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Eschensterben in Niederhasli80 Prozent der Bäume fällt der Forst nicht freiwillig

Borkenkäfer, Eschenwelke und Windwurf: Ganze Waldstücke werden derzeit geräumt. Förster und Waldbesitzer schmerzen die Eingriffe. Hingegen können sie dort den Wald für den Klimawandel fit machen.

In Wäldern mit vielen kranken Eschen wie im Niederhasler Dick räumen Forstwarte die Flächen frei. Hier werden nun Eichen gepflanzt, jene Baumart, die den Klimawandel gut erträgt und am meisten zur Biodiversität im Wald beisteuert.
In Wäldern mit vielen kranken Eschen wie im Niederhasler Dick räumen Forstwarte die Flächen frei. Hier werden nun Eichen gepflanzt, jene Baumart, die den Klimawandel gut erträgt und am meisten zur Biodiversität im Wald beisteuert.
Foto: Raisa Durandi

Das Bäumchen knickt sofort ein, als Förster Thomas Hubli dagegendrückt. Es handelt sich um eine junge Esche, die wie 90 Prozent aller Eschen im Schweizer Mittelland von einem Pilz befallen ist. Blätter trägt sie keine mehr, sie ist bereits abgestorben. Weil sie aber mitten im Wald steht und keine Waldbenutzer gefährdet, wird sie dortgelassen. Problematisch sind kranke Eschen, die Wege und Strassen säumen: Der Förster hat sie stets im Auge. Welken die Blätter oder lichtet sich gar die Baumkrone, ist dies untrügliches Zeichen der Eschenwelke oder des Eschentriebsterbens, wie das Eschensterben in der Fachsprache heisst.

Zusammen mit den vom Borkenkäfer befallenen Fichten halten Eschen seit einigen Jahren Waldbesitzer und Förster auf Trab. Auch in den Gemeinden Niederhasli, Regensdorf und Rümlang, wo Hubli als Revierförster den Wald betreut. Mittlerweile fallen dort 80 Prozent der Holzmenge durch Zwangsnutzung an. Das sei ungewollt, betont er. «Wir verdienen auch kein Geld damit.»

Dass diese Esche in der Bildmitte krank ist, erkennt man an der blattlosen Krone. Eine wirkungsvolle Massnahme gegen die Pilzkrankheit, die seit 2008 in den Zürcher Wäldern wütet, gibt es nicht.
Dass diese Esche in der Bildmitte krank ist, erkennt man an der blattlosen Krone. Eine wirkungsvolle Massnahme gegen die Pilzkrankheit, die seit 2008 in den Zürcher Wäldern wütet, gibt es nicht.
Foto: Raisa Durandi

Die Baumart zählt zu den häufigsten im Schweizer Wald, ein Fünftel aller Waldbäume in Niederhasli sind Eschen. Der Schaden im Wald ist entsprechend riesig: Bei jüngeren Eschen, also bis 40-jährigen, spricht Hubli von praktisch einem Totalausfall. Bei älteren zeigen 80 bis 90 Prozent Krankheitssymptome.

Im Niederhasler Dick-Wald wütete die Pilzkrankheit auf einer Fläche mit fast reinem Eschenbestand. Diesen Sommer haben die Forstwarte dort rund 300 Bäume gefällt und die Fläche komplett geräumt. Für sie sei das keine schöne Aufgabe, betont Hubli. «Einen Forstwart, der vor Jahren den Baumbestand gepflegt hat und diesen dann entfernen muss, schmerzt das.»

Eichen halten Trockenheit aus

Auch die Waldbesitzerin, in diesem Fall die Gemeinde Niederhasli, hätte an einem solch radikalen Eingriff eigentlich keine Freude. Doch die knapp fussballplatzgrosse Fläche eignet sich glücklicherweise als Standort für Eichen. Diese Baumart erträgt nicht nur die zunehmende Trockenheit aufgrund des Klimawandels besonders gut, sie belegt auch den Spitzenplatz bei der Biodiversität.

«Würde man die Natur walten lassen, hätten wir fast nur noch Buchen im Wald.»

Thomas Hubli, Revierförster

Auf keiner anderen Baumart leben so viele Tiere, Flechten und Moose wie auf der Eiche. Nur: Ohne menschliche Hilfe wächst diese kaum in den Schweizer Wäldern. Denn Eichen werden von konkurrenzstarken Baumarten wie der Buche verdrängt. «Würde man die Natur walten lassen, hätten wir fast nur noch Buchen im Wald», sagt Hubli. Wolle man den Artenreichtum im Wald erhalten, sei dies ohne Eingriffe nicht zu haben. Der Kanton unterstützt darum die Eichenförderung als Teil seiner Biodiversitätsstrategie für den Wald, welche die Förderung von ökologisch besonders wertvollen Baumarten vorsieht. So ist auch die Fläche im Niederhasler Dick-Wald als Eichenförderungsprojekt angemeldet. «Damit ist ein Teil der Kosten für die Räumung gedeckt», sagt Hubli. Den Rest muss die Waldbesitzerin tragen.

Im Herbst werden nun also 400 bis 500 Eichen gepflanzt, angeordnet zu Gruppen mit 15 Meter Abstand. Doch es soll keine Monokultur sein, zwischen den Eichen sind Bäume und Sträucher als Begleitvegetation eingestreut.

Nicht nur im Dick-Wald haben das Eschensterben und die vom Borkenkäfer befallenen Fichten Spuren hinterlassen. In der ganzen Region müssen die Förster kranke Bäume fällen. Hubli und sein Team haben diesen Frühling zwei Hektaren im Eigental zwischen Mettmenhasli und Watt räumen müssen. Pilzkrankheit und Käfer haben den Bäumen derart zugesetzt, dass der Waldbesitzer Hans-Rudolf Frei den Auftrag zum Fällen geben musste. Der Watter hat damit den Baumbestand auf der Hälfte seines Waldgebiets verloren.

Wegen Borkenkäferbefall hat Waldbesitzer Hans-Rudolf Frei die Fichten auf dieser Fläche im Eigental fällen lassen. Als Ersatz hat er über 1000 Eichen angepflanzt.
Wegen Borkenkäferbefall hat Waldbesitzer Hans-Rudolf Frei die Fichten auf dieser Fläche im Eigental fällen lassen. Als Ersatz hat er über 1000 Eichen angepflanzt.
Foto: Raisa Durandi

Entsetzte Reaktionen

Die Förster waren darum diesen Frühling während zweier Wochen im Einsatz im Eigental. «Die Holzernte löste einige entsetzte Reaktionen aus», erinnert sich Frei. Dabei profitiere auch hier letzten Endes die Natur, betont er. Denn die Fläche kommt wie jene im Dick-Wald in den Genuss der kantonalen Eichenförderung. Der Waldbesitzer trägt dank der Fördergelder keinen finanziellen Schaden, und die Natur profitiert von einem artenreichen Baumbestand. Frei betont dabei den Naturschutzgedanken: «Finanziell bringen mir die Eichen nichts. Denn bis diese erntereif sind, vergehen Jahrzehnte.»

Beim Sicherheitsholzschlag am 4. und am 5. August in Niederhasli haben Thomas Hubli und sein Team die geschwächten Bäume im Hürdli-Wald gefällt. Das Holz wird zur Energiegewinnung genutzt.
Beim Sicherheitsholzschlag am 4. und am 5. August in Niederhasli haben Thomas Hubli und sein Team die geschwächten Bäume im Hürdli-Wald gefällt. Das Holz wird zur Energiegewinnung genutzt.
Foto: Raisa Durandi

Doch nicht jede Waldfläche ist für Eichen geeignet. Vielerorts werden andere Baumarten für einen Mischwald angepflanzt. Dort trägt der Waldbesitzer die Kosten. Eschensterben und Borkenkäfer fordern also hohe finanzielle Verluste. Diese abzufedern, ist das Ziel des Projekts «Klimawald Region Furttal». Mittels gesponserter Bäume will das Projekt etwas fürs Klima und für den Wald beitragen. Für 200 Bäume sind die Finanzen – Pflanzung und Pflege während zehn Jahren – bereits gesichert.

Projekt Klimawald Furttal: Baumpatenschaft für 100 Franken. Pflanztag am 14. November auf dem Gubrist. www.klimawald-furttal.ch