«New York Times» verzichtet ganz auf politische Karikaturen

Die renommierte Zeitung aus der US-Metropole zieht die Konsequenzen aus einer heftig kritisierten Illustration.

Israels UNO-Botschafter verglich die Zeichnung mit der NS-Propagandazeitung «Der Stürmer»: Der Sitz der NYT. (Reuters/Jeenah Moon/30. Oktober 2018)

Israels UNO-Botschafter verglich die Zeichnung mit der NS-Propagandazeitung «Der Stürmer»: Der Sitz der NYT. (Reuters/Jeenah Moon/30. Oktober 2018)

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Die «New York Times» will in ihrer internationalen Ausgabe künftig auf die täglichen politischen Karikaturen verzichten. Im April hatte sich die US-Zeitung für eine Karikatur entschuldigt, die Kritiker als antisemitisch bezeichnet hatten.

Der «New York Times»-Redaktor James Bennet erklärte am Montag, die Zeitung beabsichtige schon seit einem Jahr, analog zur US-Ausgabe auch in der internationalen Ausgabe auf Karikaturen zu verzichten. Die Entscheidung trete ab 1. Juli in Kraft. Der Schweizer Karikaturist Patrick Chappatte erklärte hingegen, die Entscheidung habe mit einer «antisemitischen Karikatur» vom April zu tun.

Premier als Blindenhund

Die Zeichnung zeigt Netanyahu als Blindenhund mit Davidstern am Halsband, der einen blinden US-Präsidenten Donald Trump führt. Trump trägt in der Zeichnung eine Kippa. In der jüdischen Gemeinde in den USA hatte die Karikatur Entsetzen hervorgerufen. Israels UNO-Botschafter verglich die Zeichnung mit der NS-Propagandazeitung «Der Stürmer».

Tage nach der Veröffentlichung erklärte die «New York Times», die Zeichnung sei «antisemitisch und beleidigend» gewesen. Sie entschuldigte sich für die «Fehleinschätzung, sie zu veröffentlichen». Herausgeber Arthur Gregg Sulzberger erklärte, der für die Veröffentlichung der «antisemitischen Karikatur» verantwortliche Redaktor sei verwarnt worden.

Wütende Masse im Netz

Auch Chappatte, der für die Zeitungen «New York Times», die «NZZ am Sonntag», «Le Temps» und das Magazin «Der Spiegel» arbeitet, verurteilte die Veröffentlichung der Karikatur. Er kritisiert jedoch, dass Medien immer stärker unter politischen Druck und Kritik von «Moralaposteln» in den Online-Netzwerken gerieten. «Twitter ist ein Ort der Wut, nicht der Debatte», sagt Chappatte.

Zeichner aus Venezuela, Nicaragua und Russland hätten ins Exil gehen müssen, schreibt Chappatte auf seiner Webseite. Einige der besten Karikaturisten in den USA wie Nick Anderson und Bob Rogers hätten in letzter Zeit ihre Anstellung verloren, weil Verlage ihre Arbeit zu Trump-kritisch fanden. «Vielleicht sollten wir anfangen, uns Sorgen zu machen.»

Nach Angaben von Bennet hofft die «New York Times», mit den Karikaturisten Chappatte und Heng Kim-Song künftig an anderen Projekten zusammenzuarbeiten. (fal/sda)

Erstellt: 11.06.2019, 14:15 Uhr

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