droht die Entlassung

Dass diese Nicht-EU-Flüge aber gar nicht mehr buchbar sind, ist ein schlechtes Zeichen für die Mitarbeitenden, auch wenn die Air Berlin das noch nicht offiziell bestätigen will: Der veröffentlichte Flugplan von airberlin in der Schweiz behält bis auf weiteres seine Gültigkeit, schreibt die Air Berlin Pressestelle auf Anfrage, ohne weitere Details zu nennen, wer diese ausführen soll. Auch Belair CEO Lucas Ochsner sagt gegenüber dem ZU, dass die Flüge des Sommerflugplans durchgeführt werden. Auf den Hinweis angesprochen, dass die Niki die Flüge übernehmen soll, gibt er sich kämpferisch: «Von wem diese Flüge dann ausgeführt werden, schauen wir noch», sagt er, womit die Zukunft der 300 Belair-Mitarbeitenden aber auch nicht viel sicherer scheint.

Mit der Übernahme durch Niki droht ihnen nämlich die Entlassung. In Berlin gibt es wohl Pläne, dass zumindest die umzugswilligen Piloten für 12 bis 24 Monate bei Air Berlin weiterfliegen könnten - mit deutschen Verträgen und tieferen Euro-Löhnen. Auch eine Weiterbeschäftigung bei einer anderen Airline im Etihad-Verbund, welcher neben Air Berlin, Niki/TUIfly und Belair auch Alitalia, Air Seychelles oder Air Serbia kontrolliert, steht zur Diskussion. Für die in der Region um Kloten wohnenden Belair-Mitarbeitenden sind das kaum annehmbare Lösungen. Über das Schicksal der Flugbegleiter ist noch nichts bekannt.

Belair verhandelt mit Lufthansa-Tochter Eurowings

Die Belair-Verantwortlichen klammern sich offenbar noch an einen kleinen Strohhalm: Sie verhandeln über eine mögliche Übernahme durch Eurowings, der Billigtochter im Lufthansa-Verbund. Nächste Woche sollen Entscheidungen fallen, am 17. oder 18. Januar. Belair CEO Lucas Ochsner bestätigt diese Verhandlungen mit Eurowings nicht, er sagt lediglich, dass das Ende der Belair noch nicht besiegelt ist und erst in den nächsten ein bis zwei Wochen definitiv entschieden wird.

Bereits gescheitert sind gemäss Belair-Quellen Übernahmegespräche mit der Swiss im letzten Jahr. Die Swiss war primär an den Slots der Belair interessiert und hätte dafür auch die Mitarbeitenden und Flugzeuge übernommen, wie es heisst. Die Belair hält nämlich die Rechte an einigen der frühest möglichen Startzeiten nach 6 Uhr morgens und Landezeiten vor 23 Uhr abends. Diese sind am Flughafen Zürich mit den begrenzten Betriebszeiten heiss begehrt und derzeit das offenbar wertvollste Gut der Glattbrugger Belair.

Bereits 2016 gab es Gerüchte über willentlichen Konkurs

Die Air Berlin-Bosse wollen die Belair aus diesem Grund nicht verkaufen, sind sich Belair-Mitarbeitende sicher. Auch die 2016 angekündigte Übernahme von fünf Flugzeugen der Niki durch die Belair hatte gemäss internen Quellen nur ein Ziel: Man wollte die fünf Flugzeuge mit den schlechtesten Leasing-Verträgen nach Kloten überschreiben, um die Belair dann Konkurs gehen zu lassen und die schlechten Verträge so loszuwerden. Eine andere Erklärung für die angekündigte Verschiebung der fünf Maschinen konnte Air Berlin in den letzten Wochen trotz mehrfachen Anfragen nie liefern. Bereits seit der angekündigten Restrukturierung der Air Berlin im September ist zur Belair aus der deutschen Hauptstadt praktisch nichts Konkretes kommuniziert wurden. Nur kurz vor Weihnachten wurde informiert, dass die Flotte der Belair von acht auf drei bis vier Flugzeuge reduziert werden sollte. Einzelne Flugzeuge mit Schweizer Immatrikulation wurden seither bereits an die deutsche Air Berlin übergeben. Diese Pläne scheinen aber entweder überholt oder nur Ablenkung gewesen zu sein.

Belair Flugzeuge bleiben am Boden

Diejenigen sechs Belair-Flugzeuge, welche bis gestern noch von den Schweizer Mitarbeitenden betrieben wurden, dürften mindestens heute und wohl noch einige Tage länger still stehen. Die Belair rechnete bereits gestern mit Krankmeldungen und akzeptiert diese auch diskussionslos. Verständnis dafür hat auch der Pilotenverband Aeropers, wie Pressesprecher Thomas Steffen sagt. Es sei wichtig, dass sich die Crew vollständig auf die Arbeit konzentrieren könne, ansonsten stehe die Sicherheit der Passagiere auf dem Spiel. Für Piloten, die Existenzängste haben, sei es nicht sinnvoll, ins Cockpit zu sitzen um zu arbeiten, erklärt Steffen.

Schon letzten Herbst gab es bei der deutschen TUIfly Krankmeldungen bei einer Mehrheit der Mitarbeitenden, als die Air Berlin ankündigte, diese in die Niki zu integrieren, mit Entlassungsfolgen. Der Druck durch die vielen Annullationen machte sich spürbar.

Ob das bei Belair noch etwas bewirken kann, ist ungewiss. Die Flüge nach Berlin und Düsseldorf werden tagsüber von der deutschen Air Berlin ausgeführt, nur die ersten beiden Flüge am morgen und die letzten beiden Ankünfte spätabends sind annulliert. Noch offen ist, was mit den Flügen morgen früh nach Pristina und Marsa Alam in Ägypten passiert. Diese Nicht-EU-Flüge werden von Belair mit Belair-Flugnummern ausgeführt. Ob diese nach den aktuellen Hiobsbotschaften auch annulliert werden müssen, ist wahrscheinlich, da diese nicht von deutschen Crews geflogen werden können.

Bund kann nichts gegen Niki unternehmen

Hoffnungsschimmer gibt es für Belair-Mitarbeitende nur wenige. Die Turbulenzen beruhigen könnte der Belair-Verwaltungsrat, welcher eine Auflösung der eigenen Firma bewilligen müsste, da die Glattbrugger Airline eine AG ist. Was dann aber mit der Belair passieren würde, konnte CEO Ochsner gestern nicht beantworten.

Hinter der Niki steht bekanntlich die arabische Etihad aus Abu Dhabi. Diese wollte mit Etihad Regional bereits einmal in der Schweiz Fuss fassen und von Zürich aus ein Europanetz aufbauen. Sie kaufte dazu 33 Prozent der Darwin-Aktien, einer Tessiner Fluggesellschaft, die früher mit Swiss zusammenarbeitete und zu deren Konkurrenz aufgebaut werden sollte. Die Bedenken des Bundesamts darüber, wie viel Kontrolle die Tessiner bei Etihad Regional selber haben und wie viel tatsächlich aus Abu Dhabi gelenkt wird, haben die Pläne der Araber schliesslich zum Scheitern gebracht. Die Niki muss aber nicht mit Gegenwind aus der Schweiz rechnen, erklärt Räz vom Bundesamt für Zivilluftfahrt BAZL: «Da Niki keine Schweizer Fluggesellschaft ist, unterliegt sie nicht der Aufsicht des BAZL. Betreffende Anforderungen an Eigentum und Kontrolle wären durch die österreichischen Zivilluftbehörden zu prüfen.»

Andere Airlines stehen bereit

Wenn das Air Berlin-Netz ab Zürich tatsächlich zusammenbricht, stehen andere Airlines bereits in den Startlöchern. Hotelplan, welche die Belair ursprünglich aus der konkursen Swissair-Tochter Balair aufgebaut hat, setzt für den Sommer bereits nicht mehr auf Air Berlin, sondern auf andere Gesellschaften.

Die grösste Fluggesellschaft in Schweizer Händen, Helvetic, ist derzeit vor allem für die Swiss im Einsatz und füllt dort die Lücken, welche durch die Verspätung der CS100-Flugzeuge entstanden sind. Für den Sommer hat Helvetic aber erst kürzlich auch mehr eigene Flüge angekündet. Das Ende der Belair könnte für Helvetic Raum schaffen, um selber zu wachsen.

Bei der Germania, welche trotz des Namens eine eigenständige Schweizer Airline ist, wurde im Falle eines Belair-Aus bereits früher angekündet, dass man die Kapazität schnell ausbauen könne. Germania Schweiz hat derzeit drei Flugzeuge, kooperiert aber eng mit der deutschen Germania, von der sie bei Bedarf rasch mehr Maschinen erhalten könne.

Zuletzt wird auch Zürich-Platzhirsch Swiss Interesse haben, mögliche Belair-Lücken zu füllen, zusammen mit Schwester Edelweiss. Die Klotener expandieren wegen der grösseren Flugzeuge Boeing 777 und CS100 sowie Airbus A340 bei Edelweiss bereits massiv und suchen dieses Jahr hunderte neue Flugbegleiter. Daneben das Streckennetz mit ehemaligen Belair-Destinationen weiter zu füllen, dürfte anspruchsvoll sein und letztlich auch mit den verfügbaren oder frei werdenden Slots und deren Verteilung zusammenhängen. (Zürcher Unterländer)

Erstellt: 11.01.2017, 17:02 Uhr

Niki

Reduzierter Flugplan und Airbus A321

Die österreichische Niki, welche die Belair-Flüge ab April übernehmen soll, steckt selber im Umbruch. Einst von Formel-1-Legende Niki Lauda gegründet, wurden die Österreicher wie Belair an Air Berlin verkauft und kürzlich von Etihad zu einer Ferienairline umgeformt. Der gestern kommunizierte Sommerflugplan umfasst in Österreich praktisch nur Strecken von Wien ans Mittelmeer sowie einzelne Flüge ab Salzburg. Frühere Niki-Abflugorte wie Graz fehlen.
Heute wurde zudem bekannt, dass Niki sämtliche Airbus A319 und A320 an Air Berlin abtritt und dafür aus Deutschland Airbus A321 erhält. Die Österreicher sollen künftig ausschliesslich mit diesem grössten Typ der Airbus A320-Familie fliegen.

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