Therapiehund

Epilepsie – Wenn der Familienhund vor einem drohenden Anfall warnt

Die Eigenschaften von Hunden machen sich Menschen seit Jahrtausenden zunutze. Relativ neu ist der Einsatz der Vierbeiner für Epilepsie-Patienten. Die Tiere warnen vor drohenden Anfällen.

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Evelyn Nielsen ist überzeugt: Ihr Leben ist einfacher geworden, seit vor vier Jahren der Labrador Kalle in ihre Familie kam. Kalle ist ein Epilepsie-Hund, darauf trainiert anzuzeigen, wenn sich ein Anfall ankündigt. «Mein sechsjähriger Sohn Nikolaj hat das Dravet-Syndrom seit er fünf Wochen alt war», erzählt sie. «Das ist eine seltene Form der Epilepsie, die kleine Kinder trifft und die nicht therapiert werden kann. Die Sterberate ist hoch, weil die Anfälle nicht von selbst aufhören und irgendwann das Herz nicht mehr mitmacht.»

Jede Infektion kann zum Auslöser werden

Die Familie Nielsen aus Lufingen-Augwil im Zürcher Unterland tun also alles, um Nikolaj zu schützen. Er darf beispielsweise nur mit absolut gesunden Kindern spielen, denn jede Infektion könnte zum Auslöser werden. Er wird 24 Stunden am Tag überwacht, damit man ihn immer mit Notfallmedikamenten behandeln könnte. Und er darf sich nicht anstrengen, denn sobald seine Körpertemperatur ansteigt, würde er wieder einen Anfall bekommen. Bei all diesen Aufgaben hilft Kalle.

«Der Hund ist Nikolajs bester Freund, der immer für ihn da ist und ihn nicht bewertet. Er motivierte ihn schon als Kleinkind, sich zu bewegen oder zu reden – besser als jeder Physio- oder Sprachtherapeut. Vor allem aber warnt er mich, wenn ein Anfall bevorsteht, so dass ich Nikolaj aus einer Gefahrenzone bringen kann – sei es die Badewanne, das Velo oder die Sofakante.» Viele Epileptiker hätten zudem durch die Medikamente ein vermindertes Schmerzempfinden. «Nikolaj merkt gar nicht, wenn ihm etwas wehtut. Kalle dagegen bemerkt Entzündungen sofort und meldet sie, bevor Nikolajs Fieber so hoch wird, dass wir ins Spital müssen.»

Der erste Epilepsiehund in der Schweiz

Kalle war der erste Epilepsiehund in der Schweiz. Inzwischen hat er acht Kollegen bekommen, denn Evelyn Nielsen hat sich mit zwei Freundinnen zusammengetan, um den Verein «Epidogs for Kids» zu gründen, der Hundetrainings organisiert. «In den USA kennt man Epilepsiehunde schon seit einigen Jahrzehnten. Wir haben immerhin in Deutschland mit Manuela van Schewick eine Ausbilderin für mich und den Hund gefunden.»

Die engagierte Mutter war als Tierarzthelferin und Hundetrainerin mit einigen Vorkenntnissen ausgestattet. Bedingung sei das aber keinesfalls: «Es ist kein Hexenwerk: Hund und Familie lernen gemeinsam.» Bevor es aber um die Entwicklung der speziellen Fähigkeiten geht, muss sich das richtige Gespann zusammenfinden.

Der Welpe sucht sich den Menschen aus

Zu dem Zweck ging die Familie zu einem Züchter, der mit Elterntieren arbeitet, die selbst gerne eine Bindung zu Menschen eingehen. «Der Welpe muss sich seinen Menschen aussuchen», erklärt Nielsen. «Wenn die Jungtiere etwa drei Monate sind, setzt sich der kleine Patient zum Wurf. Von sechs Geschwistern gehen oft nur ein oder zwei sofort auf das Kind zu und suchen den Kontakt.» Ausserdem müsse das Temperament zum Kind passen.

Hunde mit geringer Stressresistenz oder hohem Schutztrieb sind von der Ausbildung ausgeschlossen. Rassen wie Labradore, die Hunde hervorbringen, die meist gern mit Menschen zusammenarbeiten, werden bevorzugt.

Ausbildung aus eigenem Antrieb

Der Welpe darf sich in seinem ersten Lebensjahr recht frei entfalten. Es gibt eine sanfte Grunderziehung. Das Tier muss gut gehorchen, denn er darf seinen Menschen überall begleiten. Zur «Anfall-Frühwarn-Anlage» entwickelt er sich nach Angaben von Evelyn Nielsen aus Eigeninitiative – nach der sogenannten «Do as I do»-Methode: «Kalle hat beobachtet, dass wir Nikolaj jeweils ausziehen, wenn er erhöhte Temperatur hat, weil wir dem Anfall entgegenwirken wollen. Also zieht er inzwischen meinem Sohn die Socken aus, wenn ihm etwas komisch vorkommt.»

Die anderen acht Schweizer Epilepsiehunde zeigen anders an. Sie knabbern an der Haut oder schlecken das Gesicht ihres Menschen ab. «Manche Hunde ziehen sich zurück, sobald ein Anfall droht. Auch das ist für die Eltern ein deutliches Zeichen.» Das Verhalten werde nicht antrainiert - anders als bei der normalen Hundeerziehung, bei der man Wohlverhalten mit Leckerli belohnt. «Wir wollen ja nicht, dass der Hund, um an die Belohnung zu kommen, immer wieder einen Anfall anzeigt, obwohl sich keiner anbahnt.»

Die Hunde erkennen die Verhaltensänderungen

Die Voraussage basiert auf der guten Beobachtungsgabe der Hunde. Sie erkennen Verhaltensänderungen, eine leicht erhöhte Muskelanspannung oder riechen Veränderungen im Stoffwechsel, die einem Anfall vorausgehen. Man kann ihnen zusätzlich beibringen, während des Anfalls beim Patienten zu bleiben oder Medikamente zu holen.

«Die Hunde sind dankbar, eine wichtige Aufgabe in ihrem Rudel zu bekommen», sagt Evelyn Nielsen. «Sie nehmen ihren Job ernst. Die Arbeit muss aber immer positiv behaftet sein.»

Die Epilepsiehunde brauchen Pausen

Nicht ganz so rosig sieht das der Diplom-Psychologe, Psychotherapeut und Experte für tiergestützte Therapie Rainer Wohlfarth. Seiner Meinung nach setzen die Menschen die Hunde grossem Stress aus. «Damit der Hund einen Anfall anzeigt, muss er den Eindruck haben, ihm selbst falle gleich der Himmel auf den Kopf. Insofern handelt er nicht aus eigenem Antrieb, sondern aus Angst um den Menschen, mit dem er eine enge Bindung eingegangen ist. Im schlimmsten Fall wird er zum aggressiven Beschützer und lässt Rettungskräfte nicht an den Patienten.» Nielsen räumt ein, dass die Hunde Pausen brauchen: «Die Ausbildungsverantwortlichen kontrollieren streng die Work-Life-Balance der Tiere.» Sie verordneten ein Freizeitprogramm, in dem der Hund einfach Hund sein dürfe.

«Wenn es gut läuft, gibt es bei uns zehn Anfälle pro Monat. Das ist für Kalle kein Problem. Aber wir hatten auch eine Phase, da gab es 25 Anfälle am Tag. Das war zu viel, zumal Kalle ein Workaholic ist. Deshalb haben wir im Verein ein Götti-System aufgebaut. Braucht der Hund eine Auszeit, geht er zu seinem Paten.»

Zweifel an Nutzen und keine Kostenübernahme

Um das individuelle Zeichen des Hundes zu erkennen, braucht es Beobachtung, etwas Mut und eine engmaschige Betreuung durch die Ausbilder. Rund drei Jahre kommt die Ausbilderin, die der Verein Epidogs for Kids engagiert, in die Familien. Zweimal im Jahr treffen sich alle in der Hundeschule der Trainerin in Meckenheim bei Bonn für ein einwöchiges Intensiv-Training. Dadurch entstehen über die Zeit Kosten von bis zu 15 000 Franken, die über Spenden finanziert werden. Die Halter bezahlen nur die Anschaffung des Hundes und die in der Schweiz obligatorischen Hundekurse.

Die Krankenkassen erkennen den Nutzen der Hunde nicht an und beteiligen sich deshalb nicht. Ihre Skepsis teilt der Wissenschaftler Rainer Wohlfarth. Er hat die weltweite Forschung zum Thema Epilepsiehunde zusammengefasst und kommt zu dem Schluss: «Es gibt eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass Hunde einen Anfall vorhersagen können. Man weiss aber nicht, wie zuverlässig sie es tun. Es gibt eine Studie aus den USA, bei der Patienten technisch überwacht wurden und gleichzeitig ihren Hund dabei hatten. Dabei stellte sich heraus, dass die Hunde die meisten Anfälle schlicht verschlafen haben. Wissenschaftlich steht das auf tönernen Füssen!»

Trotz Kritik: Ein Hund tut dem Kranken gut

Besonders kritisch betrachtet der Experte Schilderungen, nach denen Hunde ihre Menschen aus einem Anfall herausgeholt hätten. Trotzdem befürwortet Wohlfarth den Einsatz von Hunden bei Epilepsie-Patienten: Hunde täten den Kranken auf jeden Fall gut. «Ein Kind, dass mit seinem Hund spazieren geht, ist plötzlich im Mittelpunkt des Interesses, nicht weil es krank ist, sondern weil es einen tollen Hund hat. Ein Hund als Freund gibt Selbstbewusstsein. Es reicht doch, Behindertenbegleithunde zu haben, die im Notfall Alarm schlagen – warum müssen die Tiere auch noch zusätzlich wundersame Fähigkeiten haben!» (Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 13.03.2017, 10:18 Uhr

Vorträge

Wie die Tiere helfen können

Epi Suisse, der Schweizerische Verein für Epilepsie, organisiert am Dienstag 21. März im 18.30 Uhr im Kongresshaus Liebestrasse in Winterthur verschiedene Vorträge zum Thema tiergestützte Interventionen. Evelyn Nielsen berichtet über Epilepsie-Hunde. Eva Sozzi erklärt, wie eine Therapie mit Pferden das Leben der Betroffenen erleichtern kann.igr
Anmeldung: unter: www.epi-suisse.ch/de/Angebote. Näheres zum Verein Epidogs für Kids unter:
//epidogsforkids.ch

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