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Bald stehen wieder Gräberaufhebungen an

Im Frühling beginnen auf vielen Friedhöfen die Arbeiten der Gräberaufhebung. Allerdings handhaben die Gemeinden diese Praxis unterschiedlich – etwa was die gesetzliche Ruhefrist von 20 Jahren angeht.

Bülachs Friedhofsmitarbeiter Gerold Burger wird in der ersten Aprilwoche mit seinem Team zur Gräberaufhebung ansetzen. Die 58 Gräber im Bild werden geräumt.

Bülachs Friedhofsmitarbeiter Gerold Burger wird in der ersten Aprilwoche mit seinem Team zur Gräberaufhebung ansetzen. Die 58 Gräber im Bild werden geräumt. Bild: Sibylle Meier

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Der Friedhof: wie sein Name sagt, ein Ort des Friedens, der Bedachtsamkeit und Erinnerung. Unter den Füssen des Friedhofmitarbeiters Gerold Burger knirscht der Kies, als er über das Friedhofsgelände marschiert, in den Baumkronen über seinem Kopf sitzen zwitschernde Vögel. Jeden Frühling liegt es in den Händen seines Teams, eine besondere Dynamik auf den ruhigen Friedhof zu bringen: Gräber, die 20 oder mehr Jahre geruhthaben, werden aufgehoben. So ist es in der Verordnung über dieBestattungen des Kantons Zürich festgehalten: Nach Ablauf von zwei Jahrzehnten Ruhefrist dürfen die Gräber abgeräumt und neu belegt werden. «Meiner Erfahrung nach hilft in der Trauerverarbeitung die Zeit am meisten – 20 Jahre geben Distanz», sagt Burger. «Bis 1998 galt noch eine Ruhefrist von 25 Jahren, weshalb die 91er-Jahrgänge erst jetzt aufgehoben werden», erklärt Burger.

Die Ruhefrist habe aber nicht nur pietätische, sondern auch ganz praktische Gründe: «Wir müssen auf dem Friedhof immerzu Platz anbieten können», erklärt Burger. Ausserdem würden gewisse Gräber nach so langer Zeit nicht mehr richtig gepflegt, sodass die Gemeinde ihre Unterhaltung finanziert.

Die Gebeine bleiben liegen

In welcher Jahreszeit die Friedhofsmitarbeitenden zur Gräberräumung ansetzen wollen, entscheiden sie jeweils selbst. «In Bülach führen wir die Räumung in der ersten Aprilwoche durch, damit das Gras im Frühling schnell nachwachsen kann», schildert Burger. Heuer betrifft dies 58 Erdgräber aus dem Jahr 1991.

Aus optischen Gründen werden jeweils ganze Reihen gleichzeitig aufgehoben. Ein Grab auszuheben, bedeutet, den Grabstein und die Bepflanzung zu entfernen und einen Rasen anzusäen – die menschlichen Überreste werden nicht abtransportiert, sondern bleiben liegen. «Auch das hilft für den Verarbeitungsprozess», weiss Burger. Aus den einstigen Sarggräbern werden Urnengräber, weil dabei nicht so tief gegraben werden muss. Der Grabstein wird entsorgt, wenn die Angehörigen keinen Anspruch darauf erheben. Die meisten Gemeinden kontaktieren die Hinterbliebenen vorher. In Bülach setzt man dagegen auf die Eigenverantwortung: «Wer den Grabstein haben möchte, muss eine Adresse hinterlegen», erklärt Burger.

Eine emotionale Angelegenheit müsse dies nicht sein, hält er fest. «Eine Frau, die hier jeden Tag ein Grab besucht hat, meinte einmal zu mir, sie wisse auch ohne Grabstein, wo ihr Mann begraben liege.» Für manche könne es dazu eine Erleichterung sein, sich nicht weiter um den Unterhalt des Grabs kümmern zu müssen. Allerdings sei Burger auch schon einer Frau begegnet, die nach Jahren im Ausland wieder einmal ihre Eltern auf dem Friedhof besuchen wollte und enttäuscht war, als das Grab bereits aufgehoben war. «Verallgemeinern lassen sich solche Fälle aber nicht.»

Vorzeitige Aufhebung selten

Im bis jetzt beschriebenen Vorgehen ähneln sich die Unterländer Gemeinden, wie eine Umfrage zeigt. Allerdings werden auch Gegensätze deutlich – gerade was die Ruhefrist angeht, äussern sich die zuständigen Gemeindemitarbeitenden unterschiedlich. Die Gemeinden Niederhasli und Regensdorf beispielsweise melden, dass die gesetzliche Ruhefrist zwingend einzuhalten und eine Verlängerung der Grabesruhe nicht möglich sei.

Andere Gemeinden wie Rafz, Glattfelden und Wallisellen differenzieren demgegenüber: Zwar sei eine vorzeitige Aufhebung nicht vorgesehen, aber in Einzelfällen möglich. «Sarggräber können nicht früher aufgehoben werden, bei Urnen ist es zwar unüblich, aber möglich», erklärt Guido Egli, stellvertretender Gemeindeschreiber und Leiter des Bestattungsamtes von Wallisellen. Er habe in Wallisellen einmal eine Frau gekannt, deren Mann auf dem Gemeindefriedhof lag. Sie wollte ihren Lebensabend im Tessin verbringen und dafür die Urne ihres Mannes mitnehmen. «In solchen Fällen, finden wir, sollte eine vorzeitige Aufhebung möglich sein», sagt Egli.

Nicht überall wird gefeiert

Ein weiterer Unterschied zwischen den Gemeinden: Nicht überall wird eine Andachtsfeier zur Gräberaufhebung durchgeführt. So bieten etwa Rafz, Bülach, Regensdorf und Dielsdorf keine Feiern an, die Gemeinden Glattfelden, Niederhasli und Wallisellen stellen dagegen eine auf die Beine. Bei den Ersteren heisst es auf Anfrage einhellig, dass eine Zeremonie zur Gräberaufhebung weder bei den Angehörigen noch bei der Gemeinde je als Bedürfnis geäussert worden sei.

Guido Egli schildert demgegenüber, dass die Grabräumungen Angehörige immer wieder vor eine emotionale Herausforderung stellten und deshalb seit 2011 eine Andachtsfeier auf dem Friedhof angeboten werde. «Die Besucherzahlen zeigen uns, dass dies einem grossen Bedürfnis entspricht», sagt er. Die Feier wird mit drei kirchlichen Vertretern sowie musikalischer Untermalung durchgeführt. Beatrice Wüthrich, Gemeindeschreiberin von Glattfelden, hält dazu fest, dass mindestens 150 Personen an der «sehr bewegenden Feier» in Glattfelden teilgenommen hätten. (Zürcher Unterländer)

Erstellt: 17.02.2017, 08:54 Uhr

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