Zürich

«Mich interessiert die Suche nach der Hölle in uns selbst»

Stefan Zweifel dringt, mit Thomas Sarbacher und Julian Sartorius, in Dantes und Pasolinis Abgründe. Ein Abend über Hölle und Paradies.

<b>Stefan Zweifel </b>ist Übersetzer, Journalist und freier Sprecher in der Reihe «Literatur Hoch Zwei» – da ist er  allem voran Philosoph und Suchender.

Stefan Zweifel ist Übersetzer, Journalist und freier Sprecher in der Reihe «Literatur Hoch Zwei» – da ist er allem voran Philosoph und Suchender. Bild: zvg

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Für die Reihe «Literatur Hoch Zwei» vermessen Stefan Zweifel und Thomas Sarbacher die Reiche von jeweils zwei Autoren. Auf dieser ungewöhnlichen Expedition begleitet sie der Perkussionist Julian Sartorius. Der nächste literarische Abend ist Dante und Pasolini gewidmet und trägt den Titel «Höllische Paradiese». Ein Abend mit Lesung, spannunggeladenem Perkussionsspiel und einiger Improvisation.

Sie mögen das Abgründige. Was fasziniert Sie am Blick in die Seele des Menschen?

Stefan Zweifel: Natürlich suche ich darin auch Winkel, die in meiner eigenen Seele nicht ausgeleuchtet sind und vielleicht gerade deshalb mein Leben lenken. In der Literatur aber faszinieren mich Figuren, die diesen Blick in den Abgrund wagten, wenn sie dafür – wie der Marquis de Sade – jahrelang ins Gefängnis geworfen oder zum Tode verurteilt wurden. Ihr Wagemut verleiht den Texten eine Flirrkraft, die man in den Texten ihrer heutigen Nachahmer nicht mehr findet. Denn die bedienen nur den Markt, auf dem das Geschäft mit dem Tabubruch wie geschmiert läuft und nichts mehr wirklich in Frage stellt.

Marquis de Sade, Boris Vian oder Pier Paolo Pasolini: Sie befassen sich seit je mit Sex und Pornographie. Gehören diese Themen zu einer Art unendlichen Geschichte oder wird es irgendwann eine gesellschaftliche Übersättigung geben, die in Abstumpfung oder Desinteresse mündet?

Die grosse Tragödie in Pasolinis Leben war ja, dass er sich von den schönen Körpern erhoffte, sie würden in der Welt Inseln des Widerstandes eröffnen. Doch nach 68 merkte er, dass die sexuelle Revolution das schöne Geheimnis der Sexualität in Konsum verwandelte. Er redete vom Konsum-Faschismus. Einem totalitären System, wo sich auch die Sexualität dem Zwang zu Leistung und Output unterordnet.

Mit welchen Konsequenzen?

Der sexuelle Genuss, einst eine Subversion in unserer Kultur, wird zum neuen kategorischen Imperativ: Schlage aus all deinen Körperöffnungen möglichst viel Lust! Das Kapital nistet sich in den Hohlräumen und Leerstellen unserer Körper ein. Fiftythousend Shades sozusagen. Und doch: Pasolinis Filme und Texte sind so radikal, dass jeder heutige Zuschauer, und sei er noch so abgestumpft vom medialen Recycling, aufgerüttelt, verstört und verunsichert wird.

Der literarische Abend «Höllische Paradiese» wird dieseThemen mit einbeziehen. Inwiefern hat der Sex – in all seinen Facetten – etwas mit Hölle und Paradies zu tun?

Sex wurde zum Konsum-Paradies. Was lange verteufelt wurde, kippte in ein Heilsversprechen. Sade der Satan wurde zum Modeautor der französischen Intellektuellen. Vielleicht ist es heute aber so, dass wir in der Hölle nicht so sehr ein Paradies entdecken, sondern in der paradiesischen Welt des heutigen Konsums plötzlich höllische Abgründe ausmachen.

Haben diese Konstrukte in der heutigen Zeit überhaupt noch Gültigkeit?

In gewisser Weise haben sich die Vorzeichen verkehrt: Wer heute schockieren will, bekennt sich vielleicht besser zu Askese und Jungfräulichkeit. Er entzieht sich damit dem Markt. Das Höllische der Hölle ist heute vielleicht, dass sie als Paradiesversprechen vermarktet wird. Und vielleicht wirken gerade Dantes Schilderungen des Paradieses, des himmlischen Lichtkreises verstörender als seine Darstellung von Satan.

In «Höllische Paradiese» werden Sie Dante und Pasolini einander gegenüberstellen. Da handeltes sich wohl nur vordergründig um sehr unterschiedliche Charaktere, oder?

Dante und Pasolini haben beide auf ihre Weise der eigenen Zeit einen Spiegel, einen Zerrspiegel vorgehalten. Dante wurde ins Exil verjagt, Pasolini am Strand von Ostia brutal ermordet. Und Pasolini bewunderte Dante zutiefst. Er versuchte, ihn in seine Gegenwart zu übersetzen: Pasolini schrieb ja eine moderne Version von Dantes «Divina Commedia» und nannte sie «Divina Mimesis». Er schildert einen Gang durch die Höllenkreise der italienischen Vorstädte, mitten hinein ins Herz des Konformismus. Jeder will anders sein und alle sind gleich. Die Hölle der Streetparade.

Dantes «Göttliche Komödie» ist eine harte Abrechnung mit der Gesellschaft. Er katapultiert geschichtlich relevante Persönlichkeiten in die Hölle und lässt sie skurrile Qualen erleiden. Eine poetische und somit elegante Lösung, um die eigene Meinung zu bekunden?

Dante schickt die Bischöfe und Päpste seiner Zeit in die Hölle, steckt sie kopfüber ins ewige Eis des Hasses und geisselt sie für ihre Heuchelei. Die polemische Spitze vieler Details verstehen wir nicht mehr, aber wenn er Wälder in der Hölle schildert, wo die Rinde der Bäume blutet und die kahlen Zweige verzweifelt im Höllenhauch winken und das Knistern und Knacken eine Art Konzert der kahlen Kälte bilden, dann fahren all diese Ks in unsere Knochen.

Im Film «Die 120 Tage von Sodom» nutzt Pasolini de Sades Gewaltbilder, um das faschistische System zu spiegeln. Er füllt Dantes Höllenkreise mit dessen Gestalten auf und überträgt damit die gesellschaftliche Kritik in seine Gegenwart. Werden Sie in «Höllische Paradiese» auf der literarischen Ebene bleiben oder Parallelen zur heutigen Zeit suchen?

Die Parallele zur heutigen Politik wird jeder selbst entdecken. Mich interessiert eher die Suche nach der Hölle in uns selbst. Nach dem, was wir selbst verdrängen. Ich frage mich, in wessen Schädel würde ich die eigenen Zähne schlagen wie Ugolino, der dazu gezwungen wurde, in einem Hungerturm die eigenen Kinder zu essen. Schlummert nicht auch in mir solcher Hass, solche Weissglut?

Heute hat sich das Blatt ja etwas gewendet und restriktivere Wertansprüche kollidieren mit der inflationären Verbreitung von einschlägigem Bildmaterial und oftmals fragwürdigen Angeboten. Wie würden sich wohl Dante und Pasolini dazu äussern?

Heute sind alle Formen sexueller Fantasien zwei, drei Klicks entfernt. Man kann sich durch pornografische Seiten scrollen. Und um nicht etwas zu sehen, was uns verstört, wird alles in Kategorien aufgelistet: Outdoor, Milf, MMF, SM... Ein Alphabet des Sexuellen. Die eigene Lust wird zum Kürzel kastriert, das freie Schleifen der Fantasie im Keim erstickt.

Und wie ordnen Sie die heutigen Abgründe ein?

Milo Rau hat gerade im Schauspielhaus Pasolinis Sade-Verflimung inszeniert. Mit den virtuosen Darstellern des Theaters Hora, und er fragt: Weshalb treiben wir neun von zehn Trisomie- 21-Kindern ab? Weshalb verdrängen wir diesen Abgrund, den die moderne Medizin in unserem eigenen Leben eröffnet? Und trifft sich da mit Pasolini, der in den 70er-Jahren gegen die Legalisierung der Abtreibung war und seine Freunde damit schockierte.

Wieso lehnte Pasolini die Abtreibung ab?

Pasolini schwebte ein unzeitgemässes Heiliges für alle Formen von Leben vor. Wir haben das Leben entheiligt und durch Medizin instrumentalisiert. Alles soll glatt funktionieren. Damit verstümmeln wir letztlich die Wahrnehmung unserer Welt. Wir treiben eine uns unbekannte Fülle der Weltwahrnehmung ab.

Was war die grösste Herausforderung bei der Inszenierung von «Höllische Paradiese»?

Das weiss ich noch nicht: Ich improvisiere ja meine freie Rede zum Trommelwirbel des Schlagzeugers. Dieses Risiko lässt mich vorher schlecht schlafen.

Sie werden wohl die Themen Sex und Pornographie mit einbeziehen. Erwarten Sie diesbezüglich Reaktionen?

Ich hoffe, dass die poetische Vielfalt und die Komplexität der Texte jeden Zuschauer in Bereiche lockt, die ihm neu und unbekannt sind. Das Pornografische wird erst dort interessant, wo man in eine eigene «innere Erfahrung» eintaucht, die man noch nie gemacht hat. Das leisten eben nicht Internet-Sites, sondern das tut die Sprachmacht der grossen Autoren. Erotik ist unzähmbar. Im Gegensatz zur Sexualität lässt sie sich nicht in das Leistungsschema des Sexuellen einspannen.

Inwiefern?

Sexualität stand früher im Dienst der Fortpflanzung, heute im Dienst der Performance. Erotik aber findet weitab vom Fitness-Studio der Erektionsdauer statt und kann sich an knisternden Stoffen entzünden, am Licht in den Wolken, am Duft einer Wiese. Sie zeigt uns Wege dorthin, wo unser Ich mit der Welt verschmilzt. Wahrscheinlich wussten die mittelalterlichen Mystiker mehr davon, als die aufgeklärten Zeitgenossen von heute. Erotik konfrontiert uns mit dem Rätsel: Was ist eigentlich mein wahres Ich?

Angenommen, man würde Sie als «Enfant terrible» titulieren, was würde das für Sie bedeuten?

Ich arbeite als Übersetzer, als Ausstellungsmacher wie bei «Dada Universal» im Landesmuseum, führe philosophische Gespräche im Schauspielhaus, unterrichte an der Universität, versuchte den Literaturclub davor zu retten, ein reiner Buchclub zu werden, in dem die Stapel-Literatur angepriesen wird. Das Schreckliche an diesem Kind, das ich sein möchte, ist: Sich nie festlegen lassen, immer weiter ins Unbekannte schweifen, vielleicht auch einmal ins Theater. Jeder Ausflug in eine neue Welt zeigt mir, wie wenig ich weiss, und letztlich ist es immer die Hoffnung, mich wieder neu erfinden zu können, ohne das Abziehbild meiner selbst zu werden.


Literatur Hoch Zwei – «Höllische Paradiese» Dienstag, 21. März, 20 Uhr. Miller’s, Seefeldstrasse 225, Zürich. Tickets: www.millers.ch. ()

Erstellt: 16.03.2017, 11:55 Uhr

Ticketverlosung

«Höllische Paradiese» – Der «Zürcher Unterländer» verlost zweimal zwei Tickets. Die Tickets werden an der Kasse hinterlegt; die Gewinner per Mail informiert.
Kennwort: Höllische Paradiese
Teilnahme: kostenlos per Mail auf ticketverlosung@zuonline.ch bis Montag, 20. März, 8 Uhr (Name und Adresse angeben). Über die Verlosung wird keine Korrespondenz geführt. Die Teilnahme ist nur einmal pro Person möglich; Mitarbeiter von Tamedia sowie ihre im selben Haushalt lebenden Angehörigen sind nicht teilnahmeberechtigt. red

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