BASSERSDORF / In der neuen Musikbar im «Abendstern» gibt es zweimal in der Woche Live-Bands
Wo auch Gäste den Blues spüren
Die ersten Takte ist die Band unter Leitung von Keyboarder Daniel Suter noch unter sich, versetzt dafür die kleine Bar gleich in die richtige Stimmung. Urs Wegmann
Die «Abig-Schtern-Hausband» ? einen richtigen Namen hat sie nicht ? lädt ein zum Mitbluesen. (uw)
Im Publikum wippen erste Füsse zum Blues, Finger tippen im Takt auf Schachteln, aus denen sie gerade eine Zigarette geklaubt haben. Gitarrist und Lead-Sänger Patrick Lämmle animiert. «Ich hoffe, es sind viele hungrige Musiker da», ruft er potenzielle, temporäre Bandmitglieder im Publikum auf, sich zu beteiligen.
Und weil es eine Jam Session und keine Stubete ist ? die Schweizer Ausgabe derselben Idee ? schiebt er es noch in Englisch hinterher: «A lot of hungry musicians.» Unter dem Motto «Abig-Schtern Live» findet zum zweiten Mal eine Jam Session statt. Dabei spielt eine Hausband, und alle Gäste, die nicht nur auf den Barhockern Zuschauer spielen möchten, sind eingeladen, ihr eigenes Instrument auszupacken und sich zu beteiligen.
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Dass sich in Bassersdorf Musiker austauschen können, dafür ist Bill Banger verantwortlich. Seit Januar führt er das Restaurant Abendstern und hat damit eine ziemliche Kehrtwende in seiner Biografie vorgenommen. Während Jahrzehnten war der 47-Jährige als Profimusiker mit der Bill Banger Band unterwegs. Bigband- und Tanzmusikfreunde kennen das Logo der drei ineinandergeschachtelten «B».
Als Begleitorchester spielten sie zum Beispiel für Roy Black, Mary and Gordy oder Francine Jordi. «Ein Restaurant zu führen, war aber schon lange mein Traum», erzählt Bill, beim Nachnamen nennt ihn keiner. Den richtigen kennen sowieso nur wenige. Die Gastrobranche sei gar nicht so weit weg von der Showbranche, ist er überzeugt. Mit seiner Band tritt er gelegentlich noch an grösseren Galas auf.
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Während im Parterre einige Gäste ihr Cordon bleu verspeisen, legt die Band im ersten Stock einen Zacken zu. Einen Namen hat die Formation nicht. Auch die ständigen Mitglieder treffen sich nur einmal monatlich fürs «Jammen». Bill kennt sie alle, und darum räumen sie nicht ab bei der Gage. So kostet es keinen Eintritt, und auf die Getränke wird kein Zuschlag verlangt.
Jetzt hält es der erste Gast nicht mehr aus auf seinem Stuhl. Christian schnappt sich seine Gitarre und stellt sich zum Quintett. Ein Soundcheck für neue Mitspieler ist nicht möglich. Im Publikum findet sich dafür sofort einer, der sich mit den Reglern zu beschäftigen beginnt, während Christian in die Saiten greift. Für die gegenseitige Abstimmung sind nur wenige Blicke und Handzeichen nötig.
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Die 30 Sitzplätze sind besetzt. Später werden sich noch ein Saxofonist, ein Posaunist, ein Mundharmonikaspieler, ein weiterer Gitarrist und eine Sängerin zur Band gesellen. Jeder Neuzugang führt zu einer Besetzung, die so noch nie zusammengespielt hat. Und trotzdem klappts, denn ihre gemeinsame Sprache ist der Blues, der sie zwingt, in die Tasten zu greifen oder die Ventile zu drücken.
«Es ist die wohl kleinste Live-Musikbar der Schweiz», schätzt Bill. Dafür will er umso mehr auf ein reichhaltiges Programm setzen. Seit zwei Monaten hat die umgebaute Bar im ersten Stock geöffnet. Bilder und Schallplatten an der Wand von «Smokie» bis zum «Original Naabtal Duo» zeugen vom breiten Spektrum.
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«Ich will, dass dieses Haus richtig zu leben beginnt», erzählt Bill begeistert. Es soll eine Gaststätte der Musik werden. Die ersten Schritte hat er getan. Die Jam Session ist nur einer der Höhepunkte. Jeden Mittwoch spielt eine andere Band zwischen Rock, Blues und Jazz. Am Freitagabend ist jeweils Stubete, wo sich Ländlerkappellen präsentieren.
Aber Bill, rastloser Wirt und leidenschaftlicher Musiker, denkt bereits einen Schritt weiter. «Im ?Abig-Schtern? möchte ich auch Nachwuchstalenten die Möglichkeit zum Auftritt geben», ruft er ambitionierte Jungmusiker auf, sich bei ihm zu melden. Hie und da könnte es zudem Specials geben mit einem Komiker, oder ein Theater oder eine Ausstellung. Ideen hat Bill Banger viele, ständig ist er unterwegs.
Aber manchmal, wenn man etwas länger sitzen bleibt und die «letschti Rundi» vorbei ist, muss auch er «etwas für die Seele tun». Dann nimmt er seine Bassgitarre von der Wand, die mehr ist als Dekoration, und spielt mit. Wer ganz viel Glück hat, erfährt vielleicht sogar ein paar Anekdötchen aus der Zeit, als Bill mit Roy Black unterwegs war. Und dann spürt auch der letzte Gast den Blues.