Unterland Auch auf dem Land kämpfen Kondukteure gegen Fausthiebe und Beleidigungen
Statt Tickets gibts oft Schläge
Gewalt gehört zum Alltag von SBB-Angestellten, auch in der Region. Vor allem die SN5 zwischen Zürich und Bülach lasse Zugbegleiter erschauern, gibt der Unterländer Michel Zollinger Auskunft.
Kathrin Morf
Michel Zollinger erscheint das Aufhalten einer S-Bahn leichter als das Verbessern des Kondukteuren-Alltags. Er versucht es dennoch. (kam)
«Ich freute mich auf den Kundenkontakt», erinnert sich Michel Zollinger an die Zeit vor fünf Jahren, als er sich zum «Zugchef S-Bahn» ausbilden liess. Immer häufiger fällt dieser Kontakt aber anders aus, als es sich der Kontrolleur vorgestellt hat: Passagiere schlagen ihm die Faust ins Gesicht, beschimpfen oder bespucken ihn – auch im Unterland. «Ich bin gerecht, aber streng. Ein nettes Lächeln hilft bei mir nicht», versichert der 35-Jährige. Eines Tages fühlte sich ein Schwarzfahrer ungerecht behandelt und begann auf die Kondukteure einzuschlagen – zusammen mit Kollegen. «Zu viert waren sie», erinnert sich Zollinger kopfschüttelnd, und fügt dann lächelnd an: «Wir waren aber zu sechst.» In acht ausgewachsene Schlägereien war der Unterländer schon involviert. Für die schlimmste Erinnerung sorgte aber der ältere Herr, der beim Aussteigen seine Zähne in Zollingers Hand schlug. Die folgenden drei Monate waren von der Angst vor HIV und Hepatitis C geprägt, Zollinger war arbeitsunfähig und musste bis zur Entwarnung 17 Tabletten am Tag schlucken. «Die hatten mehr Nebenwirkungen als Wirkungen», lacht er.
Jung und alt schlagen zu
Die Angriffe seien in den letzten Jahren häufiger und brutaler geworden. Verstärkt werde die Aggressivität durch Alkohol, Drogen – und durch ein hübsches Fräulein, vor dem sich der Ertappte profilieren will. Auch am Wochenende und bei gewissen Nationalitäten sei die Hemmschwelle tiefer, sagt Zollinger und ergänzt: «Das Alter spielt aber keine Rolle, ein 1.-Klass-Kunde ist so gefährlich wie jeder andere, und auch Unterschiede zwischen Stadt und Land gibt es nicht.» Sorgenfalten bekommen die Kontrolleure vor allem dann, wenn sie den berüchtigten Nachtzug SN5 von Zürich nach Bülach kontrollieren müssen; und auch die SN7 zwischen Zürich und Kloten ist kein Zuckerschlecken. Manchmal bemerkt Zollinger die angespannte Stimmung schon beim Einsteigen: Wütende Blicke Betrunkener verfolgen ihn, Sportfans brüllen Schlachtlieder. In solchen Zügen kontrollieren manche Angestellte nicht, markieren nur Präsenz. Andere wagen nicht einmal das. «Unsere Uniform allein ist provozierend», sagt Zollinger – eine Ritterrüstung wäre die passendere Arbeitskleidung.
Fünf Jahre sind genug
Zollinger hat sich als Präsident der Sektion Weinland des Zugpersonalverbandes (ZPV) stets für die Verbesserung des Kondukteur-Alltags engagiert. Bald erschien ihm der Kampf aber aussichtslos. Nun sieht sich der Vater von zwei kleinen Mädchen nach einer neuen Stelle um. «Es war eine gute, aber schwie-rige Erfahrung», zieht er Bilanz, «ich würde mich wohl nicht mehr für diesen Beruf entscheiden.» Vor allem durch zusätzliche Bahnpolizisten liesse sich die Gewalt mindern, meint Zollinger – an manchen Samstagabenden seien nur drei von ihnen im Kanton unterwegs. «Die Präsenz der Bahnpolizei wurde in den letzten Jahren verdoppelt», wirft SBB-Mediensprecher Roland Binz ein. Auch andere Massnahmen sollen für die Sicherheit des Personals garantieren – Kameras an Bahnhöfen zum Beispiel. Für Zollinger gibt es ohne Bahnpolizisten in brenzligen Situationen aber nur eine Lösung: Den Rückzug. «Viele Kontrolleure haben jedoch Angst, den anderen Passagieren gegenüber das Gesicht zu verlieren», erklärt er, «deswegen bleiben sie – und werden attackiert.»
60 Prozent fühlen sich nicht sicher 115 Kondukteure wurden laut ZPV im ersten Halbjahr 2008 in der ganzen Schweiz angegriffen. 570 wurden angespuckt, beschimpft oder bedroht – so viele wie im ganzen Jahr 2007. Laut «Blick» fühlen sich auch 60 Prozent der Passagiere in den S-Bahnen nicht mehr sicher. Den SBB liegen zu diesem Jahr noch keine Daten vor. Die Zahl der Tätlichkeiten und Aggressionen gegen SBB-Mitarbeitende sei in den letzten Jahren mit rund 350 Fällen stabil geblieben. (ZU/NBT)