Autorin sagt: Schweizer hat aus Zecken Biowaffen entwickelt

Die Lyme-Borreliose soll sich nach einem militärischen Experiment verbreitet haben. Die USA wollen diese Theorie nun untersuchen lassen.

Willy Burgdorfer 1954 in seinem Labor in Hamilton, Montana. Hier hat er an Zecken geforscht und soll dabei auch an einem Biowaffenprogramm beteiligt gewesen sein. Bild: Rocky Mountain Laboratories Historical Collection

Willy Burgdorfer 1954 in seinem Labor in Hamilton, Montana. Hier hat er an Zecken geforscht und soll dabei auch an einem Biowaffenprogramm beteiligt gewesen sein. Bild: Rocky Mountain Laboratories Historical Collection

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In der Schweiz erkranken jedes Jahr 10'000 Menschen an der durch Zecken übertragenen Lyme-Borreliose, schätzt das Bundesamt für Gesundheit. Die Krankheit kann schwere Schäden verursachen, wenn sie nicht behandelt wird.

In den USA, wo je nach Schätzung zwischen 300'000 und 437'000 Menschen jährlich an Borreliose erkranken, hat nun ein Politiker einen schwerwiegenden Verdacht zur Herkunft der Bakterien: Der Kongressabgeordnete Chris Smith geht Hinweisen nach, wonach die Ausbreitung von Lyme-Borreliose auf Experimente des amerikanischen Verteidigungsministeriums zurückgehen könnte. Er hat dazu im Repräsentantenhaus einen Vorstoss durchgebracht, um seine Theorie überprüfen zu lassen. Wenn nun auch der Senat zustimmt, dann muss das Pentagon untersuchen, ob die USA zwischen 1950 und 1975 Zecken und Insekten als biologische Waffen entwickelt haben und ob diese aus den Labors entkommen sein könnten.

Chris Smith ist ein republikanischer Abgeordneter aus dem Bundesstaat New Jersey und verfolgt das Thema intensiv. Er hat im Repräsentantenhaus schon mehrmals zusätzliche Bundesgelder für die Borreliose-Forschung durchgesetzt. Auf die möglichen Zeckenexperimente der US-Regierung ist er in mehreren Büchern und Artikeln zum Thema gestossen.

Immer wieder geht es dabei um einen Militärstützpunkt in Fort Detrick (Maryland) und ein Tierseuchenzentrum auf Plum Island (New York). Dort sollen Forschungen an Zecken durchgeführt worden sein, mit dem Ziel, diese als Waffen zu nutzen.

Die aktuellsten Hinweise hat Smith aus dem im Mai veröffentlichten Buch «Bitten: The Secret History of Lyme Disease and Biological Weapons» von Kris Newby.

Die Wissenschaftsautorin arbeitet an der Stanford School of Medicine in Kalifornien, hat schon mehrere Auszeichnungen erhalten und gilt als renommiert. Newby erkrankte nach eigenen Angaben selbst an Lyme-Borreliose, und sie denkt, dass sie wie Millionen andere das Opfer eines biologischen Wettrüstens im Kalten Krieg ist.

Die Ausbreitung der Lyme-Borreliose beschreibt sie als «amerikanisches Tschernobyl». In ihrem Buch legt sie dar, weshalb sie glaubt, dass die Krankheit als biologische Waffe entwickelt wurde. Ihre Informationen stammen aus Interviews mit Willy Burgdorfer, dem 2014 verstorbenen Entdecker der Krankheit. Newby hält den in der Schweiz geborenen Burgdorfer auch für einen Experten für Biowaffen, eine Ansicht, die der Kongressabgeordnete Chris Smith in seiner Rede vor dem Repräsentantenhaus teilte.

Die Stanford-Autorin schreibt nun, dass Burgdorfer 2013, kurz vor seinem Tod, zugegeben habe, dass die Borreliose aus einem Waffenprogramm stamme und die damit infizierten Zecken entweder bewusst oder aus Versehen ausgesetzt wurden. Im Interview, das sie in ihrem Buch in Kapitel 12 auszugsweise wiedergibt, sagt Burgdorfer, er habe Dinge gemacht, welche die Nazis gemacht hatten. Es ging offenbar darum, die Pest über Flöhe zu verbreiten und eben Krankheiten in Zecken zu testen. Burgdorfer sollte auch die Fruchtbarkeit der weiblichen Zecken erhöhen, damit diese mehr Eier legten.

In Basel geboren, in den USA berühmt geworden: Dr. Willy Burgdorfer (1932–2014). Bild: NIH History Office/Flickr

Willy Burgdorfer starb ein Jahr nach dem Interview an Parkinson. Newby schreibt auch, dass sie 2013 das Gespräch abbrechen musste, weil der Forscher mitten in den Sätzen abbrach und sie ihn nach Hause brachte. Die Autorin ist aber der Meinung, dass Burgdorfer ihrer Ansicht nach zurechnungsfähig war. Sie vermutet, dass Schuldgefühle ihn dazu trieben, kurz vor seinem Tod noch die Wahrheit zu erzählen.

Auch Dokumente aus Burgdorfers Labor verrieten, zitiert der Kongressabgeordnete Smith aus Newbys Buch, dass der gebürtige Basler mit anderen Forschern Zecken mit Erregern ausgestattet habe, um schwere Behinderungen, Krankheiten oder sogar Todesfälle bei möglichen Feinden zu verursachen.

Epidemie rund um Plum Island

Verschwörungstheorien um Zeckenkrankheiten aus einem Waffenprogramm gibt es schon lange, zumal das Tierseuchenzentrum auf Plum Island nur wenige Kilometer von Old Lyme entfernt liegt, wo die Borreliose 1981 von Burgdorfer erstmals identifiziert wurde.

Die Theorien besagen nun, dass die Zecken aus dem Labor auf der Insel entkommen und auf Vögeln oder Hirschen ans Festland gelangen konnten. Und: Die dafür verantwortliche «Lone Star»-Zecke sei zuvor in Texas heimisch gewesen, bis mit ihr auf Plum Island experimentiert wurde. Nun finde man sie in New York, New Jersey und Connecticut, wo sie Menschen mit Borreliose infiziere.

Verbreitung der Lyme-Borreliose in den USA (Stand: 2017). Bild: Center for Disease Control CDC

Beweise für diese Verschwörungstheorien gibt es im Buch von Kris Newby nicht, wie verschiedene Kritiker schreiben und wie Newby auch selber zugibt. Dass Willy Burgdorfer für das Militär forschte, ist zudem kein Geheimnis. Der geborene Basler hatte bereits 2001 zugegeben, dass er in seinem Labor in den Rocky Mountains zwischen 1954 und 1957 für das Verteidigungsministerium forschte. Dabei ging es aber darum, Krankheitserreger zu erkennen, die gegen US-Bürger eingesetzt würden, wie er in einem Interview mit dem nationalen Gesundheitsinstitut NIH sagte und nicht etwa, Zecken mit Krankheiten zu bestücken, wie das nun behauptet wird.

Newby schreibt im Fazit zu ihrer Recherche, dass wichtige Beweise zwar fehlten und auch von ihr nicht gefunden werden konnten. Sie glaube aber Willy Burgdorfer, der die Vorfälle zugegeben habe und wohl noch reinen Tisch machen wollte. Zwar wollte er keine Beweise vorlegen, doch er verriet, dass sich diese in seinen über 200 Veröffentlichungen bereits verbergen würden.

Sollten diese tatsächlich existieren, wurden sie bislang nicht gefunden. Autorin Newby gibt zu, dass ihr der fachliche Hintergrund fehle, um in den medizinischen Unterlagen allfällige Hinweise zu erkennen.

Ob etwas an den Verschwörungstheorien dran ist, könnte also bald das Pentagon klären, falls auch der Senat dem Vorstoss von Chris Smith zustimmt. Der Abgeordnete sagt, dass die Amerikaner nun ein Recht hätten, zu erfahren, ob Newbys Geschichte und Burgdorfers mutmassliches Geständnis wahr seien und, ob erkrankte Zecken aus Versehen oder bewusst ausgesetzt wurden. Smith erhofft sich zudem, dass die Informationen aus dem Buch und die Nachforschungen des Pentagons dabei helfen könnten, die Krankheit zu heilen. Das sei eigentlich die wichtigste Aufgabe für die Untersuchungsbehörde.

Die im Buch und nun von Smith erhobenen Anschuldigungen gegenüber Zeckenforscher Burgdorfer hält Experte Michael T. Osterholm für haltlos. Osterholm führt das Forschungszentrum für Infektionskrankheiten an der University of Minnesota und hat früher mit Burgdorfer zusammengearbeitet, wie die «Washington Post» schreibt. Für die Verschwörungstheorien gebe es keine Beweise, sagt er. Und Zecken wären ohnehin eine nicht effektive biologische Waffe, dafür gebe es viel bessere Optionen.


Video: Zeckenbiss – Was tun?

Medizinredaktorin Martina Frei erklärt, wann man nach einem Zeckenbiss zum Arzt sollte. Video: Marco Pietrocola

Erstellt: 18.07.2019, 19:00 Uhr

Lyme-Borreliose

Die häufigste Zecken-Krankheit

Die Lyme-Borreliose wurde 1981 in Old Lyme, Connecticut, vom gebürtigen Basler Willy Burgdorfer erstmals identifiziert. Sie ist die am häufigsten durch Zecken verbreitete Krankheit. Das Bundesamt für Gesundheit geht davon aus, dass in der Schweiz rund 5 bis 30 Prozent, stellenweise sogar bis 50 Prozent der Zecken mit Borrelia burgdorferi infiziert sind.

Ursache sind verschiedene Arten von Borrelien-Bakterien in der Zecke. Beginnt diese, Blut zu saugen, können die Borrelien mit dem Speichel übertragen werden. Bis es dazu kommt, vergehen allerdings mehrere Stunden. Deswegen kann eine rasche Entfernung der Zecke eine Infektion verhindern.

Die Symptome der Krankheit sind Fieber, Muskel- und Gelenkschmerzen sowie Hautausschlag. Impfen kann man sich nur gegen die Frühsommer-Meningoenzephalitis FSME, aber nicht gegen Lyme-Borreliose. Im Gegensatz zu FSME ist diese aber mit Antibiotika behandelbar, wenn sie rechtzeitig diagnostiziert wird. Ansonsten können die Bakterien das Nervensystem befallen und auch langfristige Schäden verursachen. Das Bundesamt für Gesundheit empfiehlt, bei Fieber oder anderen Symptomen nach einem Zeckenstich einen Arzt oder eine Ärztin aufzusuchen.

Wissenschaftsautorin Kris Newby geht in ihrem Buch der Frage nach, ob Borreliose-Zecken als Biowaffen entwickelt und absichtlich oder aus Versehen freigesetzt wurden.

Kongressabgeordneter Chris Smith aus New Jersey hat die Fragen aus Newbys Buch aufgenommen und will mit einer Untersuchung herausfinden, ob an den Verschwörungstheorien etwas dran ist.

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