Argentinier sind sich viel gewohnt – doch diese Woche schlug alles

Hamsterkäufe, Börsensturz und ein explodierender Dollar-Kurs: Die Aussicht, dass Ex-Präsidentin Kirchner zurückkehrt, führt zu Turbulenzen.

Die argentinische Währung ging anfangs dieser Woche auf Talfahrt: Für einen US-Dollar wurden zeitweise 60 Pesos aufgerufen. Foto: AFP

Die argentinische Währung ging anfangs dieser Woche auf Talfahrt: Für einen US-Dollar wurden zeitweise 60 Pesos aufgerufen. Foto: AFP

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In vielen argentinischen Banken ging gar nichts mehr. Zu viele Anleger hatten am Montag gleichzeitig versucht, ihre Pesos in Dollar umzutauschen. Die Computersysteme waren daraufhin vielerorts abgestürzt, und während die argentinische Landeswährung bis zu einem Viertel ihres Wertes einbüsste, versuchten Bankmitarbeiter, erboste Kunden zu beruhigen.

Auch wenn Argentinier durchaus wirtschaftliche Krisen und Währungsschwankungen gewohnt sind, waren die letzten Tage selbst für argentinische Verhältnisse turbulent. Für einen US-Dollar wurden zeitweise 60 argentinische Pesos aufgerufen – kaum ein anderes Thema bestimmte die öffentliche Diskussion. Hersteller und Supermarktketten kündigten höhere Preise an, viele Argentinier versuchten deshalb noch schnell, ihre Vorratskammer aufzufüllen, bevor alles teurer wird.

Dabei hatte am Sonntag alles recht harmlos begonnen: mit einer zwar obligatorischen, ansonsten aber nicht verbindlichen Vorwahl. Sie ist grundsätzlich kaum mehr als eine offizielle Wahlumfrage – etwa zwei Monate vor der eigentlichen Abstimmung über das Präsidentenamt soll die Vorwahl das Kandidatenfeld in dem südamerikanischen Land ausdünnen.

Nicht einmal ein Drittel stimmte für Macri

Vor der Stimmabgabe hatten die meisten Prognosen ein knappes Rennen zwischen Amtsinhaber Mauricio Macri und den beiden Kandidaten der Peronisten vorausgesagt: Alberto Fernández und seiner Mitbewerberin für das Amt der Vizepräsidentin, Argentiniens Ex-Regierungschefin Cristina Fernández de Kirchner. Erste Hochrechnungen waren für 21 Uhr Ortszeit angekündigt, am Ende dauerte es dann aber noch einmal fast zwei Stunden länger, bis die Bombe platzte: Die Fernsehsender und Nachrichtenseiten meldeten einen haushohen Sieg von Fernández/Fernández, der Vorsprung betrug 15 Prozent. Nicht einmal ein Drittel der Wähler hatten für Macri gestimmt.

Für ihn war die Abstimmung eine herbe Niederlage und der Beweis dafür, wie sehr er bei den meisten Argentiniern mit seiner Politik versagt hat. 2015 war Macri mit dem Versprechen angetreten, die Inflation zu senken und die Armut auf null zu reduzieren. Stattdessen stieg beides an. In den vergangenen zwölf Monaten lag die Inflationsrate bei 40 Prozent, das ist einer der höchsten Werte weltweit. Im selben Zeitraum rutschten knapp drei Millionen Argentinier unter die Armutsgrenze, insgesamt gilt ein Drittel der Bevölkerung heute als arm.

Die Wirtschaft schrumpft, die Arbeitslosigkeit steigt, ein Asado mit ordentlich Rind vom Grill können sich selbst Argentinier aus der Mittelschicht nicht mehr oft leisten, ganz zu schweigen von den Hunderttausenden Menschen aus den Armenvierteln in und um Buenos Aires.

«Macri heisst Hunger» steht an den Hauswänden

Macri hat für die wirtschaftliche Misere lange seine Vorgängerin verantwortlich gemacht, jene Cristina Fernández de Kirchner, die sich jetzt für das Amt der Vizepräsidentin bewirbt. Zusammen mit ihrem Mann, Nestór Kirchner, hat sie das Land mehr als ein Jahrzehnt regiert. Anfangs feierten die Kirchners mit ihrer Politik Erfolge: Argentinien boomte in den Nullerjahren, vor allem auch wegen der weltweit hohen Preise für Weizen, Metalle und Soja. Die Einnahmen steckte das Ehepaar in Sozialprogramme und Subventionen für Strom, Gas, Wasser und die heimische Industrie. Als dann aber die Rohstoffpreise sanken, fehlte das Geld für diese Politik, die Inflation stieg und Cristina Kirchner führte Import- und Devisenbeschränkungen ein. Mitten im Zentrum von Buenos Aires entstand daraufhin ein Dollar-Schwarzmarkt, den offiziellen Inflationszahlen glaubten nicht einmal mehr regierungsnahe Ökonomen, und Firmen ächzten unter den Importbeschränkungen.

«Cristina kehrt zurück»

Als der Marktliberale Macri 2016 das Präsidentenamt übernahm, wurde das im Land und ausserhalb von vielen darum als eine lang ersehnte Kehrtwende gefeiert. Macri hob alle Kapitalschranken auf, einigte sich mit Gläubigern, strich Subventionen und veranlasste einen Sparkurs. All das sollte Investoren aus dem Ausland anlocken, so zumindest der Plan, doch die waren zögerlich, die Wirtschaft kam nicht in Fahrt – und Macri in immer grössere Nöte. Der Anfang vom Ende kam dann 2018: Macri musste beim Internationalen Währungsfonds um einen Kredit bitten, ausgerechnet, dabei ist der IWF vielen Argentiniern verhasst als angeblicher Verursacher der Staatspleite von 2001.

«Macri heisst Hunger»: Lange machte Mauricio Macri seine Vorgängerin für die wirtschaftliche Misere verantwortlich. Nun schlägt er in der Not selber ihren Kurs ein. Foto: AFP

57 Milliarden Dollar handelte Macri aus, den grössten Kredit in der Geschichte der Institution. In nur einem Jahr wurden 80 Prozent der Summe ausgezahlt, eine enorme Geldschwemme, doch all das half nichts, «Macri heisst Hunger» stand immer öfter an den Hauswänden von Buenos Aires. Dazu noch ein weiteres Graffito: «Cristina vuelve» – Cristina kehrt zurück.

Spätestens seit vergangenem Sonntag zweifelt daran niemand mehr, dabei ist es eines der erstaunlichsten Comebacks der argentinischen Geschichte. Seit Evita Perón dürfte keine Frau das Land so sehr polarisiert haben wie sie: Fernández de Kirchner ist angeklagt in einem knappen Dutzend Korruptionsprozessen, ein Grossteil der Presse hasst sie, genauso wie weite Teile der Unternehmer und der Landbesitzer.

Kirchner kandidiert als Vize-Präsidentin

Dennoch hat Kirchner immer noch eine breite Basis von Unterstützern im Volk. Als Ende April ihre Autobiografie «Sinceramente» («Ehrlich gesagt») auf den Markt kam, war diese in kürzester Zeit ausverkauft, Buchläden mussten Wartelisten führen. Bis heute sind mehrere Hunderttausend Exemplare verkauft worden.

Kirchner hätte für das Präsidentenamt kandidieren können. Dass sie sich stattdessen für das des Vize entschieden hat, ist einer ihrer geschicktesten Schachzüge. Alberto Fernández ist ein alter politischer Weggefährte, gleichzeitig aber war er auch über Jahre hinweg mit der Ex-Präsidentin zerstritten. Er steht für eine moderatere und versöhnliche Politik.

In diesem Chaos versuchte Amtsinhaber Macri, die desolate wirtschaftliche Lage zu seinen Gunsten zu drehen.

Bei Anlegern und Unternehmern löste der Sieg von Fernández und Fernández de Kirchner dennoch Panik aus. Sie fürchten, dass mit der Ex-Präsidentin auch deren rigide Wirtschaftspolitik zurückkehrt. Nach Bekanntwerden der Ergebnisse brachen die argentinischen Aktienkurse um mehr als die Hälfte ein, der Leitindex Merval fuhr den höchsten Tagesverlust seit 70 Jahren ein, die Staatsanleihen sind auf Talfahrt, ebenso wie der Peso.

In diesem Chaos versuchte Amtsinhaber Macri, die desolate wirtschaftliche Lage zu seinen Gunsten zu drehen. Der Einbruch des Peso und der Kursverfall an der Börse seien nur eine Kostprobe dessen, was passieren könnte, wenn Fernández de Kirchner die Wahl gewinne, warnte Macri am Montag. Selbst aus seiner eigenen Partei kam daraufhin Kritik und Alberto Fernández nannte es «auffällig», wie wenig die Regierung gegen den Absturz des Peso getan habe.

Am Mittwoch entschuldigte sich Argentiniens Präsident dann in einer Videobotschaft für seine Worte. «Ich habe euch gehört», sagte er und versprach erstaunlicherweise Steuererleichterungen für Arbeiter und Angestellte, eine Anhebung des Mindestlohns und eingefrorene Benzinpreise für die kommenden 90 Tage. Das sind genau jene politischen Massnahmen, die er die vergangenen Jahre bei seiner Vorgängerin immer kritisiert hatte.

Erstellt: 16.08.2019, 13:54 Uhr

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