Der volksnahe Millionär und Komiker

Wolodimir Selenski wird Präsident der Ukraine. Er machte mit Komik Karriere und überzeugte nun mit einfachen Botschaften.

Im Westen nahezu unbekannt, im Osten ein Star: Wolodimir Selenski ist der neue ukrainische Hoffnungsträger. (Video: AFP/Reuters/Youtube)

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Vorstellen muss sich der neu gewählte Präsident der Ukraine nur im Westen. In der Ukraine, Russland und anderen Ländern der ehemaligen Sowjetunion aber ist Wolodimir Selenski seit Jahren ein Star: als Schauspieler und als Komiker, der mit seiner Kabarettgruppe «Kwartal 95» jahrelang durch Länder mit russischsprachigem Publikum tourte.

Denn Selenski ist in erster Linie ein Kind russischsprachiger Kultur. 1978 wurde er als Sohn jüdischer Akademiker in der Industriestadt Kryvyi Rih im Südosten der damals noch sowjetischen Ukraine geboren. Vater Alexander war Computertechniker und Kybernetiker, Mutter Rimma Ingenieurin. Vier Jahre lebte die Familie in der Mongolei, wohin Alexander Selenski wegen seiner Arbeit abkommandiert wurde. Nach der Rückkehr nach Kryvyi Rih machte Selenski sein Abitur am Gymnasium Nr. 95 und studierte anschliessend Jura.

Doch Karriere machte er mit Komik. Noch als Schüler beteiligte sich Selenski an KVN, einem postsowjetischen Humor- und Satirewettbewerb mit eigenen Landesligen und Wettbewerben im postsowjetischen Raum. 1997 gründete er die nach seinem Heimatstadtviertel benannte Kabaretttruppe «Kwartal 95» («95. Wohnblock») mit. Gut fünf Jahre lebten die jungen Satiriker in Moskau und tourten von dort aus durch die russischsprachige Ex-Sowjetunion.

Der «Diener des Volkes»

Bald wurden sie auch Fernsehstars. In der Ukraine wurde Selenski zunächst 2006 in der Fernsehshow «Tanz mit den Stars» national berühmt, danach auch mit seiner Kabaretttruppe, als Star etlicher Komödien und Liebesfilme. Mit seinen Kabarettkollegen gründete er auch eine Fernsehproduktionsgesellschaft, die ihre Filme, Kabarettauftritte und Fernsehserien heute Selenski zufolge in 21 Länder verkauft. Er ist mehrfacher Millionär.

Den Grundstein für seinen politischen Durchbruch legte Selenski ebenfalls als Komiker. 2015 trat er auf dem Fernsehsender 1+1, einem der meistgesehenen der Ukraine, in der Serie «Diener des Volkes» erstmals als Wassil Holoborodko auf. Diese Figur ist ein Geschichtslehrer, der von der Korruption ukrainischer Politiker angewidert ist und über ein YouTube-Video und eine Crowd-Funding-Kampagne unversehens zum Präsidenten gewählt wird - und als ehrlich bleibender, einfacher Präsident mit populistischen und mitunter auch autoritären Zügen konsequent im Saustall der notorisch korrupten ukrainischen Politik aufräumt.

Für viele Ukrainer, von denen sich 85 Prozent ausschliesslich im Fernsehen informieren und unterhalten, wurde Selenski so auch zum veritablen Präsidentschaftskandidaten. Dass er keinerlei echte Erfahrung als Politiker hat, half ihm eher, als dass es ihm schadete: Einer Umfrage der Kiewer Rating-Gruppe zufolge wollten vor der Wahl 47 Prozent der Ukrainer, dass vor allem Leute ohne politische Erfahrung führende Regierungsämter übernehmen.

Plötzlich ein scharfer Kritiker Russlands

Nach Moskaus Besetzung der Krim und dem Beginn des vom Kreml initiierten Krieges in der Ostukraine trat Selenski als scharfer Kritiker Russlands auf und unterstützte die ukrainische Armee finanziell und mit Sachspenden. Die russische Justiz ermittelte gegen Selenski ; der Komiker ist nach eigener Aussage seit 2014 nicht mehr nach Russland gereist. Als Kandidat nannte Selenski es als wichtigste Aufgabe, den Krieg zu beenden – und stellte dies zunächst als einfach dar.

Seitdem hat sich sein Ton wieder verschärft: Drei Tage vor der Stichwahl nannte er Russlands Präsidenten Wladimir Putin «selbstverständlich» einen «Feind» und schloss einen Sonderstatus für die Kriegsgebiete in der Ostukraine aus. Selenski ist auch dafür, Strassen und Plätze der Ukraine nach aktiven Soldaten im Kampf gegen Russland zu benennen. Gleichzeitig fordert er einen russischsprachigen Fernsehsender, um die Bevölkerung in der Ostukraine nicht ausschliesslich russischer Propaganda zu überlassen.

Selenski gibt sich volksnah: Als Präsident wolle er wie als Kandidat vor allem mit von ihm aufgenommenen Videos mit den Ukrainern kommunizieren und «im ständigen Dialog mit der Gesellschaft» bleiben – über die sozialen Medien oder über telefonische Beschwerdehotlines bei jedem Minister, sagte er in einem Interview mit dem Infodienst RBK. Er werde auch als Präsident nicht den Verkehr sperren lassen, sondern wie jeder andere im Stau stehen. Mindestens eine Präsidialresidenz werde in ein Kinderheim umgewandelt oder verkauft. Gesellschaftspolitisch gibt sich Selenski liberal – er ist gegen jedwedes Abtreibungsverbot und für die Freigabe von Mariuana als Medizin.

Selenski wurde als Präsidentschaftskandidat massiv von Ihor Kolomoisky gefördert, Besitzer des populärsten Fernsehsenders 1+1 der Ukraine und ein umstrittener Oligarch. Der Regierung zufolge soll Kolomoisky die früher ihm gehörende PrivatBank, die grösste Bank der Ukraine, über korrupte Kreditvergabe und "Asset Stripping" um fünf Milliarden Dollar geschädigt haben. Die Bank wurde schliesslich verstaatlicht und mit Milliarden Steuergeldern vor dem Zusammenbruch gerettet. Kolomoisky bestreitet die Vorwürfe und stellt sich als Opfer einer politischen Intrige dar. Ukrainischen und US-Medien zufolge lebt Kolomoisky wegen mehrerer Ermittlungen der Justiz in der Ukraine, der Schweiz und den USA heute mit israelischem Pass in Israel, das seine Bürger nicht ausliefert.

Drohungen im Wahlkampf

Manche Analysten befürchten, dass Selenski als Präsident die Interessen Kolomoiskys vertreten wird. Selenski bestreitet eine Unterstützung durch Kolomoisky – alle Kontakte seien lediglich Geschäftskontakte zwischen ihm als Komiker und dem Oligarchen als Fernsehproduzenten. Journalisten des ukraischen Programms von Radio Free Europe deckten indes auf, dass Selenski in den vergangenen zwei Jahren mindestens 14 Mal erst zu Kolomoiskys damaligem Wohnort Genf flog und dann nach Israel – die letzten Male nach der Entscheidung über seine Präsidentschaftskandidatur im Herbst 2018. Kolomoiskys langjähriger Anwalt Andrij Bohdan spielte ukrainischen Journalisten zufolge auch eine prominente Rolle im Wahlkampfstab Selenski und wurde von ihm schon zu Gesprächen mit dem Leiter des Anti-Korruptions-Büros Nabu geschickt.

Selenski ist seit 2003 mit seiner Jugendliebe Jelena verheiratet. Ihr Sohn Kirill ist sechs Jahre alt, die vierzehn Jahre alte Tochter Alexandra war Jelena Selenski zufolge gegen eine Präsidentschaftskandidatur des Vaters. Selenski erhielt im Wahlkampf nach eigener Aussage Drohungen, heuerte Leibwächter und liess seine Familie vom Innenminister unter Polizeischutz stellen. Selenski Eltern wohnen bis heute im 12. Stock eines Wohnblocks aus sowjetischer Zeit in Kryvyi Rih.

Erstellt: 21.04.2019, 22:27 Uhr

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