Titanic-Werft vor dem Untergang

Die Titanic ist bei Harland and Wolff vom Stapel gelaufen. Nach 166 Jahren steht die Werft in Belfast vor der Schliessung.

Symbol für Fortschritt und Luxus: Arbeiter in der Werft Harland and Wolff in Belfast inspizieren 1911 die drei Propeller der Titanic. Foto: Alamy Stock

Symbol für Fortschritt und Luxus: Arbeiter in der Werft Harland and Wolff in Belfast inspizieren 1911 die drei Propeller der Titanic. Foto: Alamy Stock

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Nordirland stellt sich darauf ein, seine einst grösste Werft der Welt zu verlieren. Harland and Wolff in Belfast ist zahlungsunfähig geworden und hat die Arbeit eingestellt. Die Megawerkstatt, in der zu Beginn des vorigen Jahrhunderts Jahr für Jahr Ozean­riesen, Luxusliner und mächtige Kriegsschiffe vom Stapel liefen, hat keine Aufträge mehr und kann ihre Arbeiter nicht mehr bezahlen. Am River Lagan geht ein Stück Geschichte zu Ende, die auch ihre finsteren Seiten hatte.

Einen Käufer für die Werft haben die norwegischen Eigner zuletzt nicht mehr finden können. Die Konkursverwalter fahnden weiter in der leisen Hoffnung, dass ihre Suche noch «zu verlässlichen Angeboten führt». Der an der Suche beteiligte Ost-Belfaster Abgeordnete Gavin Robinson räumt aber ein, dass man sich «in einer sehr schwierigen Lage» befinde: «Einen Zauberstab» für die Rettung der Werft gebe es «leider nicht».

Arbeiter besetzen das Werk

Bis zuletzt hat Grossbritanniens Labour Party die Verstaatlichung des Unternehmens verlangt.Boris Johnsons Tory-Kabinett war dazu aber nicht bereit. Das Schicksal der Werft sei «letztlich eine kommerzielle Frage», erklärte die Regierung kategorisch. Verbittert haben die letzten 130 Beschäftigten das Werk in den letzten drei Wochen besetzt. Ihre Aktion ist Ausdruck der zornigen Ohnmacht, die heute vielerorts an der alten Industriefront Nordirlands herrscht.

Denn auch die einst stolze Flugzeugproduktion in der Provinz ist schwer ins Trudeln ge­raten. Und die Textilindustrie kränkelt eh seit langem vor sich hin. Für zusätzliche Verun­sicherung sorgt der näher rückende Austritt aus der EU.Sollte es im Oktober zu einem No-Deal-Brexit kommen, wie ihn die Londoner Regierung anpeilt, würde dies Nordirland schwerer treffen als den Rest des Königreichs. Darin sind sich alle Experten einig.

35'000 Beschäftigte hatte die Werft, als sie Überseedampfer für die legendäre White Star Line fertigte.

Mit Wehmut schauen viele in Nordirland nun zurück auf die Glanzzeit, die sie mit dem Namen Harland and Wolff verbinden. Noch vor 100 Jahren gab es in der Welt keine vergleichbare Werft. 35'000 Beschäftigte hatte das Werk, als es die viel bewunderten, luxuriös ausgestatteten Überseedampfer für die legendäre White Star Line fertigte – die Britannic, die Olympic, die Oceanic und viele mehr.

Geradezu als Triumph britischer Seefahrtstechnologie wurde die im Mai 1911 vom Stapel gelaufene Titanic gefeiert – bevor sie im folgenden Jahr alle Welt in Schock und Horror versetzte, als sie auf einen Eisberg auflief und mit über 1500 Menschen an Bord in den Atlantik sank. Heute, mit dem nötigen zeitlichen Abstand, wird in Belfast darüber gerätselt, ob vielleicht auch Mängel bei der Fertigung der Bolzen zur Katastrophe geführt haben. Verantwortlich für das Schicksal des Schiffs hat man sich in Belfast immer gefühlt.

Eine der wichtigsten Industrieanlagen der viktorianischen Zeit

Die Geschichte der Werft reicht freilich viel weiter zurück, bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts. 1853 wurde sie von einem Eisenwarenhändler namens Robert Hickson gegründet. Er verkaufte sie wenig später an seinen Geschäftsführer Edward Harland. Dieser finanzierte die Aktion mithilfe seines Freundes Gustav Christian Schwabe, eines aus Hamburg stammenden Kaufmanns, der sich in Liverpool niedergelassen hatte.

Schwabes Neffe Gustav Wolff wurde in der Folge dieses Deals erst zum Assistenten und dann zum Partner Harlands. Dank wachsender Nachfrage nach Überseedampfern und grossen Schiffen aller Art bauten Harland und Wolff im Aufschwung der frühen Jahre ihr Gelände in Belfast zu einer der bedeutendsten Industrieanlagen der viktorianischen Ära aus.

Später, im 20. Jahrhundert, sollten die beiden Weltkriege und die Weltwirtschaftskrise das Unternehmen zum Bau simplerer, billiger zu produzierender Schiffe zwingen. Aber noch zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs hielt die Fertigung von Kriegsschiffen und von jeder Menge Kriegsmaterial die Werft über Wasser.

Bastion der Protestanten

In den Nachkriegsjahren füllten sich die Auftragsbücher, weil die zivile Schifffahrt Kriegslücken auffüllen musste. In den Sechzigerjahren aber wurde klar, dass der Boom zu Ende war. Die 1960 gebaute Canberra, gedacht für die Seeverbindung zwischen Grossbritannien und Australien, wurde zum letzten der Ozean­riesen der Werft. Der Übergang zum interkontinentalen Flugverkehr und die spürbar werdende Billigkonkurrenz in Asien begannen, Harland and Wolff Schwierigkeiten zu machen. Die Canberra wurde bald schon zum Kreuzfahrtschiff degradiert. Später diente sie der Royal Navy als Lazarettschiff im Südatlantik, als es dort um die Rückeroberung der Falklandinseln ging.

Unterdessen machte der 1970 voll ausgebrochene Nordirland-Konflikt die Sache nicht leichter. In gewisser Weise wurde hier die Werft am Lagan River von ihrem eigenen sektiererischen Erbe eingeholt. Edward Harland – Presbyterianer, Tory-Abgeordneter und unionistischer Bürgermeister von Belfast – hatte sein Unternehmen immer als Powerhouse des britischen Empire betrachtet. Und als einen Arbeitsplatz für königstreue Landsleute. Harland and Wolff war eine protestantische Bastion.

Noch zu Zeiten des Titanic-Baus, als ein gutes Viertel der Bevölkerung Belfasts irisch-katholisch war, betrug der Anteil der Katholiken an der Harland-and-Wolff-Belegschaft keine acht Prozent. Als Ulsters Protestanten ihre Vorherrschaft vor Ort in Gefahr wähnten, verschärften sich die Spannungen. Katholiken, die es in die Werft schafften, mussten mit Repressalien rechnen. Kaum eine katholische Familie wagte es, sich in den protestantischen Quartieren am Rand der Werft anzusiedeln. Typisch für diese Stimmung war, dass Unionisten nach der Titanic-Katas­trophe das Gerücht verbreiteten, überall im Land hätten Katholiken Freudenfeuer angezündet: So sehr identifizierte sich das protestantische Nordirland mit dem Spitzenprodukt «seiner» Werft, so sehr war es in seinem Selbstbewusstsein getroffen von diesem Verlust.

Die Hallen sind leer

Glaubhaft waren die Gerüchte freilich schon deshalb nicht, weil sich an Bord des gesunkenen Liners viele irische Emigranten befunden hatten. Umgekehrt erzählt man sich in irisch-katholischen Familien noch bis heute, loyalistische Werftarbeiter bei Harland and Wolff hätten in den Rumpf der Titanic knapp über der Wasserlinie die Zahl 390904 eingraviert. Im Spiegelbild einer stillen See liest sich diese Zahlenfolge wie «NO POPE» – kein Papst.

Lang scheint es inzwischen her zu sein, dass die berühmte Werft dazu beitrug, protestantische Vorherrschaft in Irland ebenso wie britische Präsenzauf den Weltmeeren zu sichern. Allein in den zwei Jahrzehnten seit dem Friedensschluss von Belfast, dem sogenannten Karfreitagsabkommen, hat sich viel geändert am River Lagan und in weiten Teilen der Provinz.

Vor allem aber hat der sukzessive Niedergang der Werft alten Spannungen den Sinn und die Spitze genommen. Mit Schiffsreparaturen und ein paar Windturbinenaufträgen hat sich die Werft zuletzt über die Runden gebracht.

Aber nun stehen die Hallen leer und rosten die Ankerwinden vor sich hin. Auch die letzten Arbeiter, die das Gelände besetzt haben, fragen sich, ob sie bald ihre Protestschilder schultern und heimgehen müssen. Die guten Zeiten, die Harland and Wolff einmal weltberühmt gemacht haben, kommen jedenfalls wohl nicht zurück.

Erstellt: 16.08.2019, 21:11 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zuonline.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 854 82 14. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare