Das Leben in Zeiten der Bedrohung

Das Leben hält sich nicht an Spielfilmlänge. 6 Stunden dauert die Chronik des irakischen Filmers Abbas Fahdel über seine Familie.

Splitter der Geschichte: In «Homeland (Iraq Year Zero)» von Abbas Fahdel bekommt die Erzählung über den Krieg ein Gesicht.

Splitter der Geschichte: In «Homeland (Iraq Year Zero)» von Abbas Fahdel bekommt die Erzählung über den Krieg ein Gesicht. Bild: pd

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Es ist die Stunde null minus ein Jahr. Im Februar 2002 kommt für den ersten Tag des Opferfests die ganze Familie in ihrem Haus in Bagdad zusammen: da ist der Bruder, die Schwiegertochter, der Schwager, die Nichte und der Neffe, viele andere Verwandte mehr, darunter auch der Filmemacher Abbas Fahdel. Diese Menschen machen, was eine Familie an einem solchen Tag immer macht: Man sitzt herum, kocht, trinkt Tee, schaut Fernsehen. Wenn dann im TV Saddam Hussein kommt und eine Rede hält, sagt der Schwager: «Wechsle den Sender». Der Krieg scheint an diesem Tag noch weit weg zu sein.

Die grossen und die kleinen Geschichten

Der Krieg wird kommen. «Before the Fall» heisst der erste Teil der Langzeitdokumentation «Homeland (Iraq Year Zero)» von Abbas Fahdel, er schildert die Zeit von Februar 2002 bis Juli 2003. «After the Battle», nach der Schlacht, wird dann der zweite Teil heissen, er beginnt drei Wochen nach dem Einmarsch der Amerikaner in den Irak. In beiden Teilen kommt die grosse Geschichte mit den kleinen Geschichten zusammen, wir sehen den Menschen ins Gesicht. Zu Recht ist «Homeland» an den Visions du Réel in Nyon, die gestern zu Ende gingen, mit dem Hauptpreis ausgezeichnet worden.

Es ist das Porträt eines Landes. Abbas Fahdel, der 2002 aus Frankreich zurück in den Irak gekommen ist, begleitet seine Familie mit der Kamera. Er filmt ihr ganz gewöhnliches Leben: Ein Brunnen wird gegraben, die Kinder spielen auf der Terrasse und werfen Früchte auf die Strasse, der Bäcker bäckt ein Brot. Abbas Fahdel filmt auch die Familie, wenn sie vor dem Fernsehen sitzt und schaut, was die Welt draussen so macht.

«Homeland» zeigt, wie es drinnen ausschaut. Es sind Nachrichten aus dem Inneren eines Landes in Zeiten der Bedrohung. Die Zeit vor dem Krieg gibt immer noch Raum für kleine Fluchten ins Private. Nach dem Einmarsch der Amerikaner ändert sich aber der Ton. Über Bagdad kreisen jetzt Helikopter. In der Nacht sind im Quartier Schüsse zu hören. Die Frauen verlassen jetzt nie unbegleitet das Haus.

Abbas Fahdel spricht auch mit den Menschen auf der Strasse. Jetzt sind auch die Geschichten zu hören, die vorher niemand in der Öffentlichkeit erzählt hat: wie ein 14-jähriger Schüler von Saddams Schergen verhaftet wurde – und dann einfach verschwand.

Unsere Zukunft, sagen aber die Menschen auf der Strasse, wird nicht besser sein. Am Ende des Filmes wird der Neffe des Filmemachers im Auto von einer Kugel getroffen, niemand weiss, wer der Schütze war und wem der Anschlag galt. Das letzte Bild: das Grab des Buben auf dem Friedhof. Wir haben an dieser Geschichte sehr Anteil genommen.

Die Visions du Réel sind das Fenster zur Welt

Mehr als fünfeinhalb Stunden sind für einen Film eine lange Zeit. Es braucht aber in «Homeland» jede Minute, um diese Geschichte aus dem Irak zu erzählen. «Nach und nach verblassen die Klischees und machen Männer, Frauen und Kindern Platz, die uns nahe kommen», heisst es in der Begründung der Jury.

Das Leben hält sich nicht an Spielfilmlänge. Deshalb braucht es den Dokumentarfilm – und ganz besonders das Festival Visions du Réel in Nyon. Auch die 46. Ausgabe war ein Fenster zur Welt.

Den Preis in der Sektion Regard Neuf erhielt die syrisch-libanesische Produktion «Coma» von Sara Fattahi, auch sie erzählt vom Krieg und von der eigenen Familie: ihrer Mutter, der Grossmutter und von sich. Draussen schneit es manchmal in Damaskus, ins Freie gibt es keinen Weg für die drei Frauen. Eingeschlossen, so zeigt es die Kamera, sind sie in der kalten Wohnung. Anders als «Homeland» ist die Form der Erzählung. Manchmal lösen sich auch die Bilder auf oder bleiben einfach auf einem Gesicht stehen.

An den Visions du Réel kommen wir solchen Menschen ganz nah. Nicht nur in der Vorstellung. Vor der Salle Communale stand dann Sara Fattah nach der Vorführung ihres Films. Sie trug ihr Haar offen, hatte ein leichtes Kleid an. Drinnen im Kino mag es noch so kalt sein. Draussen ist jetzt Sommer.

(Landbote)

(Erstellt: 24.04.2015, 21:15 Uhr)

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