Seinetwegen büffeln Italiens Kinder bald Klimawandel

Lorenzo Fioramonti hält viel vom Klimaschutz. Dafür fordert der Erziehungsminister die Jugend sogar zum Schuleschwänzen auf.

«Es gibt auch richtige Noten»: Lorenzo Fioramonti betont gerne, dass das Schulfach Klimawandeln kein Spass sein wird. Foto: Reuters

«Es gibt auch richtige Noten»: Lorenzo Fioramonti betont gerne, dass das Schulfach Klimawandeln kein Spass sein wird. Foto: Reuters

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Bei den Fioramontis zu Hause läuft oft deutsches Fernsehen, zum Beispiel die «Tagesschau» der ARD. Auch solche Dinge erfuhr man von Lorenzo Fioramonti, dem italienischen Minister für Erziehung und Forschung, als er vor ein paar Tagen ausländischen Journalisten seine Sicht auf die Bildung erklärte.

Der Römer ist mit einer deutschen Umweltaktivistin verheiratet. Wenn er ein deutsches Wort in seinen reissenden Redeschwall einstreut, etwa «Abitur», hört sich das sehr akzentfrei an, er spricht fünf Sprachen. Neulich, sagte er, habe eines seiner Kinder vor der «Tagesschau» gesessen und gerufen: «Schau, Papa, die reden gut von dir.»

Eine Lektion pro Woche

Das kommt sonst nicht so oft vor. Italienische Medien neigen eher dazu, Politiker hart anzufassen – gerade solche, die sich mit originellen Ideen hervortun. Bei Fioramonti war das die durchaus opportune und zeitgemässe Idee, im kommenden Schuljahr ein neues Schulfach einzuführen: Klimawandel und nachhaltige Entwicklung. 33 Stunden im Jahr, eine Lektion pro Woche also. Auf allen Schulstufen, von der ersten Primarklasse bis zur «Maturità».

«Obligatorisch mit allem Drum und Dran, also auch mit richtigen Noten», sagt Fioramonti. Damit, fügt er jetzt jedes Mal an, wenn er gefragt wird, leiste Italien Pionierdienst, weltweit. Italien ist in dieser Angelegenheit Avantgarde.

Und das erstaunt schon ein wenig: Die Italiener haben nicht den Ruf, ein besonders umweltbewusstes Volk zu sein. Umweltschutz gilt vielen als Luxus, vor allem sozial benachteiligten Bürgern. Die italienischen Grünen, die «Verdi», haben bei den jüngsten Europawahlen nur 2,3 Prozent der Stimmen gewonnen – und das war eines ihrer besten Resultate seit Jahren.

Auch die Cinque Stelle, Italiens Partei mit den meisten Parlamentariern, der Fioramonti angehört, haben eine grüne Seele. In den Anfängen war sie ausgeprägt, zuletzt, vor allem in ihrer Regierungstätigkeit mit der rechten Lega, hat sie stark gelitten.

Millionen für die Ausbildung

Neu ist, dass sich die Jungen und sehr Jungen in Italien für Klima und Umwelt interessieren: Die Initiative «Fridays for Future» mobilisiert regelmässig Hunderttausende Schüler, mehr noch als anderswo in Europa. Fioramonti ermutigt sie offen dazu, die Schule zu schwänzen und dem Ruf Greta Thunbergs zu folgen. «15- und 16-Jährige sagen uns Älteren, dass wir auf die Wissenschaftler hören sollten», sagt Fioramonti. Das müsse doch zu denken geben.

Es passt also schon, wenn dieser Minister nun ein neues Fach zum Klimawandel einführt. Die Gesetzesvorlage steht, die Lehrer sollen ab Januar geschult werden. Zehn Millionen Euro stehen dafür zur Verfügung. Das neue Fach beansprucht keine zusätzliche Stunde, es wird im Rahmen der «educazione civica», der­ ­bürgerschaftlichen Erziehung, unterrichtet werden.

Komplexität nach Stufe

Die Komplexität des Stoffs variiert je nach Stufe: In der Grundschule wird er spielerisch und praktisch vermittelt, später handelt er von Technologien und ­juristischen Aspekten. Ein internationales Komitee formuliere gerade ein ganzheitliches, interdisziplinäres Programm, sagt Fioramonti.

Die Nachricht gab viel zu reden, vor allem im Ausland: «The New York Times», CNN, BBC, die «Tagesschau» – alle berichteten. Die italienischen Medien dagegen reagierten flau, fast verschwiegen hätten sie die Weltpremiere. «Die filtern», sagt Fioramonti. «Sie interessieren sich eben mehr für politischen Gossip.» Vielleicht liegt es aber auch daran, dass der Herr Erziehungsminister so oft von sich reden macht, dass die Zeitungen auch mal etwas auslassen.

BBC, CNN, «New York Times»: Im Ausland waren alle interessiert. Italiens Medien dagegen mässig.

Fioramonti hat zum Beispiel auch schon damit gedroht, er trete sofort zurück, wenn die Regierung im neuen Haushalt nicht mindestens drei Milliarden Euro zusätzlich für sein Ressort einplane: für höhere Lehrerlöhne, kleinere Klassen und für die Renovierung baufälliger Schulen. Da der Staat gerade klamm ist, wurde die Forderung wie eine Provokation aufgenommen, obschon sie natürlich legitim ist.

Der 42-jährige Fioramonti hält den Italienern oft kritisch den Spiegel vor, als wäre er selbst keiner. Er nannte sich einmal ein «cervello in fuga», ein Hirn auf der Flucht. So beschreiben die Italiener Junge, die das Land verlassen – den Braindrain.

Nach dem Studium der Philosophie an der römischen Uni­versität Tor Vergata und einem Doktorat in politischen Wissenschaften in Siena wanderte Fioramonti aus. Seine Aussichten, in Italien zu dozieren, seien zu klein gewesen, sagte er einmal. Die Auswahlkriterien seien viel zu undurchsichtig, alles sei abgekartet.

Di Maios Berater

Im südafrikanischen Pretoria gaben sie ihm einen Lehrstuhl für Volkswirtschaft, er machte sich international einen Namen. Manchen in der Heimat fiel das auf. Luigi Di Maio, Chef der Fünf Sterne, liess sich von ihm beraten in wirtschaftlichen Angelegenheiten, und er überzeugte ihn, nach Italien zurückzukehren. Vor anderthalb Jahren war das, Fioramonti gewann einen Sitz in der Abgeordnetenkammer.

Heute ist er das internationalste Mitglied im neuen Kabinett von Premier Giuseppe Conte. Er zieht oft ausländische Modelle heran, die den Italienern als Vorbild gelten könnten, am liebsten das deutsche. Jetzt ist man aber selbst Modell, vielleicht sogar Vorbild.

Erstellt: 19.11.2019, 11:56 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zuonline.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 854 82 14. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Werbung

Branchenbox

Die wöchentliche Seite in der Printausgabe des «Zürcher Unterländer». Ihre Kontaktangaben immer online abrufbar.