Fussball Masseurin Nadia Scaglioni aus Wallisellen sorgt vielerorts für gute Stimmung
Auch ohne Kinder eine «Mamma»
In der Männerdomäne des Unterländer Fussballs gehört Nadia Scaglioni zu den meistbeachteten Personen. Nicht nur auf dem Platz entspricht die 42-Jährige nicht dem gängigen Klischee.
Markus Wyss
Sanfte Finger auf harten Muskeln: Nadia Scaglioni knetet jede Woche Dutzende von Fussballerwaden. (Johanna Bossart)
Nadia Scaglioni lacht gerne. Oder grölt. Sie empfängt die Leute mit einem herzlichen «Wie gehts». Sie wartet die Antwort ab. Ist die Replik positiv, richtet sie einen guten, witzigen, treffenden Spruch an die Adresse ihres Gegenübers. Und wartet wieder dessen Antwort ab. Und lacht, und grölt.
Die unüberhörbaren Emotionen der 42-Jährigen, die jünger wirkt, als sie ist, sind nie erdrückend. Sie kann auch schweigen, wenn die Situation dies erfordert. Dann hört sie zu oder macht etwas. Sportlerbeine massieren zum Beispiel. Vor zwölf Jahren erwarb sie das Masseurinnen-Diplom. Danach knetete sie die Muskeln der Fussballer von Seebach, Schwamendingen, Brüttisellen, Thalwil, Wallisellen und seit Sommer 2008 auch diejenigen der Rümlanger.
In Wallisellen, wo sie aufgewachsen und wo ihr Bruder Stefano im Fussballverein eine Instituion ist, massiert sie seit acht Jahren. Am Dienstag vor und nach dem Training sowie vor und nach den Spielen, die meistens am späteren Samstagnachmittag stattfinden. In Rümlang ist sie am Donnerstag sowie am Sonntagmorgen aktiv. Was macht die Geschäftsleiterassistentin in der Informatikbranche, wenn ihre aktuellen Vereine gleichzeitig spielen? «Wallisellen hat Vorrang, das habe ich vertraglich so vereinbart», sagt sie in leisem, ruhigem Ton. Sie kann auch anders …
Vielseitige Sportlerin
Nicht nur Fussballer kommen in den Genuss von Scaglionis Massagen. So kümmert sie sich jede Woche um die Velowaden ihres Vaters. Auch privat wird sie häufig gebucht. Wie bewältigt die Doppelbürgerin, die vor zwei Monaten als Italienerin das Schweizer Bürgerrecht angenommen hat, die Doppelbelastung von Beruf und Massieren? «Das ist doch kein Problem, ich habe noch viel mehr Hobbys», entgegnet sie. Und schmunzelt süffisant.
Bereits um 6.45 Uhr trifft Nadia Scaglioni jeweils an ihrem Arbeitsort in Wallisellen ein. Über Mittag geht sie ins Fitness, spielt Badminton oder geht joggen. Am Freitagabend, der oft bis in den Samstagmorgen hinein dauert, ist Rambazamba angesagt. «Wir sind eine Clique von zehn Frauen, und wir gehen gerne tanzen oder feiern ausgelassen bei mir zu Hause», erzählt sie. Am Samstag reinigt sie eigenhändig ihr 200 Quadratmeter grosses Reiheneinfamilienhaus in Bassersdorf, bevor sie am späten Samstagnachmittag wegen Massagepflichten nach Wallisellen fährt. Daneben amtet sie beim FC Wallisellen noch als Leiterin Spielbetrieb Aktive und Junioren.
«Boss» von den «Coyoten»
Aufgrund ihres intensiven Lebensstils handelte sich Nadia Scaglioni den Übernamen «Duracella», hergeleitet von der Batterienmarke «Duracell», ein. Weil sie gleichzeitig das älteste Mitglied und der «Boss» ihres Frauen-Freundeskreises ist, wurde sie zudem Mamma gerufen, was zusammen «Mamma Cella» ergab. «Wir unterhielten vier Jahre lang eine Internetseite und nannten uns ‹Coyotes›», berichtet sie stolz.
Nadia Scaglioni steht gerne im Mittelpunkt, zweifelsohne. «Ich falle gerne auf», sagt sie. Aufgefallen ist sie schon in der Schule. Während die Mädchen meist in den sprachlichen Fächern glänzen, schloss sie die Matur an der Kantonsschule Oerlikon in Mathematik und Physik mit Höchstnote 6 ab – was sie nicht daran hindert, noch fünf Sprachen zu sprechen. Später schaffte sie es, sich der italienischen Familientradition zu widersetzen, sofort Kinder zu bekommen. «Natürlich hatte ich gute Partner. Aber es war keiner dabei, mit dem ich Kinder hätte haben wollen.» Seit ihr Bruder Stefano Vater von zwei Söhnen ist, hat das Drängen der Eltern nachgelassen.
Motivatorin in vielen Bereichen
Gerne geht die attraktive Frau und Fahrerin eines teuren Sportwagens in Minirock und hohen Absätzen in den Ausgang. Dass deswegen oder wegen ihrer zeitaufwändigen Massagetätigkeit hinter ihrem Rücken zuweilen getuschelt wird, stört sie nicht. «Männer, die in einer Partnerschaft gebunden sind, sind für mich tabu, aber flirten kann mir keiner verbieten – deshalb brauche ich mir keine Sorgen zu machen», kontert sie trocken. Auch ihre Freundschaft zur Winterthurer SVP-Hardlinerin Natalie Rickli verschweigt Scaglioni nicht. «Ich mag Natalie als Mensch und finde vieles gut, was sie sagt. Alles muss ich nicht toll finden, denn wir sind beide tolerant und pflegen eine offene Gesprächskultur.»
«Ich bewege mich total ausserhalb des üblichen Rahmens», sagt Nadia Scaglioni über sich. Aber auch in ihrem Rahmen nimmt die Menschlichkeit einen grossen Platz ein. «Ich bringe immer wieder Leute dazu, über ihren Schatten zu springen.» Oder sie besucht jede Woche ihre Eltern. Und auch ihr Lachen erwärmt Herzen.