Regensdorf

Auch die Volkskirche soll sich in ändernden Zeiten anpassen

Kirche für alle und durch alle: in ihrem Vortrag erörterte Theologin Christiane Tietz im Kirchgemeindehaus Regensdorf, worin angesichts schwindender Mitgliederzahlen die Bedeutung der Volkskirche nach wie vor liegt.

Christiane Tietz, Theologin und Professorin an der Universität Zürich

Christiane Tietz, Theologin und Professorin an der Universität Zürich Bild: zvg

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

»Von Zeit zu Zeit tut es der Kirche gut, darüber nachzudenken, wo sie steht und wie es mit ihr weitergehen soll – besonders dann, wenn die Zeiten sich ändern», sagt Christiane Tietz einleitend. Und seit geraumer Zeit ändern sie sich stark, wie die seit 2013 als Professorin an der Theologischen Fakultät der Uni Zürich wirkende deutsche Theologin feststellt. Mitgliederschwund, Autoritätsverlust, der Anspruch auf die allein seligmachende Wahrheit bestehe in der pluralistischen Gesellschaft nicht mehr. Das Ende der Volkskirche sei deshalb schon oft verkündet worden.

Übergang versus Untergang

In seiner Einleitung hatte der Präsident der gastgebenden Bezirkskirchenpflege Dielsdorf, Viktor Juzi, Zahlen genannt: 1970 waren noch 50 Prozent der Schweizer Bevölkerung Mitglied der reformierten Kirche, heute sind es noch 25 Prozent. Im Bezirk Dielsdorf gibt es noch 27 000 Reformierte, jährlich nimmt diese Zahl um 1,5 Prozent oder etwa 400 Personen ab, nicht nur durch Austritte. Statt von Untergang möchte Juzi aber von Übergang oder Aufbruch sprechen, wie die Reformationszeit vor 500 Jahren es auch gewesen sei. Die Frage sei, «wie wir heute noch lebendige Kirche sein können».

Die Definition von Volkskirche durch Zahlen – als Kirche eines Volkes mit einheitlicher Sprache und Herkunft – stellt auch Christiane Tietz in Frage. Biblische Texte würden oft von der Freude über jeden einzelnen sprechen, der glaube. Volkskirche solle nicht zahlenmässig, sondern inhaltlich als Kirche für das Volk, Kirche durch das Volk, Kirche für die Gesellschaft und als Teil des Volkes Gottes verstanden werden.

Volkskirche zeichne sich aus durch Offenheit: Wie sich das Wort Gottes an alle richte, stehe die Volkskirche allen offen, es gebe keine «Glaubenskontrollen» an der Tür. »Der Glaube ist Werk Gottes, keine vom Menschen zu erbringende Leistung», sagt Tietz. Amtshandlungen wie die Taufe würden aber eine gewisse Gebundenheit an die Kirche verlangen. Volkskirche sei aber offen für verschiedene Milieus und karitativ, indem unzählige Ehrenamtliche gegenüber Bedürftigen »organisierte Nächstenliebe» leben würden.

Kirche durch das Volk

So wie die Volkskirche dem ganzen Volk offenstehen würde, so lebe sie durch das Volk. «Durch jene, die für andere da sind, durch solche, die von ihrem individuellen Glauben berichten und so zeigen, dass man auch heute noch feste, nicht wechselnde Überzeugungen haben kann», sagt Tietz. Dabei hätten sowohl konservative wie liberale Glaubensrichtungen und «Zwischentöne» Platz. Vielfalt sei gut tragbar, wenn es in ihr zugleich eine Einheit und eine deutliche Botschaft gebe: Mit Jesus inhaltlich im Zentrum der Kirche, mit dem gemeinsamen Gottesdienst verschiedenster Menschen im Zentrum des Gemeindelebens.

Gesellschaft und Volk Gottes

«Das Evangelium ist von Haus aus politisch», wird der Schweizer Theologe Karl Barth zitiert. Darum solle und dürfe sich die Volkskirche in gesellschaftliche Debatten einmischen und Position beziehen, sagt Dietz. «Sie hat wie alle anderen Debattenteilnehmer ihre eigene Perspektive und keinen Anspruch auf letzte Autorität. Über Positionen soll auch innerhalb der Kirche gestritten werden. Und schliesslich ist sie mit den Kirchen anderer Länder Teil des einen Volkes Gottes, aus allen Nationen, Völkern und Rassen.»

Sich über die Zukunft der Kirche zu sorgen, sei müssig. Denn, sagt Christiane Tietz abschliessend: «Am Ende hält Gott seine Kirche am Leben.» Das lasse jene hoffen, die Gottvertrauen hätten und nicht allein an nackte Zahlen glauben würden (Zürcher Unterländer)

Erstellt: 16.03.2017, 16:10 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zuonline.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 854 82 14. Mehr...

Werbung

Branchenbox

Die wöchentliche Seite in der Printausgabe des «Zürcher Unterländer». Ihre Kontaktangaben immer online abrufbar.

Kommentare

Blogs

Wanderung am Obersee Im Zigerland ­– ein Gefühl fast wie in Kanada

Reisen Wo Wind und Wasser das Sagen haben

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben