Warum Salvini kolossal stürzte – und bald zurückkehren könnte

Italien hat einen verrückten Sommer hinter sich. Was genau ist passiert? Wie geht es weiter? Der bekannteste Politjournalist des Landes erklärt es.

Denkwürdiger Parlamentsauftritt am 20. August: Regierungschef Giuseppe Conte (rechts) liest Innenminister Matteo Salvini die Leviten. Bild: Reuters/Yara Nardi

Denkwürdiger Parlamentsauftritt am 20. August: Regierungschef Giuseppe Conte (rechts) liest Innenminister Matteo Salvini die Leviten. Bild: Reuters/Yara Nardi

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Er habe ziemlich viel Adrenalin in sich drin, sagt Enrico Mentana, und das ist eine massive Untertreibung. Während er redet, in wirbligen Schwallen, klickt er mit der Maus alles weg, was so reinläuft auf seinem Computer, Agenturmeldungen, Mails. Klick, klick. Das Handy liegt auf einem Möbel neben dem Schreibtisch, zum Laden, es leuchtet so oft auf, dass er ständig reflexhaft draufschauen muss. «Ein bisschen getrieben bin ich schon», sagt er und presst ein Lächeln in sein Gesicht, ein Kranz weisser Locken umspielt es. Klick, klick, klick. «Ist ja auch ein Spass, was ich hier mache, und bezahlt werde ich dafür auch noch.»

Ein dunkles Büro im fünften und obersten Stock eines quadratischen, fleischkäsefarbenen Gebäudes im Norden Roms, ein Vorhang sperrt die Nachmittagssonne raus. Hier draussen hat La 7 ihren Sitz, Italiens politischster, spannendster Fernsehsender. Und Enrico Mentana, 64 Jahre alt, Mailänder, ist sein Star, der bekannteste Politikjournalist im Land, ein Erklärer. Er führt durch alle Dramen der Republik, durch Wahlen und Regierungskrisen. Die jüngste, die Sommerkrise, nennt man in Rom jetzt «la più pazza di sempre», die verrückteste aller Zeiten, und das will etwas heissen in einer Stadt, die von sich sagt, sie sei ewig.

#maratonamentana dauert auch mal zwanzig Stunden

Seine Sendung heisst #maratonamentana, Marathon Mentana. Sie ist Kult, so etwas gibt es sonst nirgendwo in Europa. Das Programm dauert jeweils fünf, acht, zehn, auch mal zwanzig Stunden, nonstop, so lange es eben sein muss. Millionen schauen zu. «In der Werbepause essen wir Pizza vom Kurier», sagt Mentana.

Er schickt seine Reporter vor alle römischen Machtpaläste, damit sie dort warten, bis etwas passiert, manchmal passiert stundenlang nichts. Die Reporter sind sich nicht zu schade, den Politikern nachzurennen für ein Zitat, Kameraleute im Schlepptau, sich vor wegfahrende Autos zu stellen. Wenn das Signal mal ausfällt, die Bilder zittrig sind, schärft das nur das Drama. Im kargen, schlecht ausgeleuchteten Studio an der Via Novaro sitzen Gäste an einem Tisch, sie wechseln sich ab, geht ja so lange. Die meisten sind Kommentatoren grosser Zeitungen, sie analysieren und fabulieren. Oft lesen sie zugesteckte Informationen einfach von ihrem Handy ab. Alles live, unverfälscht, die Pannen gehören dazu.

«Salvini glaubte, es gebe keine Alternative zu Neuwahlen. Vielleicht hoffte er auch, alle auf dem falschen Fuss zu erwischen, so mitten in den Ferien»: Enrico Mentana. Foto: Wikimedia

Mitten im Studio steht der «Direttore» mit seiner runden Brille und den spitzen Hemdkragen, als Moderator und Regisseur, als Souffleur. Mentanas Sprechkadenz ist eigenartig, er wird dafür oft parodiert. Zu Beginn hebt er die Stimme immer stark an und zieht die Worte lang, wie in Zeitlupe: «Wie ihr gerade gehört habt ...» – so beginnen die meisten seiner Monologe. Mentana erklärt den Zuschauern die Finten der Politiker, die Regeln des Parlaments, er macht Sprüche, erfindet surreale Metaphern, nicht selten handeln sie vom Fussball. Mentana ist, und das weiss das ganze Land, ein grosser Fan von Inter Mailand.

«Ich bin schon etwas älter», sagt er, er habe schon einiges erlebt. Aber eine Regierungskrise rund um den sakrosankten Urlaub zu Ferragosto, zu Mariä Himmelfahrt, gab es noch nie.

Dann ruht normalerweise alles, die Firmen, die Ämter, die Schulen, die Politik sowieso. Der August ist so heilig, dass in der gesamten republikanischen Geschichte mit ihren nunmehr 66 Regierungen die Politik es sich bis anhin noch nicht ein einziges Mal erlaubt hatte, die Ruhe der Italiener zu stören. Sie erfand gar ein Modell, damit das nicht geschieht: «Governo balneare», wörtlich: das Badekabinett, eine Übergangsregierung. Die wurde jeweils dann eingesetzt, wenn eigentlich Regierungskrise gewesen wäre, die aber dummerweise in den August fiel.

Diesmal nicht, diesmal passierte im August Unfassbares, vermeintlich Saudummes auch. In Serie, mit tausend Wendungen und Kapriolen. Mentana war fast dauernd auf Sendung, Marathon um Marathon. «Wer hätte das für möglich gehalten?», sagt er. Besseren Stoff für Livesendungen gibt es nicht.

Permanenter Wahlkampf an den Stränden Italiens: Matteo Salvini gefällt sich als volksnaher Politiker. Foto: Reuters

Am Ende dieses verrückten Sommers steht Matteo Salvini, der unschlagbar stark gewähnte Mann mit den vielen Uniformen, der Hafenschliesser und Hetzer, der «Padrone d’Italia», plötzlich nackt da, nicht einmal mehr halbstark. Er wollte «alle Vollmachten» und sitzt nun auf den Bänken der Opposition. Sogar die rechte Presse kritisiert ihn. «Schettino der Rechten», schrieb eine Zeitung. Die Anspielung auf den Kommandanten der Costa Concordia, der sein Schiff auf einen Felsen setzte, weil er seinen Passagieren eine Show bieten wollte, den Kniefall vor der Insel Giglio – sie ist tragisch geschmacklos. Doch Salvini trägt nun mal den Spitznamen «Capitano». Er war der Kapitän eines schier unbremsbaren Kahns. Zehn, zwanzig Jahre würde er regieren, hiess es.

Alles weg, die ganze Aura der Unschlagbarkeit, verblasst in einem Sommer. Stattdessen kursieren jetzt wieder die Fotos, die ihn in Badehose an der Papeete Beach zeigen, einem Strandbad in Milano Marittima an der Adria, Ende Juli. Mit Mojito. Sie dienen der Satire als Vorlage, als Steilvorlage. Eines zeigt Salvini, wie er vor einem Podium tanzt, auf dem sich eine junge Dame räkelt. Dazu lief die italienische Nationalhymne. Auf einem anderen Foto steht er zwischen zwei DJs hinter einer Konsole, Kopfhörer auf.

Der Innenminister der Republik, als wäre er ein Herr Irgendwer. Nun könnte man sagen, dass auch ein Innenminister Recht auf Strandferien hat, zehn Tage, die Wampe in der Sonne, ein Holzkreuz auf der Brust. Doch Salvini traf sich an der Papeete Beach jeden Tag mit seiner politischen Entourage, telefonierte immer sehr geschäftig herum. Auch die Bodyguards trugen Sommerkleidung, alles wirkte inszeniert.

«Die klassische Hybris», sagt Mentana über Salvini. «Er hielt sich für allmächtig.»

Ein Zelt diente als «War room», als Einsatzzentrale, es galt ja auch, das eine oder andere Schiff von Seenotrettern am Einlaufen in einen Hafen im Süden zu hindern. Im Zelt an der Papeete Beach hielt er auch eine denkwürdige Pressekonferenz, in der er einem Journalisten von «La Repubblica» vorhielt, pädophil zu sein. Der hatte gefilmt, wie Salvinis 16-jähriger Sohn auf dem Jetski der Polizei eine Runde drehte. Es ging darum zu zeigen, dass der Herr Innenminister seinen Jungen auf einen blauen Jetski der Polizei setzte, als wäre es ein gemietetes Tretboot.

So war Salvini drauf in diesem verrückten Sommer. Er glaubte, er könne sich alles erlauben. Kein Wunder, umschwärmt wie er war. Nichts schadete ihm. Auch die Fotos vom Strand waren kein grosses Thema, als sie in die Zeitungen kamen, erst nachher. Und jeden Tag gab es ein Bad in den Fans, samt Selfies, Tausende. «Die klassische Hybris», sagt Mentana. «Er hielt sich für allmächtig.»

Die politische Selbstdemontage, manche nennen es einen Selbstmord, begann an der Papeete Beach. Salvini war so erfreut über die Wirkung seiner Bilder, dass er eine «Strandtour» durch den Süden des Landes programmierte: Sabaudia, Pescara, Termoli, Polignano, Policoro, Tropea, Taormina. Nur Sardinien liess er aus, weil ihm dort die Hersteller von Schafskäse wohl den Hintern versohlt hätten. Salvini hatte ihnen einen höheren Verkaufspreis für ihre Milch versprochen, leer.

Auf jeder Etappe gab es auch Protestaktionen. Leute, die «Bella Ciao» intonierten, das antifaschistische Partisanenlied. Oder im Chor «Buffone, buffone!» skandierten. Einmal warfen sie mit Wasser nach ihm. Und Salvini, der sonst gerne Luftküsse an seine Kritiker verteilte, war plötzlich nervös. Er wies die Ordnungsdienste an, die «Zecken», dieses «rote Pack», fernzuhalten von seinen Bühnen.

«Buffone»-Rufe und «Bella ciao»-Gesänge: Unfreundlicher Empfang für Matteo Salvini in Marina di Pietrasanta. Quelle: Youtube/Repubblica

Im Parlament liefen die letzten Geschäfte vor dem Urlaub. Salvini brachte sein zweites Sicherheitsdekret durch, mit dem er die Seenotretter kriminalisierte. Die Cinque Stelle machten wieder mit. Auch die Schnellzugverbindung von Turin nach Lyon passierte das Parlament. Die Fünf Sterne stimmten dagegen, aber das war egal.

Alle hatten schon gepackt, in der Garderobe des Parlaments türmten sich die Koffer. Die Präsidentin des Senats wünschte schon vor der Debatte allen einen schönen Sommer: «Nachher, im grossen Ferienstrudel, hört mir sowieso niemand mehr zu.» In den Buchhandlungen, auf den Stapeln mit den Bestsellern, lag das neue Buch von Giampaolo Pansa, weiss Gott kein linker Autor. Der Titel: «Der Diktator». Es erzählt die Geschichte von Salvinis Aufstieg. Aber jetzt war erst mal Sommer, und in den Zeitungen erschien eine jener typischen Geschichten, die diese wundervoll leichte Zeit einläuten: Auf der Spanischen Treppe in Rom, konnte man lesen, dürfe sich niemand mehr hinsetzen, nicht mehr essen, trinken. Polizisten würden darüber wachen, ganz sicher. Nur weg.

Salvini aber war schon einen Schritt weiter. Er nutzte dieses schadlose «No» seiner Bündnispartner zur Schnellzugverbindung für den Koalitionsbruch. Er habe es satt, dass die Sterne immer Nein sagten, Italien brauche viele Jas. Es war ein Vorwand, um frühzeitige Neuwahlen zu erzwingen, die er, da war er sich sicher, hoch gewinnen würde. Mit 35, vielleicht sogar 40 Prozent der Stimmen. Die Umfrageinstitute bestärkten ihn, jeden Tag wurden die Prognosen noch besser. «Salvini glaubte, es gebe keine Alternative zu Neuwahlen», sagt Mentana. «Vielleicht hoffte er auch, alle auf dem falschen Fuss zu erwischen, so mitten in den Ferien.»

«Salvini sagte sich: ‹Die sind wie Hund und Katz. Sie werden sich schon nicht gegen mich vereinen›.»Enrico Mentana

Das war ein erstaunlicher Fehler. Im sitzenden Parlament, hervorgegangen aus den Wahlen im Frühjahr 2018, gab es sehr wohl eine Alternative zur Koalition zwischen Lega und Cinque Stelle, die mindestens so plausibel, genauso legitim und ideologisch sogar kohärenter ist: Fünf Sterne und Partito Democratico. Die beiden Parteien hatten vor eineinhalb Jahren schon einmal miteinander verhandelt, obschon sie sich gerne neckten und zuweilen auch bitterböse bekämpften. Arithmetisch ging also auch diese Kombination.

Doch Salvini, sagt Mentana, war überzeugt, dass die beiden Parteichefs, Luigi Di Maio von den Cinque Stelle und Nicola Zingaretti von den Sozialdemokraten, sich nicht zusammentun würden, niemals! Bei «Zinga» war er sich hundertprozentig sicher. Denn der war zwar Sekretär seiner Partei geworden, im Parlament aber sassen fast nur Sozialdemokraten, die auf seinen Vorgänger und internen Rivalen hörten: auf Matteo Renzi, den ehemaligen Premier. Ändern lassen hätte sich das nur mit Neuwahlen, baldigen. Di Maio wiederum hatte die Linke im Juli so frontal und brutal angegriffen, wirklich unterste Schublade, dass jede Umkehr eine gefährlich akrobatische Verrenkung voraussetzte. Unmöglich!

«Salvini sagte sich: Die sind wie Katz und Hund, wie Löwe und Gazelle, die werden sich schon nicht gegen mich vereinen.» Er habe die Bühne vor sich gesehen, sagt Mentana, mit allen Akteuren drauf. Von allen wusste er, was sie tun würden. Er war sich so gewiss, dass er die Parlamentarier aufforderte, ihre «Ärsche zu erheben» und nach Rom zu bewegen, sofort, es sei schliesslich Regierungskrise. «Doch er liess die Figuren ausser Acht, die nicht auf der Bühne standen, nicht im Scheinwerferlicht», sagt Mentana.

Matteo Renzi und Beppe Grillo ermöglichten Alternative

Und diese Figuren sollten das ganze Stück radikal verändern. Matteo Renzi eben, ein General im zwischenzeitlichen Ruhestand, der ein aktives Heer im Parlament führt. Und Beppe Grillo, der Gründer und Guru der Fünf Sterne. Grillos Reden und Schriften sind oftmals unvorstellbar wirr, doch sein Wort wiegt noch immer viel mehr als alle Verlautbarungen der Di Maios und Co. zusammen. Die beiden Männer im Schatten machten die Alternative möglich: Renzi mit einem Appell gegen die Gefahr eines aufziehenden Autoritarismus im «Corriere della Sera» und Grillo mit einem Blogeintrag gegen die «neuen Barbaren». Gemeint war in beiden Fällen Salvini.

«Keiner hatte die doppelte Öffnung kommen sehen», sagt Mentana. Auch Salvini nicht. Und der hätte, als Hauptspieler, zumindest einen Plan haben müssen, wie er einen solchen Zug parieren könnte. Einen Plan B. Aber er hatte keinen. Es gab da auch niemanden mehr, der ihn gescheit beriet. Um ihn herum standen nur noch Verehrer und Klatscher. Den Entscheid, zu brechen, soll Salvini ganz allein getroffen haben. Als er dann merkte, dass er sich verrannt hatte, versuchte er, alles ungeschehen zu machen. Er schlug sogar Di Maio als neuen Premier vor, es war reine Verzweiflung. Vielleicht schadet ihm diese Volte als nostalgischer Ex mehr als der Treuebruch selbst. Sie lässt ihn schwach erscheinen.

Der Markt für Populisten ist so intakt wie vor dem Sommer. In Italien gibt es ihn schon viel länger als überall sonst.

Und nun? Die Römer sind zurück aus dem Urlaub, endlich. Man hört es den Strassen an, das Römische übertönt das Touristische, die Rollkoffer auf den Pflastersteinen, die halb geschrienen und nicht selten halbschlauen Informationen der Reiseführer. Rom ist wieder Rom. Und doch ist nichts mehr, wie es vor dem Sommer war.

Salvini, der bis im August die Agenda vorgab, den Gesprächsstoff für fast alle, ist jetzt Oppositionschef. Seine persönlichen Beliebtheitswerte sind gefallen, um 15 Prozent. Der alte und neue Premier Giuseppe Conte überflügelt ihn. Seine Rede im Senat, diese Generalabrechnung mit Salvini, hat den oft belächelten Provinzanwalt zur politischen Grossfigur gemacht, zum Staatsmann über Nacht, und auch das ist eine bemerkenswerte Kapriole dieses Sommers. Die Werte der Lega sind ebenfalls gesunken, um etwa 8 Prozent. Der Trend ist gebrochen, selbst verschuldet. In den Feuilletons der Zeitungen wird der «Papeetismus» verhandelt, eine besonders skurrile Form der politischen Selbstverblendung.

Doch Salvini ist noch da. Und auch die Welle, die ihn hochgespült hat, wogt noch wacker. Der Erfolg der italienischen Populisten, sagt Mentana, habe viele Gründe, und alle seien stark verankert. Der Hass auf das Establishment, die Banken, die Schönredner. Die geschürten Ressentiments gegen das Fremde, die Migranten, die Gutmenschen. Wenn man sich in Brüssel und Berlin, in Paris und Frankfurt über Contes neues Kabinett aus Cinque Stelle und Sozialdemokraten freut, hilft das dieser Regierung nicht, eher im Gegenteil. Die Freude dient vielen Italienern als Beweis dafür, dass man sie von aussen steuere, ihre nationale Eigenständigkeit untergrabe. Auf dieses Gefühl baut Salvini. Er sagt nun Tag und Nacht, Merkel und Macron hätten Conte durchgesetzt, still im Hintergrund.

Deutliche Worte an die Adresse von Matteo Salvini: Enrico Mentana in der «Tagesschau» von La 7. Quelle: Youtube/La 7

«Natürlich», sagt Mentana, «diese Verschwörungstheorien sind Unsinn. Ich glaube prinzipiell nur an das, was ich sehe und höre.» Doch das Verschwörerische verfängt leicht, es schleicht sich die Gespräche auf der Piazza, in der Bar. Die Italiener seien nun mal keine Protestanten, sagt Mentana. Wenn man ihnen mit Disziplin beim Haushalten, mit Hausaufgaben und Reformen komme, sei die Begeisterung schnell weg. «Was wir haben, scheint uns angemessen, von Gott gegeben. Wenn man uns aber etwas wegnimmt, finden wir das ungerecht und unerhört.»

Mentana erinnert an die Erfahrung mit Mario Monti, dem parteilosen Wirtschaftsprofessor, der 2011 Premier wurde. Italien stand damals am Abgrund, nahe an der Staatspleite, die Märkte wetteten gegen das Land. «Monti wurde wie ein Retter des Vaterlands empfangen, von allen.» Als dann aber klar wurde, dass dieser Professor mit dem grossen internationalen Renommee die Staatskasse in Ordnung bringen musste, mit Tränen und Blut, wie die Italiener der harten Sparpolitik sagen, dann war es mit der Verehrung schnell vorbei.

«Monti ist für viele ein Schimpfwort geworden», sagt Mentana. Salvini nennt Contes neue Regierung jetzt «Monti II» oder «Conte-Monti». Das versteht jeder. Diese tiefe Aversion gegen das Vernünftige und Frugale, sie ist ein fruchtbares Terrain für den Populismus. «Salvini braucht ein neues Narrativ», sagt Mentana, das Volk langweile sich schnell. Die alte Stimmungsmache gegen die Migranten? Die reiche nicht mehr aus, sie nutze sich ab. Aber eben, der Markt für Populisten ist so intakt wie vor dem Sommer. In Italien gibt es ihn schon viel länger als überall sonst, er hat sich etabliert. «Vergessen wir Berlusconi nicht.»

Vernunft ist eine überschätzte Kategorie

Mentana war im Medienkonzern von Silvio Berlusconi gross geworden. Er war dort lange Direktor des TG 5, der Nachrichtensendung von Canale 5, er moderierte auch die ersten grossen Fernsehduelle zwischen Spitzenkandidaten vor den Wahlen. Mit seinem Patron aber war Mentana immer auf Distanz, und das nützte seiner Fama als Unabhängiger. «Nach Berlusconis erstem Sturz», sagt Mentana, «1994, als er sich weniger als ein Jahr lang an der Macht hatte halten können, hiess es von überall: Der kommt nie wieder.»

Ein weiteres Experiment im irren Labor der italienischen Politik: Es schien gescheitert zu sein. Ein paar Jahre vergingen, dann war Berlusconi zurück. Und danach immer wieder. Trotz allem. Die Vernunft, sie ist eine heillos überschätzte Kategorie.

Auf dem Rückweg ins Zentrum. Im Autoradio läuft «100 Sekunden mit Enrico Mentana» auf RDS, das macht er auch noch, zwei Schaltungen am Tag. Gerade hat Giuseppe Conte seine Programmrede im Parlament gehalten. Mentana seziert sie in eineinhalb Minuten aus seinem Büro, über der Ladestation für sein Handy steht ein Mikrofon mit grossem Sprechbausch. Gleich wird die nächste #maratonamentana auf La 7 beginnen. Ein paar Stunden nur, höchstens vier, bis zum Ausgang der Vertrauensabstimmung. «Wie ihr sicher alle gehört habt ...» Aber die Spannung ist weg, der Sommer vorbei. Der verrückteste seit römischem Menschengedenken.

Erstellt: 11.09.2019, 16:25 Uhr

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