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Heimleiter im Corona-DilemmaAltersheime testen Mitarbeiter nicht – aus Angst vor Personalengpässen

Ausgerechnet in Pflegeheimen – wo das Virus besonders wütet – wird nicht systematisch getestet. Die Heimleiter befinden sich in einem kaum vorstellbaren Dilemma.

Lassen Altersheime ihre Mitarbeiter bewusst nicht testen, weil sie einen Personalengpass fürchten, wenn zu viele Mitarbeiter wegen eines positiven Tests zu Hause bleiben müssen? Zumindest in Einzelfällen erhärtet sich der Verdacht.
Lassen Altersheime ihre Mitarbeiter bewusst nicht testen, weil sie einen Personalengpass fürchten, wenn zu viele Mitarbeiter wegen eines positiven Tests zu Hause bleiben müssen? Zumindest in Einzelfällen erhärtet sich der Verdacht.
Foto: Laurent Gillieron (Keystone)

Jetzt soll es eine neue Kampagne richten: Mit dem Aufruf «Bei Symptomen sofort testen lassen» will das Bundesamt für Gesundheit (BAG) die Schweizerinnen und Schweizer dazu animieren, sich wieder vermehrt auf das Coronavirus zu testen.

Tatsächlich nahm in den letzten Tagen nicht nur die Zahl der Neuinfektionen ab, sondern auch jene der durchgeführten Tests – obwohl die Kapazitäten derzeit hoch wären und auch die neuen Schnelltests zur Verfügung stehen würden. Trotzdem ist die Zahl der durchgeführten Tests von 38219 Anfang November auf 25786 diesen Freitag gesunken. Noch bedenklicher ist, dass die Behörden im Dunkeln tappen: «Wir wissen nicht, weshalb die Anzahl Tests derzeit zurückgeht», sagte Virginie Masserey, Leiterin Sektion Infektionskontrolle beim BAG, diese Woche.

Kein Wunder, ist der Anteil positiver Tests mit über 20 Prozent immer noch sehr hoch laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ein untrügliches Zeichen für einen hohen Anteil unentdeckter Infektionen. Der Verdacht liegt nahe, dass sich die Menschen bewusst nicht testen lassen, weil sie dann sich selber und alle ihre Kontaktpersonen in Quarantäne schicken müssten. Wie Recherchen zeigen, ist dies ausgerechnet in Altersheimen der Fall, wo das Virus derzeit besonders wütet und für Todesfälle sorgt. Die Heimleiter haben dafür allerdings einen plausiblen Grund: Sie fürchten einen Personalengpass, wenn zu viele Mitarbeiter wegen eines positiven Tests zu Hause bleiben müssten.

Kittel, Maske und Handschuhe sollen das Personal schützen

Zum Beispiel im Kanton Zürich, wo seit Beginn der zweiten Welle Anfang Oktober 161 Menschen gestorben sind über die Hälfte von ihnen im Altersheim. Wie ein Fall aus dem Zürcher Unterland von dieser Woche zeigt, stecken die Verantwortlichen teils in einem kaum vorstellbaren Dilemma.

Am Donnerstag wurde in einem Heim, das der Redaktion bekannt ist, die Bewohnerin der Demenzabteilung positiv getestet, bei drei weiteren Insassen besteht der Verdacht auf eine Infektion. Woher das Virus kam, weiss niemand. Um die 18 Insassen der Abteilung abzuschirmen, erhöhte man die Schutzmassnahmen: Das Pflegepersonal trägt seither Kittel, Masken und Handschuhe – Oberflächen werden öfter desinfiziert.

Getestet wurden die Mitarbeiter jedoch nicht, auch wenn sie Kontakt mit der Infizierten hatten. Warum nicht? Denn damit besteht nicht nur das Risiko, dass das Virus trotz der erhöhten Schutzmassnahmen weiterhin im Heim grassiert, sondern dass es sich auch anderswo unbemerkt weiter verbreitet.

Corona-Test in Neuenburg: Eine Pflegerin macht bei einer Patientin einen Nasenabstrich.
Corona-Test in Neuenburg: Eine Pflegerin macht bei einer Patientin einen Nasenabstrich.
Foto: Laurent Gillieron (Keystone)

Larissa Jerz ist als Supervisorin des Zürcher Contact-Tracings für den Fall zuständig. Sie sagt: «Grundsätzlich wird ein Test nur dann empfohlen, wenn jemand Symptome zeigt.» Doch auch Infizierte ohne Symptome können das Virus weitergeben um auf Nummer sicher zu gehen, müssten deshalb alle Kontaktpersonen in Quarantäne, wie das andernorts die Regel ist.

Für die Leitung des Altersheims sei es eine schwierige Situation, vor allem wenn viele Mitarbeitende ausfallen, sagt Jerz dazu: «Wer pflegt dann die dementen Heimbewohner?»

Im gleichen Dilemma stecken die Leiter weiterer Heime im Kanton Zürich. Im Altersheim Sonnweid in Wetzikon ZH sind in den letzten Wochen neun Bewohner mit fortgeschrittener Demenz an Covid-19 verstorben, nachdem 70 der 167 Bewohner Corona-positiv getestet worden waren.

Wurde das Personal hier getestet? Heimleiterin Petra Knechtli sagt: «Unsere Erfahrung hat gezeigt, dass es erst Sinn macht, zu testen, wenn Symptome auftreten.» Positiv getestete Mitarbeiter seien jedoch zu Hause in Isolation.

«Sobald das Virus im Heim ist, sind wir machtlos»

Unter welch prekären Umständen die Heime im Kanton vorgehen und Entscheide fällen müssen, weiss auch André Müller, Präsident von Curaviva Zürich, dem Dachverband der Heime. Müller leitet gleichzeitig das Kompetenzzentrum Pflege und Gesundheit im Zürcher Unterland. Sobald das Virus den Weg in ein Heim gefunden habe, sei es fast nicht mehr zu stoppen. «Da sind wir machtlos», sagt Müller. Mit fatalen Folgen, wie er schildert: «Knapp 20 Prozent der infizierten Heimbewohner sterben – das ist Wahnsinn!»

Bei den insgesamt 18500 Mitarbeitenden im Pflegebereich im Kanton Zürich seien bisher 750 positive Covid-Fälle verzeichnet worden, weiss Müller. Das bringe die betroffenen Pflegeeinrichtungen schnell an ihre Grenzen. «Punktuell kann es deshalb vorkommen, dass Mitarbeiter nicht getestet werden», sagt er.

Ausserdem mache man Ausnahmen bei der Quarantäne. «Personal, das sich etwa wegen des Kontakts zu einer positiv getesteten Person in Quarantäne befindet, darf bei Personalengpässen aus der Quarantäne befreit werden», sagt Müller. Dieses Personal dürfe die Quarantäne jedoch nur zur Arbeit verlassen. Freizeitaktivitäten wie etwa ein Treffen mit Freunden seien nicht erlaubt, hält Müller fest.

Auch für das Personal ist die Situation belastend

Weniger Verständnis für das Vorgehen der Zürcher Heime hat man beim Dachverband Curaviva Schweiz. «Da die Institutionen einen besonderen Schutzauftrag für die Heimbewohner haben, ist es wichtig, das Personal zu testen», sagt Sprecher Patrick Jecklin. Der Verband setzte sich deshalb bei den Behörden dafür ein, dass die Institutionen bei der Verfügbarkeit der Tests privilegiert werden. «Bei Personalengpässen kann der Personalaustausch zwischen mehreren Institutionen helfen, diesen zu beheben», sagt Jecklin. Als zweite Möglichkeit schlägt er vor, dass «nicht infektiöses und symptomfreies Personal trotz Quarantäne in den Institutionen arbeiten darf». Allerdings nur mit einer Ausnahmebewilligung des Kantonsarztes und unter Einhaltung rigider Schutzmassnahmen.

Auch für das Personal sei die Situation sehr belastend, sagt André Müller vom Zürcher Dachverband: «Ihre grösste Sorge ist, dass sie das Virus einschleppen könnten.» Er appelliert deshalb an die Bevölkerung, die Fallzahlen dringend zu reduzieren. Dafür müsse nun dringend mehr getestet werden. «Denn der aktuelle Zustand darf nicht zur Normalität werden», sagt Müller.

85 Kommentare
    Gottfried Pfister

    So sieht das Versprechen, Risikogruppen schützen, in der Realität aus. Aber klar viele werden jetzt behaupten sie hätten von nichts gewusst. Wie immer in solchen soziopathischen Zeiten.