Rapperswil-Jona

5000 Jahre zwei Meter unter Wasser

Im Zürich- und Obersee gibt es zahlreiche Pfahlbau-Fundstätten. Ein weisser Fleck ist die Kempratner Bucht. Kürzlich nahm die Unterwasserarchäologie Zürich hier einen ersten Augenschein.

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«Wahrscheinlich kommt hier ein weiterer roter Punkt hinzu.» ­Sandro Geiser, Einsatzleiter der Unterwasserarchäologie der Stadt Zürich, zeigt auf die Karte von Zürich- und Obersee, wo alle prähistorischen Pfahlbaufundstätten eingetragen sind. Fast das ganze Seeufer strotzt inzwischen von roten Punkten. Noch weiss war bis anhin die Kempratner Bucht. Hier ist die Tauchequipe am Tag unseres Besuchs im Einsatz. Auf dem Programm steht eine sogenannte Prospektion – in Archäologensprache ist das ein erster Augenschein.

Die Unterwasserarchäologie Zürich betreut die Unterwasserkulturgüter im Auftrag des Kantons Zürich und der umliegenden Kantone, darunter der Kantone St. Gallen und Schwyz. Im Zürich- und Obersee und besonders im Bereich Seedamm gab es schon viel zu tun, liegen doch hier zahlreiche bedeutende Pfahlbaufundstätten. Einige davon zählen zum Unesco-Weltkulturerbe, das am Wochenende schweizweit ­gefeiert wird.

Überraschender Fund

Windig ists, als die Taucher, der Bootsführer und Taucheinsatzleiter Geiser ihr Material an Bord ihres Bootes bringen: eine Harasse selbst konstruierter Bojen, Körbe mit dem nötigen Werkzeug, GPS und Eisenstangen zum Entnehmen von Bodenproben. Die Taucher arbeiten in Trockentauchanzügen. Anders als Sporttaucher tragen die Archäologen ihre Pressluftflaschen nicht auf dem Rücken. Die Flaschen werden an einer Leine befestigt und mit Schwimmkörpern versehen mitgeführt. So können sich die Taucher im nur wenige Meter tiefen Wasser freier bewegen.

Die Equipe will an jenen Ort zurückkehren, wo am Vormittag ausser den vermutlich römischen Fundstücken auch ein sogenannter Pfahlschuh gefunden wurde. Ein Holzstück mit Loch, der das Einsinken der Pfähle im Seekreideboden verhindert. Der Fund kam einigermassen überraschend. Römische Stücke waren zu erwarten, ist Kempraten dafür doch schon lange bekannt. Anders verhält es sich mit Zeugen der Pfahlbauzeit (5. bis 1. Jahrtausend v. Chr.). Aus dem Häuschen geraten die Archäologen auf dem Boot deswegen noch lange nicht. Er sei ohnehin ein zurückhaltender Mensch, sagt Taucheinsatzleiter Sandro Geiser schmunzelnd. Über einen Fund freue er sich zwar, einen Kniefall mache er deswegen aber nicht, auch wenn es aus der Pfahlbauzeit und demzufolge mehrere Tausend Jahre alt ist.

Tauchen im Untiefen

Die Stimmung an Bord ist entspannt, man ist zu Scherzen aufgelegt. Das könne sich jedoch ändern, wenn das Wetter schlechter wird, weiss Sandro Geiser aus ­Erfahrung. Der lockere Umgang mag darüber hinwegtäuschen, wie konzentriert die Männer bei der Arbeit sind und wie anstrengend sie ist, auch körperlich. Selbstständiges Arbeiten ist gefragt, und die Erfahrungen, die Taucher und Grabungstechniker mitbringen, sind ein grosser Vorteil, müssen sie die Situation unter Wasser doch selbstständig einschätzen. Obwohl sich die Equipe mit den Aufgaben abwechselt, kommen pro Mann und Woche gut und gerne 20 Tauchstunden zusammen.

Der Einsatzleiter, sonst oft auch selbst im Wasser, überwacht an diesem Tag zusammen mit dem Bootsführer das Geschehen – und schützt die Taucher vor anderen Booten, die versehentlich zu nahe kommen könnten. Die Taucher kämpfen sich im Untiefen durchs Seegras, «der reinste Urwald», sagt Dave Kaufmann lachend beim Auftauchen. Er hat unweit der Fundstelle vom Morgen einen weiteren Pfahlschuh gefunden, der durch Erosion freigelegt wurde. Einzelne Pfähle gebe es auch, jedoch kein grösseres Pfahlfeld. Die Fundstellen werden mit den farbigen Bojen markiert und deren Position mit dem GPS an Bord genau bestimmt und eingetragen.

Die Zeit drängt

Gerne würden die Unterwasserarchäologen hier noch weiter forschen. Das Geschichtsbuch liegt in Kempraten praktisch offen vor einem: im Hintergrund das mittelalterliche Schloss, im Boden respektive im Wasser die Römer und die Pfahlbauer. Doch die Zeit drängt. Die Anzahl Manntage, die für die Prospektion zur Verfügung steht, ist begrenzt. Den Auftrag hat die Unterwasserarchäologie Zürich vom Kanton St. Gallen erhalten, genauer von der Kantonsarchäologie. Diese muss auch entscheiden, ob das Zeitkontingent allenfalls verlängert wird. In Anbetracht der Funde könnte das der Fall sein, hofft Sandro Geiser. Die Taucher machen sich nochmals ans Werk und nehmen die eine oder andere Kernbohrung vor. Die Eisenstange mit dem ­Bodenquerschnitt bis eineinhalb Meter Tiefe wird an Bord gebracht und begutachtet. Sie gibt Aufschluss über allfällige tiefer liegende Kulturschichten. In der Kempratner Bucht ist damit in der ersten Erkundungsphase Fehlanzeige. Was nun aber nicht heisst, dass sie nicht vorhanden wären.

Inzwischen ist Wind aufgekommen, das Tauchboot schaukelt auf den Wellen. Grabungstechniker Johannes Häusermann schwimmt näher zum Ufer, beobachtet von neugierigen Anwohnern an den Fenstern. Konflikte gebe es kaum, sagt Sandro Geiser. Wohl aber fielen die Nachfragen beim Amt für Städtebau mehr oder minder freundlich aus.

Alter der Hölzer bestimmen

Die Wolken werden dichter, der Wind wird stärker. «Kein Federlesen mehr», beschliesst Sandro Geiser. Weiter westlich seien wohl kaum mehr Funde zu erwarten. Johannes Häusermann findet noch einen sogenannten Netzsenker, einen Stein mit Kerben, der an Fischernetze gebunden wurde. Nun ist Schluss. Die nicht mehr benötigten Bojen werden eingesammelt. Die Pfahlschuhe und ein Stück Pfahl sind sicher im Boot verstaut.

Auf sie wartet nun die Analyse mit Dendrochronologie. Damit lässt sich das Alter von Hölzern bestimmen. Anhand eines sogenannten Jahrringkalenders können die Hölzer verglichen werden. Ausgeführt werden die Analysen durch das Labor für Den­drochro- nologie, das wie die Unterwasserarchäologie dem Amt für Städtebau der Stadt ­Zürich angegliedert ist. Proben von Pfahlbauhölzern machen den grössten Teil der Untersuchungen aus.

Dann geht es zurück zur Basis in Feldbach. In drei Containern hat die Unterwasserarchäologie alles Nötige für ihre Einsätze. «Eine Materialschlacht, wie immer beim Tauchen», sagt Sandro Geiser. Er freut sich auf den Sommer: Dann bekommt das Team neue Anzüge mit Sprechfunkausrüstung. Bootsführer Nicolai Lengacher hat angelegt. Nun geht es ans Ausladen. Die Pressluftflaschen werden an den Kompressor angeschlossen. Nach dem Einsatz in Kempraten gibt es ­einige neue Erkenntnisse – und viele offene Fragen. So bleibt das Ausmass der Pfahlbaustätte vorerst unbekannt. Die Unterwasserarchäologen werden wieder kommen. Ohnehin geht ihnen die Arbeit so schnell nicht aus. Regelmässig sind sie auch bei bereits erforschten Pfahlbaufundstätten unterwegs, jüngst zum Beispiel in Feldbach und Wurmsbach. Dort geht es dann ums vertiefte Erkunden oder letztlich das Schützen der Fundstellen. Dies ist auch der Auftrag der Unesco.

Erstellt: 09.06.2016, 16:30 Uhr

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