Wallisellen

Cool im Sturm der üblen Sprüche

Vor fast zwei Jahren, am 17. Mai 2015, fand das Drittligaspiel Glattfelden gegen Töss statt, das viele als «Skandalspiel» bezeichnen. Beide Klubs wurden mit happigen Punkte­abzügen gebüsst und Spieler lange gesperrt. Der am härtesten bestrafte Bujar Memeti schaut zurück. Mit gemischtem Gefühl.

Während seiner mehrmonatigen Sperre hat Bujar Memeti nicht gegrollt, sondern die Zeit sinnvoll genutzt.

Während seiner mehrmonatigen Sperre hat Bujar Memeti nicht gegrollt, sondern die Zeit sinnvoll genutzt. Bild: Balz Murer

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Das Spiel wurde damals in der 51. Minute abgebrochen. Spieler und danach auch Zuschauer gingen aufeinander los. Der Fussballverband der Region Zürich (FVRZ) zog dem gastgebenden Klub wegen des Vorfalls zehn Punkte ab. Dies war Ende Saison 2014/15 der Grund für den Abstieg Glattfeldens in die 4. Liga. Als Hauptschuldigen machte der Verband den Glattfelder ­Angreifer Bujar Memeti aus, den er für ein Jahr lang sperrte, die Strafe danach aber um ein halbes Jahr reduzierte.

Verweis auf Ref-Rapport

Für den Ausnahmestürmer war die Sanktion aus zwei Gründen schlimm. «Ich bin beim Abbruchspiel vor zwei Jahren gar nicht hand­greiflich geworden», sagt er und ergänzt, dass dies der Schieds­richter in seinem Rapport auch festgehalten habe. ­Memeti versteht auch heute die harte Bestrafung des FVZR noch nicht. Unverhohlen sagt er: «Meiner Meinung nach haben sie einfach einen Schuldigen gesucht. Vielleicht hätte ich es einfacher gehabt, wenn bei mir nicht ­Memeti, sondern Müller auf dem Spielerpass gestanden hätte.»

Die lange Strafe gegen Bujar Memeti hat sich insofern verlängert, weil er seit gut einem Jahr bei Meisterschaftspartien immer wieder provoziert wird. «Es stehen Leute am Spielfeldrand, die ich nicht kenne und die blöde Sprüche gegen mich äussern. Es sind Beschimpfungen oder ras­sis­tische Beleidigungen.» Vor zwei Wochen in Niederweningen zum Beispiel hat jemand Memetis Familie aufs Übelste beleidigt und ihn rassistisch beschimpft. Doch der 28-jährige Angegriffene hat dabei seine Nerven einmal mehr im Griff gehabt. Er liess sich nicht aufs Äusserste provozieren, sondern hat verbal deutsch und deutlich mitgeteilt, dass eine ­solche Beleidigung absolut nicht gehe.

Topskorer Memeti verhält sich im Leben so gradlinig und erfolgsorientiert wie auf dem Fussballplatz. Nichts hat ihn bisher aus der Bahn geworfen. Die lange Sperre nach der Partie Glattfelden gegen Töss habe ihn zwar geschmerzt, weil er keine Fussballspiele mehr bestreiten konnte und weniger mit seinen Sportkollegen zusammen war. Aber er hat die Zeit auch positiv genutzt. «Ich konnte meine Freundin, mit der ich mittlerweile verlobt bin, ­häu­figer sehen. Ich habe mich sonst sportlich fit gehalten und habe zudem mehr in unseren zwei Coop-Pronto-Tankstellen gear­beitet, die ich mit meinen beiden Brüdern im Franchise-System in Wohlen und Baden Nussbaumen führe», schaut er zurück.

Seit der Rückrunde der Saison 2015/16 spielt Bujar Memeti bei Wallisellen. Seine vielen Tore konnten den Abstieg in die 3. Liga indes nicht verhindern. Trotz der Relegation blieb er im Glattal. Es gefällt ihm sehr gut im Verein. «Wir haben Spieler aus vielen verschiedenen Herkunftsländern bei uns. Auch überzeugt mich das Konzept von Trainer Maurizio Fede», berichtet er.

In seinem neuen Klub mögen sie den Kosovaren, der in ­Eglisau wohnt und der bald den Schweizer Pass beantragen wird («Ich wohne in der Schweiz, seit ich vier Jahre alt bin, und fühle mich auch als halber Schweizer»), nicht nur wegen seiner vielen ­Tore. Auch menschlich und charakterlich ist Memeti wichtig. Trainer Fede erzählt: «Seit ­Ja­nuar 2016 arbeite ich mit ­Bujar zusammen. Seither hat es kein Theater und keine Eskalation gege­ben. Seine Trainingspräsenzen sind gut, und er ist ein positiver Mensch in der Kabine.» Auch Sportchef Alexis Sigg lobt den ­Angreifer: «Bujar ist sehr wichtig fürs Team. Er vermittelt auch Ruhe, wenn es nicht so läuft.»

Fedes weise Ratschläge

Natürlich haben Fede und Memeti ausführlich über den Vorfall vom 17. Mai 2015 gesprochen. «Das Ganze hört sich ein wenig nach Sündenbockgeschichte an. Ich denke, dass der Verband es sich vor zwei Jahren etwas einfach gemacht hat», glaubt Fede. Der Trainer hat seinen Spieler auch auf allfällige blöde Bemerkungen von Zuschauern am Spiel­feldrand aufmerksam gemacht. Sein Rat lautet: In solchen Fällen soll er mental stark sein und darf nicht reagieren. Belei­digungen, so übel und dumm sie sind, sollen ins eine Ohr rein und aus dem anderen Ohr raus gehen. Aus diesem Grund wäre es Fede lieb gewesen, wenn Bujar Memeti vor zwei Wochen in Nieder­weningen nach den respekt­losen Äusserungen gegen ihn überhaupt nicht reagiert hätte. Bei so einem Schwachsinn gibt es nur «Mund halten und weggehen», findet der Coach.

Der 35-jährige Alexis Sigg meint zum Vorfall in Nieder­weningen, den er ebenfalls hautnah miterlebt hat: «Natürlich hätte Bujar auch ganz weglaufen können, ohne in der aufgeheizten Stimmung seine Meinung zu ­sagen.»

Bujar Memeti ist erst 28 Jahre alt. Da bleibt ihm noch viel Zeit, um ein ganz grosser Gentlemen zu werden. (Zürcher Unterländer)

Erstellt: 19.05.2017, 20:10 Uhr

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