Sie war die Greta der Neunzigerjahre

Severn Cullis-Suzuki hielt am Umweltgipfel 1992 in Rio eine flammende Rede und unterstützt heute Greta Thunberg.

Der Kampf währe das ganze Leben an, sagt sie: Severn Cullis-Suzuki. Foto: PD

Der Kampf währe das ganze Leben an, sagt sie: Severn Cullis-Suzuki. Foto: PD

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Wie mächtig die Stimme eines Kindes sein kann, das aufsteht und den Herrschenden ohne Scheu ihr Versagen vorhält, zeigt dieser Tage die schwedische Umweltaktivistin Greta Thunberg, die innerhalb eines Jahres zur globalen Ikone geworden ist. Doch ein ähnliches Phänomen gab es bereits im Jahr 1992. Damals reiste ein zwölfjähriges Mädchen von Vancouver an den Umweltgipfel nach Rio de Janeiro, um gegen die Zerstörung des Planeten durch die Herrschenden zu protestieren. Severn Cullis hielt eine aufwühlende Rede und wurde durch die Videoaufzeichnung ihres Auftritts bekannt als das Mädchen, das die Welt für 5 Minuten zum Schweigen brachte.

«Ich fürchte mich, an die Sonne zu gehen»

Cullis wuchs in Vancouver auf und gründete bereits als Neunjährige in ihrer Schule eine Environmental Children’s Organization. Dort diskutierte sie mit anderen Kindern Umweltprobleme und Massnahmen für deren Lösung. So wurde sie 1992 nach Rio eingeladen. Ihre Rede dauerte keine zehn Minuten, aber ihre Wirkung war eindrücklich und ihre Stimme hallt bis heute nach: «Ich fürchte mich, nach draussen in die Sonne zu gehen, weil es ein Ozonloch gibt. Ich fürchte mich zu atmen, weil ich nicht weiss, welche Chemikalien sie enthält ... Ich bin nur ein Kind, und ich habe nicht alle Lösungen. Aber ich will, dass ihr begreift: ihr auch nicht. Ihr wisst nicht, wie man das Ozonloch flickt. Ihr wisst nicht, wie man den Lachs in einen toten Fluss zurückbringt, ihr wisst nicht, wie man ausgestorbene Tiere zurückbringt (...) Wenn ihr nicht wisst, wie man es wieder flickt, bitte hört auf, es kaputt zu machen.»

Gretas Botschaft kommt an

Heute ist Cullis-Suzuki fast vierzig, zweifache Mutter, Umweltaktivistin und Moderatorin. Und sie verfolgt die Bewegung um Greta Thunberg genau. Denn wie Greta litt auch Cullis-Suzuki als Kind sehr an der Umweltzerstörung und weinte deswegen nachts, wie sie in einem Interview mit dem Magazin «Geo» erzählte. Bis ihre Mutter ihr gezeigt habe, wie sie deswegen aktiv werden könne. Sie begann sich zu engagieren, Strände zu säubern, Geld zu sammeln für Organisationen.

Bis heute analysiert sie die Sachlage so nüchtern wie kritisch. Obschon man seit den Achtzigern über die Klimaerwärmung Bescheid wusste, habe man das Wachstum in keiner Weise gebremst, immer nur die Interessen der Wirtschaft im Auge gehabt. «Unsere politischen Systeme sind nicht auf wirkliche politische Führerschaft ausgerichtet – sondern auf Popularität», hält sie im Interview fest. Ein Befund, der heute sogar noch verschärft vorliegt. Deshalb brauche es Greta heute nötiger denn je, Menschen, die nicht bloss wünschten, sondern handelten. Die Kritik an Greta zeige, dass ihre Botschaft ankomme und dass sie eine Bedrohung für den Status quo bedeute.

Allerdings ist Cullis-Suzuki auch klar, dass Greta verletzlich ist. Und zu sich Sorge tragen muss, wenn sie nicht verheizt werden will. Sie wünsche ihr, dass sie Menschen um sich habe, die dafür sorgen könnten, dass sie gesund bleibe. Dass Greta zudem einen Weg finde, sich sicher zu fühlen, Spass zu haben und ein Kind zu sein. Sie wünsche Greta auch, dass sie ihren Kampfgeist in der Natur erneuern könne, denn der Kampf währe das ganze Leben an.

«Mein Herz ist so voll», schrieb Cullis-Suzuki in einem Instagram-Post zu den weltweiten Klimademonstrationen vergangenen Freitag. «Die Jugend zeigt der Welt, wie man in Aktion treten kann. Wie man Transformation verlangen kann. Human Change, not Climate Change.» Greta würde das unterschreiben.

Erstellt: 26.09.2019, 17:42 Uhr

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