Trumps Tiraden werden schärfer und schärfer

Die Analyse von knapp 35’000 Tweets zeigt: Der Ton des US-Präsidenten wird immer rauer. Verändert hat sich auch die Reaktion des Publikums.

Die negativ besetzten Tweets von US-Präsident Donald Trump sind heute viel weniger beliebt als noch vor wenigen Monaten.

Die negativ besetzten Tweets von US-Präsident Donald Trump sind heute viel weniger beliebt als noch vor wenigen Monaten.

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In New York kursiert derzeit eine brisante Petition. Über 300’000 Personen haben sie bisher unterschrieben. Darin wird vorgeschlagen, die 5th Avenue auf Manhattan in «President Barack H. Obama» umzubenennen. Es handelt sich um die Strasse, an der auch der Trump Tower steht, das Zentrum des trumpschen Imperiums.

Das dürfte für Donald Trump ein Albtraum sein. Wenn es etwas gibt, das der amtierende US-Präsident nicht ausstehen kann, dann seinen Vorgänger Barack Obama. Die obsessive Abneigung gegenüber Obama lässt sich sogar statistisch belegen. Seit März 2009, als Trump seinen ersten Tweet im sozialen Netzwerk absetzte, hat er niemanden mehr angefeindet als den 44. Präsidenten der USA. Das verrät eine systematische Auswertung aller rund 35’000 Trump-Kurzmeldungen.

Die Kritik an Obama begann harmlos. Am 6. Juli 2011 – Obama war damals in seiner ersten Amtszeit – schrieb Trump: «Zeit, den Gürtel enger zu schnallen. Die Schuldenlimite kann erst angehoben werden, wenn wir die Ausgaben von Obama in den Griff bekommen haben.» Seine Angriffe wurden bald persönlicher. Am 17. August 2011 griff er Obama dafür an, dauernd in den Ferien zu sein. Aus heutiger Sicht und mit Trumps Aufenthalten in seinem Mar-a-Lago-Golf-Club wirkt das besonders ironisch.

Ist der Inhalt angriffig oder beleidigend, liegt der Schnitt der Likes bei 101'000 Likes.

Über die folgenden zwölf Monate schoss sich Trump an Obama richtiggehend warm. Der erste schwarze Präsident war schlicht an allem schuld. Am 6. April 2012 etwa dafür, dass das Benzin an den Zapfsäulen zu teuer war: «In Palm Beach an einer Tankstelle vorbeigefahren. 4,5 US-Dollar für eine Gallone. Das ist das Ergebnis der schlechten Obama-Führung.» Im Oktober 2012 griff Trump Obama insgesamt 71-mal auf Twitter an. Das war der vorläufige Höhepunkt seiner obsessiven Auseinandersetzung mit Obama.

Es war wohl in dieser Zeit, als Trump entdeckte, welche Wirkung seine besonders aggressiven Kurzmeldungen in den sozialen Medien hatten. Je persönlicher und beleidigender er seine Angriffe auf Obama formulierte, desto mehr Likes erhielt Trump vom Internetpublikum. Als er etwa Obama dafür kritisierte, nichts dagegen zu tun, dass der Iran angeblich US-Waffen gegen US-Militärs im Irak einsetzte, erhielt er am 8. Juli 2012 gerade mal zwei Likes; nur 16-mal wurde die Kurzmitteilung von anderen Nutzern geteilt. Kurze Zeit später schrieb er: «Es ist traurig, dass Obama so wenig Erfahrung als Geschäftsmann hat – das rächt sich jetzt.» Für diese Meldungen hingegen kamen innert Kürze 533 Likes und 680 Weiterleitungen zusammen.

Provokationen nehmen seit Amtsantritt zu

Heute sammelt Trump ein Vielfaches an Likes und Weiterleitungen. Von seiner Twitter-Gemeinschaft, die mittlerweile aus 63 Millionen Nutzern besteht, sind es mittlerweile pro Twitter-Kurzmeldung im Durchschnitt 95’800 Likes. Ist der Inhalt angriffig oder beleidigend, liegt der Schnitt sogar nochmals höher, bei 101’000 Likes. Sein Kommentar zur ersten Live-TV-Debatte der demokratischen US-Präsidentschaftskandidatinnen und -kandidaten vom 27. Juni bestand zum Beispiel aus nur einem Wort in Grossbuchstaben: «LANGWEILIG!» Dafür kassierte Trump 327’000 Likes, dreimal höher als der Schnitt.

Seit seinem Amtsantritt als Präsident haben seine Provokationen in den sozialen Medien im Verhältnis sogar zugenommen. Auch das zeigt die Analyse. Mithilfe eines Algorithmus wurde der Ton jedes Trump-Tweets in drei Gruppen eingeteilt: positiv, neutral, negativ. Der Anteil der negativ besetzten Tweets nimmt demnach seit 2016 kontinuierlich zu. Mittlerweile ist beinahe jeder vierte Trump-Tweet eine Beleidigung oder ein Angriff. Dabei war der Hass-Anteil in den Jahren 2014 und 2015 zwischenzeitlich auf unter zehn Prozent gefallen.

Längst hat Trump nicht mehr nur Obama im Visier. Es gibt mittlerweile gerade bei den Demokraten kaum jemanden, den Trump in den sozialen Medien nicht mit Schmäh und Hohn überhäuft.

Am zweitmeisten griff der 45. Präsident wenig überraschend seine demokratische Gegnerin während des Wahlkampfs 2016 an: Hillary Clinton. Und auch nach seinem Wahlsieg konnte er nie ganz davon lassen, Clinton in den Dreck zu ziehen. Die Anti-Clinton-Kurzmeldung mit der grössten Beachtung stammt vom 17. Juli 2017. Sie geht so: «Die krumme Hillary Clinton ist die schlechteste (und grösste) Verliererin aller Zeiten. Sie kann einfach nicht aufhören. Das ist gut für die republikanische Partei. Hillary, mach endlich was aus deinem Leben und versuche es in drei Jahren wieder!» 174’000 Likes. Kürzlich hat er mit seiner 63-Millionen-Twitter-Gefolgschaft sogar eine Verschwörungstheorie weitergeleitet, wonach Hillary und Bill Clinton hinter dem Suizid des Sexualverbrechers Jeffrey Epstein steckten.

In jüngster Zeit ist es der FBI-Sonderermittler Robert Mueller, der zum Lieblingsziel von Trump geworden ist. Etwa in Kurzmeldungen wie vom 7. April 2019: «Es sieht so aus, als ob Bob Müllers Team von 13 Trump-Hassern und wütenden Demokraten illegal Informationen an die Presse weitergibt, während die Fake-News-Medien ihre eigenen Geschichten mit oder ohne Quellen schreiben. Quellen, die für unsere korrupten und unehrlichen Mainstream-Medien nicht mehr wichtig sind, sie sind ein Witz!» 131’000 Likes.

Doch im Fall von Mueller ist Trump bei weitem nicht so obsessiv wie bei Obama. Auch zu Spitzenzeiten des trumpschen Hasses erreichte der Sturm nicht annähernd die Anzahl Negativ-Tweets, wie sie Barack Obama erlebt hat. Das gilt etwa für Mitt Romney. Nach Obama und Clinton folgt er auf Platz drei der Personen, die am meisten Trump-Beleidigungen erlebt haben. Romney, selbst Republikaner, kritisierte Trump während der letzten Wahl 2016 mehrfach lautstark.

Der texanische Senator Ted Cruz, während der republikanischen Vorwahlen ein Gegner Trumps, kam im Jahr 2015 kurzfristig auf 40 monatliche Angriffe von Trump; bei Hillary Clinton dauerte die Welle länger, doch auch in ihrem Fall bombardierte Trump seine Gegenspielerin während des US-Wahlkampfs mit nicht mehr als 35 Negativ-Tweets; bei Sonderermittler Robert Mueller waren es in jüngster Zeit im Spitzenmoment nur noch 22 Hass-Tweets pro Monat.

Zumindest was den Umfang seiner Attacken auf bestimmte Personen angeht, scheint sich Trump also etwas zurückzunehmen. Und für Nutzer des Internets, die sich einen gemässigteren Ton des US-Präsidenten wünschen, gibt es sogar noch mehr Grund zur Hoffnung.

Trump verfasst zwar anteilsmässig immer öfter wütende Kurzmitteilungen in den sozialen Medien. Doch die plumpen Provokationen bekommen im Verhältnis immer weniger Likes, und seine Meldungen, die in einem positiven Ton verfasst sind – ja, die gibt es tatsächlich auch, sie sind sogar in der Mehrheit –, bekommen immer mehr Beachtung.

Im Jahr 2013 erzielte Trump mit einem angriffigen Tweet im Durchschnitt über 50 Prozent mehr Likes, als wenn die Kurzmitteilung neutral oder positiv formuliert war. Doch seit Trump Präsident geworden ist, haben sich diese Werte komplett verändert. Tatsächlich erzielen positive Tweets von Trump mittlerweile fast so viel Beachtung wie die negativen. Das ist ein Hinweis darauf, dass sich das Verhältnis der Internet-Nutzerschaft zum US-Präsidenten verändert hat.

Dazu passt auch, dass der Tweet von Donald Trump, der bisher am meisten Beachtung erhalten hat, keine Obama-Beleidigung ist und erst recht kein Angriff auf Hillary Clinton, sondern einer, in der der Präsident ohne Ironie oder Schadenfreude seine menschliche Seite zeigt. Am 2. August 2019 feierte Trump die Freilassung des Rappers A$AP Rocky aus einem schwedischen Gefängnis mit den Worten: «A$AP Rocky wurde aus dem Gefängnis entlassen und kehrt heim in die USA. Was für eine schwere Woche. Komm so schnell wie möglich nach Hause!» 881’000 Likes.


Entscheidung 2020 - der Podcast zu den Wahlen in den USA

Die Sendung ist zu hören auf Spotify oder direkt hier:

Erstellt: 16.08.2019, 11:36 Uhr

34771 Twitter-Meldungen untersucht

Daten-Quelle Für die Untersuchung berücksichtigt, wurden alle 34771 Kurzmeldungen, die Donald Trump zwischen dem 4. Mai 2009 und dem 13. August 2019 im sozialen Netzwerk Twitter publiziert hat. Abgelegt sind die Inhalte im «Trump Twitter Archive». Enthalten sind auch die Tweets, die nachträglich gelöscht wurden. Ausgeschlossen wurden die rund 2000 Weiterleitung von Meldungen anderer Twitter-Nutzer, sogenannte Retweets.

Sentiment-Analyse Um die Meldungen in positiv, negativ oder neutral formulierte Meldungen zu kategorisieren, wurde der «Vader Sentiment Analyzer» verwendet. Dabei handelt es sich um einen Algorithmus, dessen Code von einer Gruppe Forschern offen im Internet publiziert ist. Er ist speziell darauf ausgelegt, die Tonlage von englisch-sprachigen Social-Media-Inhalten zu kategorisieren. Der Algorithmus nutzt dabei unter anderem ein Lexikon von Wörtern, die entweder als positiv, neutral oder negativ definiert sind. Berücksichtigt wird in der Analyse aber auch die Interpunktion oder die Information, ob gewisse Wörter in Grossbuchstaben verfasst werden. Die Kombination aller Parameter ergibt pro Meldung einen Wert, der zwischen 1 und -1 liegt. In der vorliegenden Analyse wurde alles, was einen Wertung von unter -0,5 hatte, als negativ klassifiziert; alles was zwischen -0,5 und 0,5 als neutral; alles über 0,5 als positiv. Mit diesem System wurden 16181 als neutral, 13720 als positiv und 4870 als negativ klassifiziert. Zur Qualitätskontrolle wurden nachträglich 100 klassifizierte Meldungen von Hand geprüft. In allen Fällen war die Klassifizierung sinnvoll. Mehr über die Methode kann hier nachgelesen werden.

Namensextraktion Zur Extrahierung der Namen wurde der auf die Programmiersprache Python basierte Werkzeugkasten Natural Language Toolkit (NTLK) verwendet. Die in einem ersten Durchlauf ermittelten Namen wurden dann von Hand zusammengeführt. Zum Beispiel: «Crooked Hillary» und «Hillary Clinton».

Quellcode Der gesamte Code der Untersuchung ist gemeinsam mit weiteren Projekten des Tamedia Daten-Teams unter folgender Internet-Adresse abrufbar: https://github.com/tamedia-ddj/.

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