London vor «dem Abgrund»

Aufschrei in den Medien, Fassungslosigkeit bei der EU: Die Reaktionen auf das Scheitern der Brexit-Alternativen im britischen Parlament.

Erneut durchgefallen: Premierministerin Theresa May verlässt das Unterhaus. (Bild: Chris J. Ratcliffe, Getty Images) (1. April 2019)

Erneut durchgefallen: Premierministerin Theresa May verlässt das Unterhaus. (Bild: Chris J. Ratcliffe, Getty Images) (1. April 2019)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Britische Medien reagierten mit scharfer Kritik auf den Ausgang der Abstimmungen über Brexit-Alternativen. Die Zeitung «Daily Mail» schrieb von einer «Farce». Der «Daily Mirror» sprach von einer «weiteren Nacht der Gespaltenheit und Verzweiflung». Der «Guardian» schrieb, May sei jetzt «mit einer tickenden Uhr, einer meuternden Partei, einer entsetzten britischen Öffentlichkeit und einer wahrhaft perplexen EU» konfrontiert.

Das Brexit-Chaos in London sorgt bei den europäischen Partnern Grossbritanniens schon seit Wochen für Fassungslosigkeit. Der Brexit-Koordinator des Europaparlaments, Guy Verhofstadt, warnte, ein harter Brexit sei nunmehr «fast unvermeidlich». «Am Mittwoch hat Grossbritannien eine letzte Chance, aus der Sackgasse zu kommen», schrieb Verhofstadt im Kurzbotschaftendienst Twitter. Ansonsten stehe London vor «dem Abgrund».

May muss bis zu einem EU-Sondergipfel am 10. April einen Plan vorlegen, wie ihr Land geordnet die EU verlassen will. Ansonsten droht zwei Tage später ein ungeregelter Austritt – mit wohl verheerenden Folgen für Wirtschaft und Bürger.

EU inzwischen vorbereitet

Auch der EU-Chefunterhändler für den Brexit, Michel Barnier, hat Grossbritannien erneut vor einem Austritt ohne Abkommen gewarnt. Ein solches Szenario werde «Tag für Tag wahrscheinlicher», sagte Michel Barnier am Dienstag in Brüssel. Ein harter Brexit sei von der EU nie «gewünscht oder beabsichtigt» gewesen, die verbliebenen 27 Mitgliedsstaaten seien aber inzwischen darauf vorbereitet, bekräftigte er.

Das britische Unterhaus hatte sich am Montag erneut nicht auf eine Alternative zum Austrittsabkommen von Premierministerin Theresa May einigen können. Alle vier Vorschläge fielen im Parlament durch. Am meisten Unterstützung bekam der Antrag zu einem Referendum über ein Austrittsabkommen.

Video – Nackte stören Brexit-Debatte

«SOS»: Die Klimademonstranten auf der Zuschauertribüne des britischen Unterhauses. (Video: Reuters)

Barnier warb erneut für das zwischen Brüssel und London vereinbarte Austrittsabkommen: «Lassen Sie uns nicht vergessen, dass wir schon ein Abkommen haben, wir haben schon eine Vereinbarung, und sie wurde von Theresa May und der britischen Regierung und dem Europäischen Rat und dem Europäischen Parlament am 25. November beschlossen, vor vier Monaten.»

«Falls das Vereinigte Königreich die EU nach wie vor auf geregelte Weise verlassen möchte, ist diese Vereinbarung, ist dieser Vertrag der einzige und wird der einzige bleiben», bekräftigte der EU-Chefunterhändler.

Kommt Mays Brexit-Deal zum vierten Mal?

Nachdem die Abgeordneten am vergangenen Mittwoch acht Alternativen zu Mays Austrittsvertrag abgelehnt hatten, kamen diesmal nur vier Optionen auf den Tisch: zwei Vorschläge zu einer engen wirtschaftlichen Anbindung Grossbritanniens an die EU, ein weiterer zu einem Referendum über das Austrittsabkommen sowie ein Vorschlag zum Stopp des Brexit-Verfahrens, um einen ungeordneten Austritt zu verhindern.

Das Kabinett will am Dienstag über die Abstimmung im Unterhaus beraten. Die Minister könnten dabei auch entscheiden, Mays Brexit-Vertrag am Mittwoch oder Donnerstag ein viertes Mal dem Unterhaus vorzulegen. Am Mittwoch ist eine weitere Probeabstimmung im Unterhaus geplant. (ij/AFP/SDA)

Erstellt: 02.04.2019, 09:59 Uhr

Artikel zum Thema

Während London um den Brexit ringt, verliert Brüssel die Geduld

Die EU hat genug vom Brexit-Drama: Die Briten sollen endlich sagen, was Sache ist. Mehr...

Kurz nach 23 Uhr, wieder rasseln alle Brexit-Alternativen durch

Bis in die Nacht hinein beriet das britische Parlament mögliche Auswege aus dem Polit-Chaos. Und dann kam es noch zum Nackt-Protest. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zuonline.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 854 82 14. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Werbung

Branchenbox

Die wöchentliche Seite in der Printausgabe des «Zürcher Unterländer». Ihre Kontaktangaben immer online abrufbar.