Frauen in der Politik Trotz gestiegenem Anteil fordern Politologen auch heute noch mehr Frauen in der Politik
Mit drei Bundesrätinnen ists nicht getan
Noch immer sind Frauen in der Politik klar in der Minderheit. Eine Politologin und ein Politologe – Regula Stämpfli und Andreas Ladner – ziehen Bilanz. Und sind sich dabei nicht immer ganz einig.
Interview: Sabine Schneiter
In bürgerlichen Parteien sind Frauen auch Jahrzehnte nach Einführung des Frauenstimmrechts noch allein unter Männern – so Natalie Rickli (SVP) im Kantonsrat Zürich am Tag ihrer Wahl. (A)
In Zürich kämpfen zwei Frauen ums Stadtpräsidium, und nach den letzten Wahlen stellten Frauen schweizweit rund ein Viertel aller Gewählten in kantonalen Parlamenten. Braucht die Politik da noch mehr Frauen?
Andreas Ladner: Ja, Frauen sind in der Politik nach wie vor untervertreten. Aus Gründen der Repräsentativität wäre es wünschenswert, wenn mehr Frauen in der Politik aktiv würden.
Regula Stämpfli: Klar. Wir brauchen aber auch mehr Junge, mehr ältere Frauen, mehr Nicht-Juristen und mehr Unternehmerinnen in der Politik. Demokratie soll sich aus möglichst allen Schichten von Gesellschaft, Kultur und Wirtschaft zusammensetzen. Mehr Frauen sind in der Schweiz aber nicht in erster Linie in der Politik, sondern in der Wirtschaft und an den Unis wichtig. Da ist die Schweiz noch Entwicklungsland. Schauen Sie sich die aktuelle Diskussion über den Finanzplatz an – keine weibliche Expertin wird dazu befragt, obwohl es deren viele gäbe. Zu Wort kommen hingegen altbekannte und vor allem abgenützte Exponenten.
Wie ist das Ziel, mehr Frauen in die Politik zu bringen, erreichbar?
Andreas Ladner: Mehr Frauen für die Politik zu gewinnen, das ist eben nicht so einfach, man versucht dies ja schon seit vielen Jahren. Es gäbe aber sicher Möglichkeiten, das Umfeld für sie attraktiver zu gestalten, etwa was Sitzungshäufigkeit und -termine angeht. Und im Kanton Luzern zum Beispiel werden politische Ämter wie Schul- oder Sozialvorstand als Teilzeitstellen ausgeschrieben – mit der Folge, dass mehr Frauen solche Exekutivämter bekleiden. In dieser Diskussion muss man aber auch sehen: Die Vorstellung, dass gleich viele Frauen wie Männer in diese Ämter möchten, aber behindert werden, ist nicht richtig. Gerade auf Gemeindeebene, wo der Einstieg einfach wäre, ist der Frauenanteil tief.
Regula Stämpfli: Mehr Frauen sind nur durch Quoten zu erreichen – siehe Skandinavien. Sonst bleiben die Frauenanteile immer bei knapp unter einem Drittel stehen.
Oft wird aber gesagt, Quoten schaden dem Image der Frauen – sie werden dann als «Quotenfrauen» abgeurteilt.
Regula Stämpfli: Ach, wissen Sie: Seit über hundertfünfzig Jahren wird Frauen gesagt, sie schaden sich selber, wenn sie etwas fordern. Selbstverständlich sind Frauenquoten und auch Männerquoten überall dort nötig, wo ein Geschlecht so dominant ist, dass es das andere unterdrückt.
Andreas Ladner: Als die Frauen noch nicht so präsent waren in der Politik, waren Quoten sicher gut. Sie waren ein Zeichen an die Frauen, dass man es ernst meint. Doch niemand will Gefahr laufen, als Quotenfrau zu gelten; daher sind Quoten mittlerweile wohl nicht mehr so sehr von Bedeutung. Frauen werden heute eher für ihre Leistungen gewählt.
Ist es für Frauen noch immer schwieriger als für Männer, in der Politik ernst genommen zu werden?
Andreas Ladner: Nein, ich denke nicht. Frauen können sich sehr gut durchsetzen. Sie können auch erfolgreich und populär sein. Könnte aber sein, dass sie auch schneller fallen und Angriffe auf sie manchmal persönlicher gefahren werden als gegen Männer.
Regula Stämpfli: Nein, nicht wirklich. Denn vor allem ehrenamtliche Politik wird gerne Frauen überlassen. Allerdings ist die Politik heutzutage in der Schweiz nicht entscheidend. Entscheidend sind vielmehr Banken, Unternehmen, Unis, Medien und Kulturinstitutionen. Und da werden Frauen oft nicht einmal als «nettes Beigemüse» ernstgenommen. Selbst Frauen in leitenden Verwaltungen oder öffentlichen Insitutionen schämen sich nicht mehr, reine Männer-Expertenrunden um sich zu scharen oder für Masterprogramme und Weiterbildungen nur männliche Experten anzustellen.
Politisieren Frauen Ihrer Meinung nach anders als Männer?
Regula Stämpfli: Nicht wirklich. Ausschlaggebend sind Vernunft und Intelligenz. Und die sind derzeit sowohl bei Männern als auch Frauen in politisch wichtigen Positionen nicht berauschend.
Andreas Ladner: Am «Output» ist das schwierig zu messen. Und Margaret Thatcher hat vermutlich nicht anders politisiert als Ronald Reagan. Doch in der Regel haben Frauen wohl einen anderen Umgang und wählen andere Ansätze, um Probleme zu lösen oder Diskussionen zu führen.
Warum schwingen linke Parteien wie SP, Grüne oder PdA obenauf mit Frauenanteilen bis zu 50 Prozent, während in den Rechtsparteien ganz klar die Männer dominieren?
Regula Stämpfli: Schauen Sie sich doch die Frauenfreundlichkeit der Rechtsparteien an. Das sind seit über hundert Jahren klassische Männerparteien und daran ändern jetzt auch eine Frau Hutter oder eine Frau Rickli der SVP nichts. Zudem erreichen linksgrüne Parteien auch nur so hohe Frauenanteile, weil sie durch Quoten gebunden sind.
Andreas Ladner: Ja, das liegt tatsächlich an den Frauenquoten der Linken. Zudem gehe ich davon aus, dass sich Frauen mit linker Einstellung eher politisch betätigen. Deshalb ist es für diese Parteien wohl leichter, 50 Prozent zu erreichen. Die SVP zeigt jetzt aber sehr klar, dass sie versucht, Frauen als Aushängeschilder aufzubauen – wie Natalie Rickli oder Jasmin Hutter. Die Partei will zeigen, dass auch bei ihr Frauen zu Worte kommen.
Regula Stämpfli ist tätig als Dozentin für Geschichte, Politik und politische Philosophie an diversen schweizerischen und europäischen Bildungsanstalten; Andreas Ladner ist Professor für Schweizerische Verwaltung und institutionelle Politik am Institut de Hautes Etudes en Administration publique (IDHEAP) in Lausanne.