Nürensdorf Walter Mattenberger startet am ältesten jährlichen Distanz-Wettkampf der Ballonfahrer
Im Notfall fliegt der Proviant raus
Am Samstag startet Walter Mattenberger aus Nürensdorf in Genf zu einer Ballonfahrt. Nicht zu irgendeiner. Er nimmt am Coupe Gordon Bennett teil – dem härtesten Wettkampf dieser Art. Interview Marco Häusler
Mit Christian Stoll (links) startete Walter Mattenberger schon 2006 in Belgien zum Coupe Gordon Benett. (A/zvg)
Der Coupe Aéronautique Gordon Bennett wird zum dritten Mal in Genf ausgetragen. Warum wird dazu in der Nacht gestartet? Walter Mattenberger: Es wird meistens in der Nacht gestartet, weil dann das Gas relativ kühl ist. Denn bei wärmeren Temperaturen dehnt es sich aus. Und weil das Volumen durch die Ballonhülle begrenzt ist, kann man sie bei Tag nur zu ungefähr 80 bis 85 Prozent füllen. Denn das Gas dehnt sich wegen des abnehmenden Luftdrucks auch mit zunehmender Höhe aus. Beim Start in der Nacht kann man den Ballon ganz füllen und gewinnt so eine Nacht, in der man keinen Ballast abwerfen muss.
Sie treten mit Ihrem Partner an, dem Basler Christian Stoll. Warum? Er ist ein sehr erfahrener Pilot und fährt schon seit Jahrzehnten. Ich kenne ihn bereits seit mindestens 15 Jahren.
Gefahren wird mit Gas- und nicht mit Heissluftballons. Hat das einen Grund, und wo liegen die Unterschiede? Das Rennen gibt es seit über 100 Jahren. Damals waren Heissluftballone in ihrer heutigen Form noch weniger bekannt. Und ein Heissluftballon hat nicht die gleiche Autonomie. Wenn das mitgeführte Gas zur Erwärmung der Luft verbraucht ist, muss man landen. Mein längster Flug mit einem Heissluftballon dauerte etwa elf Stunden. Hier reden wir aber von mehreren Tagen.
Beim jetzigen Rennen geht es nicht darum, möglichst lange oben zu bleiben, sondern darum, eine möglichst grosse Distanz zurückzulegen. Ich nehme an, das ist noch schwieriger. Beides hängt natürlich miteinander zusammen. Aber es kann sehr langsam oder sehr schnell vorangehen. Bei schnellen Fahrten stellt sich das Problem des Gas- oder Gewichtsverlustes weniger. Denn irgendwann verliert das Gas an Tragkraft. Dann muss man Ballast, also Sand abwerfen, um wieder zu steigen. Und irgendwann sind das Gas und das Gewicht am Ende. Aber je länger man in der Luft bleiben kann, umso grösser ist die Chance, wieder schnelleren Wind zu finden.
Wohin werden Sie fahren? Das möchten wir alle wissen. Wir dürfen nur in der «Competition Area» fahren. Grob beschrieben umfasst sie Westeuropa. Die weiteste Distanz in diesem Gebiet würde bis zum Nordkap führen. Und wen Sie mich jetzt fragen, wohin wir fahren wollen, lautet die Antwort natürlich: genau dorthin.
Und wenn Sie der Wind nun zum Beispiel nach Osteuropa trägt? Sie können ja nicht wenden oder bremsen. Das ist nun wirklich eine Frage der Taktik. Manchmal ist es klüger, irgendwo zu «parkieren» oder vorerst in eine andere Windrichtung zu fahren, um dann den richtigen Wind zu finden. Das geht nur, indem man sich vertikal verändert, denn ansonsten ist ein Ballon natürlich nicht steuerbar.
Das Wetter spielt dabei die entscheidende Rolle. Sind Sie Meteorologe? Nein, aber wir haben einen Meteorologen als Partner und Freund, der uns unterstützt. Mit ihm werden wir auch während der Fahrt in Kontakt stehen. Die Meteorologie ist für alle Ballonfahrer das Wichtigste überhaupt. Jeder von ihnen befasst sich wohl immer mit dem Wetter, selbst wenn er Ferien macht oder spazieren geht. Am Start werden auch alle detaillierte Unterlagen bekommen.
Ballonfahrer gelten als Abenteurer. Stimmt dieses Bild auch heute noch? Es kommt darauf an, wie man das betrachtet. Wenn ich an Sportarten wie Bungee-Jumping oder Klippenspringen denke, und man das auch als Abenteuer betrachtet, ist Ballonfahren eigentlich keines mehr. Ein Abenteuer ist es aber insofern, als man immer irgendwo startet und nie weiss, wo man schliesslich landen wird. Und das Erlebnis auf diesen Fahrten würde ich ebenfalls als ein Abenteuer bezeichnen.
Aber eben, im schlimmsten Fall könnte der Landeplatz ja auch im Meer liegen. (lachend) Spätestens dann ist es auf alle Fälle ein Abenteuer. Wir nahmen 2004 am Gordon Bennet in Brüssel teil, und da ging es tatsächlich auf die Ostsee hinaus. Dann begann es auch noch zu schneien, was den Ballon schwerer machte. Wir mussten extrem viel Sand abgeben und hatten zum Schluss auch noch das nötige Quäntchen Glück, um nicht im Wasser landen zu müssen.
Hatten Sie noch nie Angst auf einer Ihrer diversen Fahrten? Doch, genau damals. Ansonsten habe ich eigentlich keine Angst, aber immer grossen Respekt.
Worin liegt für Sie die Faszination an Ihrem aussergewöhnlichen Hobby? So aussergewöhnlich ist es gar nicht. Wir haben in der Schweiz etwa 400 Ballonfahrer und damit die grösste Dichte in Europa. Mich fasziniert zum Beispiel die absolute Stille auf den Fahrten – gerade mit dem Gasballon, der sogar auch keine Brenner-Geräusche verursacht.
Aber Briefmarken sammeln wäre vermutlich günstiger. Was kostet so ein Ballon samt Korb und Ausrüstung? Das weiss ich gar nicht so genau. Ich nehme an, gegen 100 000 Franken. Der Ballon, mit dem wir fahren, gehört zwei oder drei Personen gemeinsam. Darunter ist mein Partner, Christian Stoll.
Die Fahrt könnte Tage dauern, wie Sie schon selbst antönten. Werden Sie dabei abwechselnd schlafen? Das wäre der Idealfall. In der Realität sieht das meist etwas anders aus. Beide werden wohl sehr wenig schlafen. Man stösst an seine physischen Grenzen.
Was nehmen Sie zum Essen mit? Möglichst vitaminreiche Kost wie Rüebli, Riegel, Bananen und Wasser.
Ich nehme an, dass auch das eine Gratwanderung ist. Man muss genug Proviant an Bord haben, doch der sollte nicht allzu schwer sein, oder? Nun, eine Wassermelone werden wir ganz bestimmt nicht mitnehmen. Doch wenn man Ballast abwerfen muss und keinen mehr hat, fliegt natürlich als Erstes der Proviant hinaus.
Und wenn Sie oder Ihr Begleiter einmal «kurz müssen»? (schmunzelnd) Dafür haben wir im Westflügel eine Toilette. Im Ernst: Wir verrichten unsere Notdurft in einen Kübel. Flüssigkeiten kann man danach ausleeren, denn sie verflüchtigen sich sofort. Alles andere führt man in Säckchen mit, die man allenfalls über dem Wasser ausleeren kann, um bestimmt niemanden damit zu treffen.
Den Wettkampf «live» erleben:Zum 53. Coupe Aéronautique Gordon Bennet wird am Samstag, 5. September, um 22 Uhr, in Genf gestartet. In welche Richtungen und wie schnell sich die Teams mit ihren Ballonen danach bewegen, kann im Internet mitverfolgt werden. Der entsprechende Link wird unter www.zuonline.ch in der Rubrik «ZU Links» aufgeführt.