Zürich

«Viele ehemalige Verdingkinder fühlen sich durch das Erlebte wie abgestempelt»

Ehemalige Verdingkinder leiden teils bis ins hohe Alter an frühkindlichen Traumata. Ein Forscherteam der Universität Zürich hat sich der Betroffenen angenommen.

Traumapsychologin Myriam Thoma forscht an der Universität Zürich schwerpunktmässig mit und über Verdingkinder.

Traumapsychologin Myriam Thoma forscht an der Universität Zürich schwerpunktmässig mit und über Verdingkinder.

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Die Forscher des Lehrstuhls für Psychopathologie und klinische Intervention der Universität ­Zürich haben unter der Leitung von Professor Andreas Maercker über 100 ehemalige Verdingkinder befragt. Die Ergebnisse zeigen, dass rund ein Viertel von ihnen an einer posttraumatischen Belastungsstörung, schweren Depressionen oder Angststörungen leidet. Traumapsychologin Myriam Thoma erklärt, wozu die gewonnenen Erkenntnisse dienen und wie die Gesellschaft in der Verantwortung steht.

Wie äussert sich eine posttraumatische Belastungsstörung?
Myriam Thoma: Es handelt sich hierbei um ein sehr schwerwiegendes Störungsbild. Betroffene erzählen von immer wiederkehrenden Erinnerungen. Das sind äusserst belastende Momente. Es kann sich dabei um traumatische Bilder handeln, die einfach aus dem Nichts wieder auftauchen. Es können Gewaltszenen sein oder Handlungen des sexuellen Missbrauchs, die sich vor dem inneren Auge nochmals abspielen.

Sie sagten, diese Erinnerungen treten wiederkehrend auf.
Eine Nacht richtig durchzuschlafen, ist für solche Personen oft sehr schwierig. Viele zeigen auch eine gewisse Hyperreagibilität. Das heisst, der Körper steht immer irgendwie unter Strom und kommt nicht zur Ruhe.

Traumata, Depressionen, Ängste. Was bedeutet all das für den Alltag der früheren Verdingkinder?
Die unfreiwillig wiederkehrende Präsenz des Erlebten, das vielleicht bis zu 60 Jahre zurückliegt, schränkt die Betroffenen teilweise in ihrem Alltag sehr stark ein.

Wie denn?
Das ist je nach Ausprägung des Störungsbildes natürlich sehr unterschiedlich. Es gibt ehemalige Verdingkinder, die trotz einer Belastungsstörung einem Beruf nachgehen. Es gibt aber auch solche, die aufgrund ihrer Traumata nicht arbeitsfähig sind. Die Beschwerden können sich auch negativ auf eine Partnerschaft oder die Erziehung von Kindern auswirken. Prinzipiell kann jeder Lebensbereich betroffen sein und bis zur sozialen Isolation führen.

Kann man bei der Verarbeitung therapeutisch helfen?
Generell können diese Störungsbilder behandelt werden. Ehemalige Verdingkinder, welche heute teils in einem sehr hohen Alter sind, gehören aber noch zu einer Generation, die psychotherapeutische Hilfe nicht so leicht in Anspruch nimmt. Dass man traumatische Ängste und Störungen behandeln lassen kann, ist im Denken vieler Betroffener noch nicht präsent. Sie haben Angst oder auch nie wirklich gelernt, was es bedeutet, Hilfe für sich in Anspruch zu nehmen. Das Vermeiden, über das Erlebte zu reden, hält die traumatischen Störungen aufrecht. Es gibt natürlich aber auch solche, die im Lauf ihres Lebens ein therapeutisches Angebot angenommen und das Erlebte verarbeitet haben.

Erlaubt Ihre Forschung ein ­generelles Fazit über das Leid der ehemaligen Verdingkinder?
Ein generelles Fazit zu ziehen, ist schwierig. Das, was wir heute wissen, basiert auf den Aussagen von denjenigen, welche an die Öffentlichkeit gegangen sind oder an Forschungsprojekten teilgenommen haben. Das waren vielleicht einige Hundert. Es gibt jedoch Schätzungen, dass noch etwa 12 000 bis 25 000 ehemalige Verdingkinder am Leben sind. Es fehlt uns das Wissen jener, welche sich entschieden haben, nie über ihre Erlebnisse zu berichten, und auch von jenen, welche sich früh das Leben genommen haben. Jedoch kann man sagen, dass die absolute Mehrheit der Personen, die an unserer Studie teilgenommen haben, in der Kindheit und Jugend traumatische Erfahrungen gemacht haben.

Um was für Erlebnisse handelt es sich dabei?
Dazu gehört die physische wie auch emotionale Vernachlässigung oder sexueller und psychischer Missbrauch sowie auch physische Gewalt. Rund die Hälfte der von uns Befragten gab an, sexuelle Übergriffe erfahren zu haben. Das ist eine sehr hohe Zahl. Solche Erfahrungen im Kindesalter, das ein sehr sensi-tiver Entwicklungszeitraum ist, können zu nachhaltigen Folgen bei den Betroffenen führen.

Sie sind aber auch auf Betroffene gestossen, die keine oder kaum psychische Auffälligkeiten aufweisen. Wie ist das möglich?
Das ist eine Frage, die uns stark beschäftigt. Wir haben dazu zwei Studien durchgeführt, deren Resultate derzeit noch ausgewertet werden. Deshalb gibt es erst sehr allgemeine Erklärungsansätze. Es gibt ehemalige Verdingkinder, die heute gesund, aktiv und sozial integriert sind. Wir reden in diesem Fall auch von Menschen, die gesund altern. Es hat sich bei diesen Personen herausgestellt, dass sie neben all den Schrecken und traumatischen Erfahrungen, die sie erlebten, jeweils während ihrer Verdingkindzeit eine Bezugs- oder Vertrauensperson hatten. Es handelte sich dabei vielleicht um einen Nachbarn, der nett war, oder eine Lehrerin, der man vertraut hat. Geholfen hat jenen Betroffenen teilweise auch, dass sie später in ihrem Leben einen lieben Partner gefunden haben. Diese positiven Erfahrungen waren für sie dann wie Anker oder Lichtblicke, die ihnen geholfen haben, einen Lebenswillen und Glauben an die Zukunft zu entwickeln. Diejenigen Befragten, welche heute gesund und aktiv sind, berichten zudem von einer inneren Kraft, welche ihnen geholfen hat, durchzuhalten und positiv nach vorne zu blicken.

Stichwort gesellschaftliche ­Verantwortung. Wie können wir den Betroffenen bei der Aufarbeitung des Erlebten helfen?
Wir sollten mit dem Thema als Gesellschaft offen umgehen. Vor allem aber sollten wir versuchen, dieses Kapitel der Schweizer Geschichte emotional auszuhalten und nicht wegzuschauen. Die Verdingkinder gehören zu unserer Landesgeschichte. Auch wenn die Kriegsjahre hierzulande schwierig waren und die Menschen an Hunger litten, ist dies keine Rechtfertigung für die emotionale Verwahrlosung, der diese Menschen ausgeliefert waren. Viele ehemalige Verdingkinder sagen auch, dass es nicht die harte Arbeit oder der Hunger waren, unter denen sie noch heute leiden, sondern die emotionale Vernachlässigung. Unsere Gesellschaft soll diese Menschen anerkennen. Ein offenes Ohr und eine offene Haltung gegenüber den Betroffenen ist sehr viel wert.

Welche therapeutischen ­Massnahmen gibt es?
Neben der therapeutischen Behandlung des zugrunde liegenden Störungsbildes ist die Stärkung des Selbstwertgefühls ein zentrales Ziel. Dabei geht es auch um die Frage, wie stark sich ein Betroffener oder eine Betroffene mit dem Erlebten heute noch identifiziert. Ein weiterer wichtiger Faktor ist das Thema der Stigmatisierung. Viele Betroffene fühlen sich durch das Erlebte wie abgestempelt. Das kann sich in einem mangelnden Zugehörigkeits- und Minderwertigkeitsgefühl äussern. Therapeuten versuchen zu helfen, positive Eigenschaften an sich zu erkennen und diese dann gezielt zu fördern und zu stärken.

Seit dem 1. Januar können ­Betroffene einen Solidaritäts­betrag von 25 000 Franken ­beantragen. Hilft das?
Aus Gesprächen weiss ich, dass einige Betroffene den Betrag als gering betrachten. Viele der ehemaligen Verdingkinder haben finanzielle Schwierigkeiten. Sei dies wegen der mangelnden Schulausbildung oder den psychischen Beeinträchtigungen. Ich finde gut, dass etwas gemacht wird. Der Betrag ist ein solidarisches Zeichen, ein Versuch der Wiedergutmachung. Aber Geld kann das Leid der Betroffenen niemals aufwiegen. Schliesslich aber weiss auch niemand, welcher Betrag angemessen wäre.

Wie ging es Ihnen in den ­Gesprächen mit ehemaligen Verdingkindern?
Als Therapeutin hört man von Berufs wegen ja viele schreckliche Dinge. Dennoch haben mich einige Gespräche sehr betroffen gemacht. Vor allem dann, wenn ich sehe, wie Menschen bis heute stark unter ihrer Vergangenheit leiden. Zu sehen, dass Menschen unverschuldet ein Schicksal ereilt und sie danach selber damit zurechtkommen müssen, ist hart. Ich möchte mich bei allen ehemaligen Verdingkindern bedanken, welche an Forschungsprojekten teilnehmen und somit uns Forschern helfen, dieses Thema zu untersuchen.

(Der Landbote)

Erstellt: 04.03.2017, 09:28 Uhr

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