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Steigende AbsatzzahlenAmerikaner nehmen so viele Psychopharmaka wie noch nie

Pandemie, Wirtschaftskrise und politische Spannungen führen zu Depression, Angst und Schlaflosigkeit. Der Griff zur Pille soll helfen.

Nur noch erschöpft: Eine Frau und ein Mädchen demonstrieren am Tag nach der Präsidentenwahl in Washington D.C. für die korrekte Auszählung der Stimmen.
Nur noch erschöpft: Eine Frau und ein Mädchen demonstrieren am Tag nach der Präsidentenwahl in Washington D.C. für die korrekte Auszählung der Stimmen.
Foto: Yegor Aleyev (Tass, Getty Images)

Für mehr als die Hälfte der Amerikaner war der Wahltag der stressigste Tage ihres Lebens. Mehr als zwei Drittel sagen gemäss einer Umfrage der Marktforschungsfirma OnePoll auch, dass das Jahr nicht schnell genug vorbei sein kann; und mehr als 60 Prozent können sich nicht vorstellen, dass sie jemals mehr Angst haben werden als in diesem Jahr.

Der unheimliche Mix aus einer tiefen Wirtschaftskrise, einer ausufernden Pandemie, Bränden, Hitzewellen und Wirbelstürmen schlägt auf die Psyche. Dazu kommt die Aussicht auf ein Wahlchaos, bis hin zu Gewalttätigkeiten. Die Folge: Mehr Amerikaner denn je versuchen, sich mit Psychopharmaka, Drogen und Alkohol zu beruhigen.

Knappheit bei Antidepressivum

Die Nachfrage nach Medikamenten gegen Angstzustände, Depressionen und Schlaflosigkeit führte diesen Sommer gar zu einem Lieferengpass. Die Arzneimittelzulassungsbehörde der US-Regierung setzte Zoloft, ein massenhaft verschriebenes Antidepressivum, auf die Liste der knapp verfügbaren Medikamente, da den Generikaherstellern in Indien die Wirkstoffe ausgegangen waren. Auch andere Psychopharmaka und Schlafmittel wurden knapp, da sich Amerikaner zu Beginn der Pandemie eine Reserve angelegt hatten.

«Die Pandemie wirkt wie ein Stresshormon. Die Menschen wissen nicht, was als Nächstes kommt, ob sie ihre Familie schützen können; niemand weiss, wie lange das noch dauern wird», sagt Ann Rosen Specter, Psychologin in Philadelphia. «Die Menschen suchen Sicherheit und Kontrolle, haben jedoch jede Beziehung dazu verloren.»

USA beim Verbrauch von Psychopharmaka Spitze

Die USA waren schon vor dem düsteren Jahr 2020 beim Verbrauch von Psychopharmaka weltweit Spitze. So wies im vergangenen Jahr eine Untersuchung von Blutspenden im Bundesstaat Oregon nach, dass 72 Prozent der Blutproben Spuren des süchtig machenden Beruhigungsmittels Xanax enthielten. 2020 dürfte gemäss aktuelle Zahlen des National Center for Health Statistics einen weiteren Rekord setzen.

Zwar war der Konsum von Psychopharmaka in den letzten Jahren leicht gesunken, doch mit dem Ausbruch der Pandemie im Frühjahr stieg der Verbrauch im Vergleich zu 2019 um 50 Prozent an.

US-Präsident Donald Trump stresst mit seinem Stil die Bürger.
US-Präsident Donald Trump stresst mit seinem Stil die Bürger.
Foto: Brian Snyder (Reuters) 

Michael Leibowitz, Professor für klinische Psychiatrie an der Columbia-Universität in New York, geht von einer anhaltenden psychischen Belastung für viele Menschen aus. Die Pandemie sei ein «immenser zusätzlicher Stressfaktor» Es gehe nicht anders, als Antidepressiva zu verschreiben. «Lieber behandle ich die Leute mit Medikamenten als gar nicht. Das wird noch mehrere Jahre so bleiben.»

Frauen leiden stärker

Ein Drittel aller Amerikaner klagt gemäss einer aktuellen Befragung durch das Volkszählungsbüro über Symptome einer klinischen Depression oder chronischen Angst. Am schwersten trifft es Jüngere – wegen des Mangels an Kontakten zu Gleichaltrigen. 42 Prozent der 19- bis 29-Jährigen leiden an Angstzuständen und 36 Prozent an einer Depression. Frauen sind öfter betroffen als Männer und Afroamerikaner mehr als Weisse.

Dabei sei es schwieriger geworden, eine angemessene Beratung und Betreuung zu finden, sagt die Psychiaterin Tess Lusher. Psychologen und Psychiater seien auf Monate hinaus ausgebucht und könnten oft keine neue Patienten mehr annehmen. Diese Überlastung hinterlässt auch bei den Betreuern Spuren. Viele sind ausgelaugt und leiden selber an Depression. Ärzte nehmen sich in den USA doppelt so häufig das Leben wie der Durchschnitt der Bevölkerung.

Als ob das Virus, die wirtschaftliche Krise und die Brände nicht genug wären, haben die Wahlen die Amerikaner noch ängstlicher gemacht. 56 Prozent der Wähler bezeichnen in einer Befragung der American Psychological Association die Wahlen als schwere nervliche Belastung. In allen Bevölkerungsgruppen waren Angstsymptome dieses Jahr dreimal häufiger als 2019. Doch fühlten sich Junge, Afroamerikaner und Latinos durch die Wahlen deutlich mehr gestresst als andere Gruppen.

8 Kommentare
    Burkard Markus

    Zur Erinnerung: Das Land mit den meisten Dorgentoten auf der Welt ist die USA, in absoluten Zahlen. rund 70`000. Auch relativ spielt die USA in den vorderen Rängen mit. Die Opioid-Kriese zieht sich breits zwei Jahrzehnte hin. Ein Ende ist nicht absehbar. Die Polytoxikomanie nimmt schon seit 30 Jahren immer groteskere Züge an. Mit Donald Trump und der Pandemie hat das Ganze herzlich wenig zu tun.