Oberglatt Bündner Jagdinspektor Georg Brosi hat beim Naturschutzverein über Raubtiere referiert
«Bär hat uns zum Narren gehalten»
Der Bär ist schlau und wortwörtlich bärenstark, wie 80 Interessierte am Donnerstag in Oberglatt erfahren haben. Der Bündner Jagdinspektor Georg Brosi zog alle in des Bären Bann.
Cyprian Schnoz
Die Braunbären machen dem Bündner Jagdinspektor Georg Brosi nicht immer nur Freude. (cy)
Gar mancher staunte nicht schlecht, als er beim Betreten des Saals im Restaurant Hirschen unvermittelt vor einem echten Braunbären stand. Zum Glück wars nur ein ausgestopfter. Er diente als Anschauungsexemplar, denn nach der Generalversammlung des Naturschutzvereins Oberglatt (NVO) informierte Georg Brosi, der Chef des Amts für Jagd und Fischerei Graubünden, über die Grossraubtiere, die in den letzten Jahren im Alpenkanton Einzug gehalten haben.
Der Wolf, der sich seit einigen Jahren in der Surselva aufhalte, verursache als Einzeltier keine Probleme. Es handle sich um ein Männchen, das wohl das Territorium für eine Familiengründung vorbereite, meinte Brosi. Und wann ist dort mit weiteren Wölfen zu rechnen: «Das könnte schon morgen der Fall sein», meinte Brosi gegenüber dieser Zeitung.
Drei bis fünf Luchse, zwei Bären
Ebenfalls zu den Grossraubtieren zählen die drei bis fünf Luchse, die sich in Graubünden aufhalten. Für das grösste Medien-Echo sorgen jedoch die beiden Braunbären MJ4 und JJ3. Während sich der unauffällige MJ4 äusserst menschenscheu zeigt, gebärdet sich JJ3 problematisch. Letzten Herbst versetzte er insbesondere die Bewohner und Touristen auf der Lenzerheide in Aufruhr, denn mehrmals zog er ungeniert durch den Sport- und Kurort, richtete grosse Unordnung bei Abfallcontainern an und verursachte auch einigen Sachschaden. Menschen ging er jedoch aus dem Weg. «JJ3 hatte es besonders auf die Grosscontainer hinter den Hotels abgesehen. Dort konnte er zwischen italienischer, thailändischer oder französischer Küche wählen. Und er nutzte das reiche Angebot entsprechend», sagte der Jagdinspektor in seinem humorvollen, aber informativen und spannenden Vortrag.
Es sei schliesslich mit Hilfe zahlreicher Wildhüter gelungen, den mit einem Sender versehenen Braunbären wieder ins weniger besiedelte Albulatal zurückzudrängen. «Doch vorher hat er uns einige Male ganz schön zum Narren und auf Trab gehalten», sagte Brosi.
JJ3 wandelt auf riskanten Pfaden
Nach einem kurzen Spaziergang letzte Woche hat sich JJ3 wieder im Albulatal in den Winterschlaf begeben. Sollte er sich später wieder nach Lenzerheide oder in ein anderes Dorf aufmachen, werde man sofort versuchen, ihn zu vergrämen und in die Abgeschiedenheit abzudrängen. Im äussersten Fall müsse man JJ3 erlegen, denn er gelte aufgrund seines Verhaltens als Problembär. Dieser stellt eine Zwischenstufe zwischen den Typen Unauffälliger Bär und Risikobär.
Die Beutebilanz der Bündner Grossraubtiere weist für das Jahr 2007 insgesamt 61 Schafe, 1 Ziege und 1 Lama auf. Die Schadenssumme beläuft sich auf rund 40 000 Franken. «Der Halter wird für den Tierverlust vollumfänglich entschädigt, nicht aber für den Mehraufwand, der geleistet werden muss, um die Tiere zu schützen. Diese Kosten müssen die Bergbauern selber tragen.» Das sei ein grosses Manko im System. Wenn sich die Gesellschaft schon entschliesse, Grossraubtiere zuzulassen, müsste sie auch für den Mehraufwand aufkommen, ist Brosis Meinung.
In Graubünden sind aktuell 35 Herdenschutzhunde der Rassen Maremmano und Patou im Einsatz. Eine kostspielige und nicht unproblematische Massnahme, wie Brosi erklärte. Nur die Hälfte der in Ausbildung genommenen Herdenschutzhunde sei schliesslich auch brauchbar. Zudem würden manchmal Spaziergänger angegriffen, und das Gebell in den winterlichen Ställen sei in den Dörfern nicht gern gehört. Und auch wenn die Hunde Teil der Herde sind, greifen sie manchmal ein Schaf an.
30 Jahre Naturschutzverein Am 16. Januar 1978 haben in Oberglatt im Restaurant Hirschen einige Tatenfreudige den Naturschutzverein Oberglatt (NVO) ins Leben gerufen. Einer der damaligen Initianten, der Bachser Fritz Hirt, der den Natur- und Vogelschutzverein Bachsertal präsidiert, machte am vergangenen Donnerstag seine Aufwartung bei der Jubiläums-Generalversammlung des Naturschutzvereins Oberglatt. Diese fand wie die Gründungsversammlung ebenfalls im Saal des «Hirschen» statt. In seiner Gratulationsrede erinnerte sich Hirt schmunzelnd, wie die Initianten damals die Unterschriften auf die Kopiervorlage für die Einladungen geklebt und die Ränder mit Tipp-Ex abgedeckt hätten, um saubere Kopien zu erhalten. Vom Nachbarverein Natur und Umwelt Rümlang (NUR) überbrachte Co-Präsident Walter Weber gute Glückwünsche. Dazu überreichte er dem NVO-Präsidenten Erich Gujer einen Gutschein für einen Baumsetzling nach Wahl. NUR habe nämlich bei seiner Gründung schon eine Linde gepflanzt, und nun solle auch der Oberglatter Naturschutzverein einen Baum haben. Schliesslich informierte Jean-Marc Obrecht von der Fachstelle Naturschutz über das neue Biotop, das in Oberglatt speziell zur Förderung der seltenen Kreuzkröte realisiert wird. Der Naturschutzverein Oberglatt beteiligt sich an der Finanzierung dieses Werks. Ende September soll bei diesem Naturschutz-Bijou die offizielle NVO-Jubiläumsfeier abgehalten werden.