Bülach Neu fährt am Wochenende ein Nachtzug auf der Strecke der S41
...ich bin auch eine Teenie-Bar
Auf dem Bahnsteig zwischen Gleis 8 und 9 in Winterthur sind zwei kleine, gefrorene Pfützen. Céline Trachsel
Janine Morf (von links), Sabina Horn und Iris Bächli freuen sich über das neue Nachtzugangebot und werden jetzt öfters nach Winterthur in den Ausgang gehen. (thy)
Es ist 1.30 Uhr Sonntagnacht. Mit dem neuen Fahrplan der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) verkehrt neu am Wochenende für Unterländer Nachtschwärmer ein Zug von Winterthur nach Bülach. Noch scheinen das wenige zu wissen, denn erst drei Abteile sind besetzt: Jugendliche Rabauken trinken johlend die letzten Biere aus. Ein junges Paar – er in weiten Hiphopper-Hosen, sie im Mini mit knallroten Strümpfen – sitzt auf der Wartebank – ein schwarzes Gitter, dessen Stahl eiskalt zu sein scheint. Die junge Frau schlottert und zieht den Kragen hoch, bevor sie – ohne ihre schwarzen Handschuhe auszuziehen – einen Zweikampf mit dem Feuerzeug beginnt, um sich eine Zigarette anzuzünden. Ihr Freund legt den Arm um sie und zieht sie an sich.
***
Unterdessen sind eine Handvoll Passagiere in den Nachtzug eingestiegen – oder hineingetorkelt. Ein junger Mann mit grüner Wollmütze lehnt sich an das Geländer der Rampe zum Gleis, schreitet eine Minute später zur Thurbo-Bahn und versucht zweimal den Knopf zum Öffnen der Zugtür mit dem Finger zu treffen. Erfolglos. Der Sekundenzeiger der Bahnhofuhr rückt auf die 12-Uhr-Position vor. 1.35 Uhr. Hastig drückt die junge Frau mit den roten Strümpfen die Zigarette aus und öffnet die Tür des Zuges. Zusammen mit ihrem Freund und gefolgt von dem Betrunkenen mit der grünen Mütze steigt sie ein. Pünktlich um 1.36 Uhr fährt der erste Nachtzug der S41 Richtung Bülach los.
***
Im ersten Wagen besetzt eine Gruppe von Jungs gleich zwei Abteile. Einer – mit Bierdose in der Hand – kreuzt seine Beine auf dem farbigen Polster. «Unerhört», schimpft eine Dame mittleren Alters halblaut. Ihre Begleiter stimmen ihr zu. Sie sind zu viert, wohl zwei Ehepaare, alle mit den ersten Falten im Gesicht, die Männer mit graumeliertem Haar. «Nächster Halt: Winterthur Wülflingen», kündet der Lautsprecher an. Aus der «Jungen-Gang» erhebt sich einer. Mit Handschlag und «Tschau Altä!» verabschiedet er sich von jedem seiner Kollegen. Er steigt aus, senkt den Kopf und kramt seine Kopfhörer aus dem Kragen. Dann biegt er um ein Haus. Gemurmel aus der Ecke der beiden Ehepaare.
***
Die junge Frau mit den roten Strümpfen quasselt seit der Abfahrt in Winterthur in ihr Handy: «Und wie hat er denn ausgesehen? Hauptsache, du hast seine Nummer.» Nach einer geschlagenen Viertelstunde Beziehungstipps macht sich langsam ihr Freund mürrisch bemerkbar. Der Betrunkene mit der grünen Mütze grunzt vor sich hin. «Altä, dä chotzt glii!», grölen die Jungs im Sechserabteil.
Die letzten Stationen hat der Betrunkene verschlafen. Als der Zug in Bülach hält, wird der Betrunkene von aussteigenden Passagieren geweckt. Es ist 1.55 Uhr. Die roten Strumpfhosen verschwinden aus dem Licht des Bahnhofs, und die dunkle Nacht verschluckt sie. Ab jetzt wird in jeder Nacht von Samstag auf Sonntag ein Zug zwischen Winterthur und Bülach verkehren – und danach wieder zurück.