«Mir wurden diverse Substanzen verabreicht»

Ein neues Buch liefert Innenansichten der Ibiza-Affäre. Strache-Freund Johann Gudenus und seine Frau schimpfen gegen Videomacher und Journalisten.

«Bsoffene Gschicht»: Heinz-Christian Strache und Johann Gudenus, gefallene Spitzenpolitiker der FPÖ.

«Bsoffene Gschicht»: Heinz-Christian Strache und Johann Gudenus, gefallene Spitzenpolitiker der FPÖ. Bild: AFP

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«Jetzt, nachdem wir alles gesehen haben, sind wir uns sicher, dass Heinz-Christian Strache eine Gefahr für die Demokratie ist», schreiben Frederik Obermaier und Bastian Obermayer in ihrem Buch «Die Ibiza-Affäre». Die beiden Journalisten der «Süddeutschen Zeitung» (SZ) waren an der Aufdeckung des Skandals um die FPÖ-Politiker Strache und Johann Gudenus beteiligt. Ihr soeben erschienenes Buch enthält keine sensationellen neuen Enthüllungen, vielmehr dokumentiert es mit vielen Details die bisherigen Erkenntnisse aus dem berühmt-berüchtigten Ibiza-Video.

Das im Sommer 2017 heimlich aufgenommene Video zeigt, wie Strache und Gudenus mit einer angeblichen russischen Investorin über eine Zusammenarbeit diskutieren. Dabei geht es beispielsweise um mögliche Staatsaufträge im Gegenzug für verdeckte Wahlhilfe für die FPÖ sowie um Einflussnahme auf österreichische Medien. «Wenn sie die ‹Kronen-Zeitung› übernimmt und einen Lauf schafft, ja, wo wir drei Wochen vor der Wahl einen Punch bekommen, dann können wir über alles reden», sagte Strache in die Gesprächsrunde. «Wir werden immer einen Weg finden, das zu definieren.»

Beim Treffen mit der vermeintlichen Oligarchen-Nichte Aljona Makarowa besprachen die beiden FPÖ-Politiker mögliche Deals. Fixe Zusagen gab es nicht. Es fielen aber vielsagende Sätze wie «Wir vergessen unsere Freunde nicht» (Gudenus). Die Buchautoren führen auch aus, dass Strache im Video sein wahres Gesicht gezeigt habe. «Straches Authentizität entlarvt ihn als notorischen Angeber», heisst es etwa. «Seine Prahlerei zieht sich wie ein roter Faden durch das Video.»

Das Buch zum Video dokumentiert detailliert, wie Strache und Gudenus der angeblichen Milliardärin Staatsaufträge mit «Überpreis» in Aussicht stellen, sobald die FPÖ an der Regierung beteiligt ist. Oder auch, wie die Frau an der österreichischen Wasserversorgung mitverdienen könnte. Ausserdem erklären Strache und Gudenus, wie ihre FPÖ am Rechnungshof vorbei unterstützt werden könnte. Das Buch «enthüllt die bizarre Welt von Strache und Gudenus»,wie die Zeitung «Kurier» schreibt. Es sei «das Protokoll einer peinlichen Selbstentlarvung zweier Politiker, die sich im Alkoholdusel um Kopf und Kragen redeten».

Videosequenzen aus dem Zusammenhang gerissen?

Das im letzten Mai publik gewordene Ibiza-Video ist ein Zusammenschnitt von über 20 Stunden Videomaterial. Gudenus, der das Buch der zwei SZ-Journalisten schon gelesen haben muss, meldete sich auf Facebook zu Wort. Die veröffentlichten Filmsequenzen seien aus dem Zusammenhang gerissen worden, das Video vermittle ein falsches, unfaires Bild. So habe Strache auch gesagt, dass er nichts mache, was rechtswidrig sei. «Ich brauche den Scheiss nicht», wird Strache zum Thema Korruption zitiert. Zudem zitiert Gudenus Passagen, die auch ihn entlasten sollen.

Zur Ibiza-Affäre äusserte sich Gudenus auch in einem Interview mit der österreichischen Zeitung «Die Presse». Dass Gudenus beim Ibiza-Treffen fragwürdige Dinge sagte, ist dokumentiert. Er macht aber erneut Erinnerungslücken geltend. «Ich kann mich tatsächlich nicht an konkrete Gesprächsinhalte erinnern, nur an das Setting. Ich würde normalerweise nie so reden», beteuerte Gudenus im «Presse»-Interview. «Für mich ist das ein Indiz, dass mir diverse Substanzen verabreicht wurden.» Dabei verweist er auch auf die Ergebnisse eines Gutachtens, das er bei einem «kriminaltechnischen Privatinstitut» in Auftrag gegeben hat. Gudenus prüft nun weitere rechtliche Schritte – nach der bereits erfolgten Klage gegen den mutmasslichen Drahtzieher des Ibiza-Videos, einen Wiener Anwalt.

Szenen aus dem Ibiza-Video. Quelle: Youtube/«Spiegel»

Eine Rückkehr in die Politik plant der aus der FPÖ ausgetretene frühere Fraktionschef nach eigenen Angaben nicht. Seinem Ex-Parteichef Strache wünscht Gudenus «eine vollständige Rehabilitierung».

Nach dem Rücktritt als Vizekanzler Österreichs und als FPÖ-Chef musste sich Strache beruflich neu orientieren. Gemäss einem ORF-Bericht wechselt er demnächst in die Immobilienbranche. Gleichzeitig kämpft Strache um eine Rehabilitierung, weil er auf ein politisches Comeback hofft. Ausgerechnet im Buch zur Ibiza-Affäre sieht nun Strache «eine Richtigstellung und damit eine mich auch rehabilitierende Darstellung», wie er verlauten lässt. «Das Buch stellt zutreffend dar, dass ich mich weder an dem Abend auf Ibiza noch davor oder danach auf einen Deal eingelassen habe», betont Strache. «Der expliziten Forderung nach Korruption habe ich nicht nachgegeben.»

Gudenus' Frau schöpfte Verdacht – noch vor Strache

Beim Treffen mit der vermeintlichen Investorin war auch die Ehefrau von Gudenus anwesend. Wie aus dem Buch der SZ-Journalisten hervorgeht, soll sie Verdacht geschöpft haben. Sie könne sich vorstellen, dass die Gespräche in der Villa aufgezeichnet werden, wird Tajana Gudenus zitiert. Man müsse immer vom schlimmsten Fall ausgehen. Doch ihr Mann und Strache blieben sitzen. Nachdem Strache die schmutzigen Zehennägel der angeblich reichen Russin erblickte, flüsterte er zu Gudenus: «Falle, eingefädelte Falle. Wenn du in der Liga mitspielst, passt das nicht ins Gesamtbild.» Doch Gudenus beruhigte den nervösen Strache: «Des is kaa Falle.»

Nach der Buchveröffentlichung hat sich auch Gudenus' Ehefrau auf Facebook zu Wort gemeldet. Dabei attackierte sie die Journalisten und kritisierte, «dass in unserem Fall das Recht am eigenen Bild, die Persönlichkeitsrechte, die Vertraulichkeit des gesprochenen Wortes und die Unverletzlichkeit der Privatsphäre gröblich missachtet wurden». Und weiter: «Seit Mai findet in dieser Causa eine mediale Skandalisierung und Vorverurteilung noch vor der endgültigen juristischen Klärung statt.»

In ihrem langen Facebook-Beitrag liefert Tajana Gudenus auch eine Beschreibung der angeblichen Oligarchen-Nichte. «Diese Frau hat muttersprachlich Russisch und ein gebrochenes Englisch gesprochen. Sie ist circa 40 Jahre alt, etwa 1,70 gross, dünn, helläugig und hatte damals langes, glattes, hellbraunes Haar.» In einigen Medienberichten hatte es geheissen, dass der Lockvogel eine mehrsprachige Studentin der Agrarwissenschaften mit bosnischen Wurzeln sei. «Seitdem kursieren im Internet Fotos unterschiedlicher Frauen, die mehr oder weniger dieser Beschreibung entsprechen», schreibt Gudenus. «Auch Fotos einiger Frauen, die ich persönlich kenne und die jetzt völlig unverschuldet unter geheimdienstlicher Beobachtung stehen und somit einem enormen Stress ausgesetzt sind.»

Erstellt: 23.08.2019, 13:10 Uhr

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