Winterthur

«Ein wichtiger Aspekt von Studierfähigkeit»

Heute ist Schweizerischer Lateintag. Grund genug bei den Gymnasien und der Lehrplanforschung nachzufragen, wozu Schüler diese alte Sprache eigentlich noch lernen sollen.

Aus der Zeit gefallen: Weshalb sollte man die Sprache der alten Römer heute noch lernen?

Aus der Zeit gefallen: Weshalb sollte man die Sprache der alten Römer heute noch lernen? Bild: pd

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Die Sprache scheint aus der Zeit gefallen, doch es gibt sie noch: Die Lateinkenner und -liebhaber. Mancher mag sich noch gut daran erinnern, wie er mit 12 oder 13 Jahren zum ersten Mal dem Lateinischen begegnete, an das Lehrmittel «Cursus Continuus» und die Enttäuschung, dass der Lehrer nicht in Latein unterrichtete. Und weil es zu Hause geheissen hatte, «Latein, das muss sein», kämpfte man sich durch. Latein ist jedoch schon länger ein Sorgenkind der Kantonsschulen. Die Schülerzahlen gehen zurück. In den letzten fünf Jahren haben sie sich auf tiefen Niveau eingependelt. Das zeigen die Zahlen der Winterthurer Kantonsschulen. Gemäss Angaben der Schulleitung belegen zurzeit im Büelrain durchschnittlich 4 Prozent der Schüler Latein, im Lee knapp 2 Prozent und im Rychenberg 45 Prozent.

Latein als Startvorteil beim Studium

Die Kantonsschule im Lee führt seit 2014 keine A-Profil-Klasse mit Latein mehr. «Die Anmeldungen haben die finanziell verkraftbare Grenze damals unterschritten», sagt Prorektorin Regula Damman. Seither bietet die Schule wie das Büelrain Latein nur noch als Freifach an. Am Wirtschaftsgymnasium Büelrain empfiehlt man Gymnasiasten, die sich für die Studienfächer Geschichte, Romanistik oder Theologie interessierten, Latein zu lernen. «Das ist ein Startvorteil, auch wenn die Universitäten das Lateinobligatorium abbauen», sagt Rektor Martin Bietenhader.

«Ein ehemaliger Schüler profitiert heute als Investment- banker von seinen  Lateinkenntnissen.»

Christian Sommer, Rektor Kantonsschule Rychenberg

Die Kantonsschule Rychenberg spielt als Langzeitgymnasium in einer eigenen Liga. «Für uns ist Latein das Unterscheidungsmerkmal von anderen Oberstufenschulen wie beispielsweise der Sek A», sagt Rektor Christian Sommer. «Mit dem Fach bieten wir den Schülern die Herausforderung, die sie suchen und die sie in der Primarschule nicht hatten.» Mit 12 Jahren seien die Schüler genau im richtigen Alter, um Latein, «die Grundlage vieler anderer Sprachen», zu lernen. Die Übersetzungen lehrten die Schüler auch, sich differenzierter in der Muttersprache auszudrücken – laut Sommer «ein wichtiger Aspekt von Studierfähigkeit». Der Rychenberg-Rektor sieht viele Gründe, die für den Lateinunterricht sprechen – auch eher unerwartete. «Latein erweitert das Repertoire, um Dinge, denen wir heute begegnen, einzuordnen», sagt er, und nennt als Beispiel die Umstände, unter denen Bauarbeiter in gewissen Ländern schuften müssten. «Als Lateinkenner sehen wir, dass die Unterschiede zur Sklavenhaltung von einst nicht so gross sind.» Bestätigung fand Sommer auch, als sich kürzlich ein ehemaliger Schüler bei ihm meldete. «Er erzählte mir, wie er als Investmentbanker von seinen Lateinkenntnissen profitiert, weil er dank ihnen gemeinsame Themen mit seinen Kunden findet.»

Kulturelle Kontinuität

Ob das reicht für eine Zukunft an Schweizer Gymnasien? Lehrplanforscher Rudolf Künzli sagt, im Zentrum der Überlegungen zum Lateinunterricht müsse die Frage stehen, wie die kulturelle Kontinuität und soziale Kohärenz in der Gesellschaft gesichert werden könnten. «Zwischen der kulturellen Tradierung und der Qualifizierung für die Zukunft wird immer eine Spannung bestehen», sagt Künzli. Die Balance zu finden, sei eine gesellschaftspolitische Aufgabe, keine theoretische. «Es braucht eine Auseinandersetzung, wieviel Kontinuität man sicherstellen will.»

Künzli persönlich sieht im Lateinunterricht ein wichtiges Element der kulturellen Kontinuität in der Schweiz und Europa. «Das Verständnis vieler kultureller Güter ist stark mit Latein verbunden.» Der Lateinunterricht habe eine ähnliche Funktion wie Museen. «Beides sind bedeutsame Lernorte zur Sicherung und Vergewisserung unserer Herkunft.»

(Der Landbote)

Erstellt: 04.11.2016, 17:42 Uhr

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