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DIENSTAG, 04. AUGUST 2009
Unterland Die Freikirchen florieren – kaum eine Vereinigung fehlt in der Region
«Menschenfischer» angeln weiter
«Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium» sagte Jesus seinen Jüngern in der Bibel. Die Unterländer Freikirchen nehmen sich diesen Missionierungsauftrag zu Herzen – mit Erfolg.
Céline Trachsel
Keine Kirche, aber trotzdem ein Haus Gottes: Die Baptisten in Bülach sind die grösste Gemeinde der Region. «Unser Glaube ist modern und lebendig», begründet Seniorpastor Jürgen Damm den Erfolg der Freikirchen im Unterland. (ct)
Täufergemeinde, Siebenten-Tags-Adventisten, Baptisten, Mennoniten, Methodisten, Chrischona, ICF, Freie Evangelische Gemeinde – die Liste der Freikirchen im Zürcher Unterland lässt sich noch erweitern. Tatsächlich ist das Unterland die Region, die in der Schweiz einen guten Nährboden für freie christliche Gemeinden bietet – übertroffen einzig vom Zürcher Oberland. Der Religionsspezialist und Journalist beim «Tages-Anzeiger» Hugo Stamm bestätigt, dass Freikirchen hier «gut vertreten» sind. Thomas Kaspar, Pastor der Freien Evangelischen Gemeinde (FEG) in Bülach, sieht die Gründe dafür in der geschichtlichen Entwicklung seit der Reformation: «In reformierten Gebieten sind die Freikirchen besser vertreten als beispielsweise in der Innerschweiz, wo viele Kantone katholisch sind. Das Unterland ist offener für den Glauben als andere Regionen.»
Walter Gisin, der 28 Jahre lang reformierter Pfarrer in Eglisau war und den Evangelikalen nahestand, schlägt ebenfalls die Brücke zu jenem Zeitalter: «Wo liberale Pfarrer in der Reformierten Kirche überhandnehmen, dort wachsen auch die Freikirchen.» Zudem habe das Ünterland während der Täuferbewegung vor rund 500 Jahren eine wichtige Rolle gespielt.

Evangelisation ist ein Gebot

Hugo Stamm sieht den Erfolg der Freikirchen in der «geschickten Missionierung», die deren Anhänger betreiben. In der Bibel steht: «Jesus sprach zu ihnen: Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium», und an einer anderen Stelle, «ich werde euch zu Menschenfischern machen.» Genau das nehmen sich die Unterländer Freikirchen zu Herzen – wie am Erfolg zu sehen ist.
«Die Evangelisten sind strenggläubiger und offensiver als die Reformierte, die Katholische oder die Landeskirche», weiss Stamm. Seiner Meinung nach basiert das Erfolgsrezept auf einem durchdachten Vorgehen. Die Freikirchler bringen viel Energie auf für die Missionierung und organisieren dazu Evangelisationsveranstaltungen. Um den politischen Einfluss der Freikirchen zu stärken, engagieren sich einige Mitglieder auch in der Reformierten Kirche. Förderlich für den Erfolg sei ausserdem der Geldzufluss. Denn die Freikirchler geben 10 Prozent ihres Einkommens, also den «Zehnten», an christliche Organisationen und meist ihrer eigenen Gemeinde ab.
Jürgen Damm, Seniorpastor der Baptistengemeinde Bülach, kennt das Gemeindeleben und meint, dass es heute moderner und näher am Alltag ist als in traditionellen Kirchen. Besonders deren junge Mitglieder bringen deshalb eine grössere Überzeugung, Begeisterungsfähigkeit und Lebendigkeit im Glauben mit. «Der Glaube findet seinen Ausdruck in den Gebeten stärker und wird von unseren Mitgliedern im Alltag konkret umgesetzt», ist Damm überzeugt. In seiner Freikirche zähle der lebendige Glaube, ergänzt Kaspar, Pastor der FEG: «Wir leben die Beziehung zu Jesus.»

Gleicher Glaube wie alle Christen

Hugo Stamm bezeichnet indes die Freikirchen grundsätzlich als «sehr fundamentalistisch» im Sinne von strenggläubig. Die einzelnen Gemeinden sind autonom organisiert. Je nach Pastor und Ältestenrat orientiert sich die Einstellung der Anhänger unterschiedlich strikt an der Bibel. Problematisch wird der Glaube nach Stamm dann, wenn dieser das Wort der Bibel als alleingültig verstehe und zum Beispiel Teufelsaustreibungen gutheisse.
Auch wenn «weltliche» Aspekte religiös ausgelegt werden, sieht Stamm in der Strenggläubigkeit eine Gefahr, zum Beispiel bei Depressionen oder anderen Krankheiten. Obwohl diese Menschen medizinisch behandelt werden müssten, verlassen sie sich oft nur auf Gott allein.
Tendenziell offener unter den Freikirchen sind laut Hugo Stamm die Methodisten, die Baptisten und die Chrischona-Gemeinden, als tendenziell konsequenter gelten für ihn die evangelikalen und die Pfingstgemeinden. Der reformierte Pfarrer Walter Gisin fügt an: «Die Freikirchen vertreten eigentlich das gleiche Gedankengut wie die Reformierte Kirche, nur dass sich ihr Alltag und ihr Glaubensleben strenger nach dem Wort der Bibel richtet.»

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