Ein Emporkömmling könnte den General ersetzen

Donald Trump lässt seinen frustrierten Stabschef John Kelly ziehen. Dessen möglicher Nachfolger Nick Ayers ist jung, reich – und unbeliebt.

Wird Nick Ayers (links) der Nachfolger von Trumps Stabschef John Kelly? (Foto: REUTERS)

Wird Nick Ayers (links) der Nachfolger von Trumps Stabschef John Kelly? (Foto: REUTERS)

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John Kelly wirkte zuletzt so unglücklich in seinem Job, dass er es als ganz grosses Weihnachtsgeschenk empfinden muss, jetzt endlich gehen zu dürfen. Kelly ist der Stabschef von US-Präsident Donald Trump im Weissen Haus. Und damit eigentlich dafür zuständig, dass im Weissen Haus kein Chaos ausbricht. Dafür hat ihn Trump auch im Juli 2017 von seinem Posten als Heimatschutzminister abgezogen und ins Weisse Haus versetzt. Als Nachfolger des überforderten Reince Priebus.

Kelly hat es etwas länger ausgehalten. Aber im Grunde war schon nach wenigen Monaten die Luft raus. Alle seine Versuche, so etwas wie Disziplin zu etablieren, schlugen fehl. Was nicht zuletzt dem chaotischen Führungsstil von Trump geschuldet war.

Der hochdekorierte pensionierte Marine-General Kelly glaubte daran, dass Entscheidungen auf der Grundlage von Fakten getroffen werden sollten. Weil Trump aber offenbar keine Akten liest und sich auch für Details nicht weiter interessiert, hat Kelly ihm Vorlagen anfertigen lassen, die mit möglichst vielen, leicht verständlichen Bildern und Grafiken die jeweilige Lage illustrieren.

Kelly hat auch versucht, den Zugang zu Trump zu reglementieren. Nicht jeder Referent sollte einfach das Oval Office stürmen können. Und auch nicht jeder Berater, Trumps Tochter Ivanka und ihr Mann Jared Kushner eingeschlossen, die beide im Weissen Haus arbeiten.

Kelly ist gescheitert. Er musste feststellen, dass Trump lieber in sein Smartphone hineinhackt, um zu twittern, TV-Shows wie «Fox and Friends» schaut oder sich Rat von TV-Einpeitschern wie dem Fox News-Moderatoren und Trump-Verehrer Sean Hannity holt, als sich dem strengen Regime von Kelly zu unterwerfen. Trump verlässt sich ohnehin hauptsächlich auf sein Bauchgefühl, wenn es darum geht, Entscheidungen zu fällen, wie er kürzlich in einem Interview erklärte. Nicht selten übertritt er dann Gesetzesgrenzen.

Der im Frühjahr gefeuerte Ex-Aussenminister Rex Tillerson sagte diese Woche auf einer Podiumsdiskussion, er habe Trump ständig ermahnen müssen, bestimmte Entscheidungen nicht zu fällen, weil diese gegen geltendes Recht verstossen hätten. Jüngstes Beispiel: Trump hat per Dekret das Asylverfahren so geändert, dass Flüchtlinge nur noch an ordentlichen Grenzübergängen Asyl beantragen können. Inzwischen haben Gerichte das Dekret wieder kassiert. Es ist nicht überliefert, dass Kelly da noch Anzeichen von Gegenwehr erkennen liess. Er hat wohl resigniert.

Weitere Abgänge stehen bevor

Die Gerüchte, dass Kelly nicht mehr lange im Amt sein würde, halten sich schon das ganze Jahr hindurch. Offenbar aber wollte Trump seinen Stabschef nicht vor den Midterm-Wahlen ziehen lassen. Nach den Midterms ist es durchaus üblich, dass Präsidenten ihr Kabinett massiv umbauen. Die Entscheidungen sind dann weniger angreifbar.

Getroffen hat es schon am Tag nach der Wahl Anfang November Justizminister Jeff Sessions. Zum Ende des Jahres wird auch UN-Botschafterin Nikki Haley aufhören. An diesem Samstag dann Trumps knappe mündliche Ankündigung vor Reportern, dass Kelly ebenfalls zum Jahresende geht. Womöglich wird demnächst auch noch seine Heimatschutzministerin Kirstjen Nielsen ihr Amt verlassen müssen, sie gilt als enge Vertraute von Kelly.

Nick Ayers gilt als Favorit auf die Kelly-Nachfolge

Die Nachfolge von Kelly will Trump in den kommenden zwei Tagen bekanntgeben. Als Favorit gilt der 36 Jahre alte Nick Ayers, bisher der Stabschef von Vizepräsident Mike Pence. Trump soll ihm den Job vor einigen Wochen auf der Wahlparty im Weissen Haus angeboten haben. Allerdings hat die Sache wohl einen Haken: Ayers will den Job nur übergangsweise machen. Er plant, zu Beginn des Sommers mit seiner Familie zurück nach Georgia zu ziehen. Trump will ihn wohl noch umstimmen. Kommen die beiden nicht zusammen, sind noch verschiedene andere Namen im Spiel: Finanzminister Steve Mnuchin, sein treuer Budget-Direktor Mick Mulvaney oder der bisherige Handelsbeauftragte Robert Lighthizer.

Ayers werden schon länger Ambitionen nachgesagt, Kelly beerben zu wollen. Er gilt als «golden boy», als Gewinner-Typ, smart, gutaussehend, wie gecastet für den Job des jungen, machthungrigen Emporkömmlings im Weissen Haus. Ausserdem ist er erstaunlich reich. Zwischen 12,2 und 54,8 Millionen Dollar soll er auf der hohen Kante haben. Verdient hat er das Geld vor allem als Anteilseigner von politischen Beratungsunternehmen. Er lebt praktisch von jenem Washingtoner Sumpf, den Trump regelmässig verspricht auszutrocknen. Zuletzt hat er aus der eher schnarchigen republikanischen Gouverneurs-Vereinigung eine schlagkräftige und finanziell bestens ausgestattete Wahlkampf-Truppe gemacht.

Ayers' politisches Gesellenstück in Georgia

Ayers' Gesellenstück war der völlig unerwartete Wahlsieg von Sonny Perdue als Gouverneur von Georgia im Jahr 2002. Ayers hat damals, kaum 20, als persönlicher Referent von Perdue die Kampagne massgeblich mitgeprägt. Seit 1872 hatte kein Republikaner mehr das Gouverneursamt in Georgia gewonnen. Mit Brian Kemp wird Mitte Januar der dritte republikanische Gouverneur in Folge in das Amt eingeführt. Ayers hat seitdem immer wieder republikanische Politiker beraten – meist erfolgreich. So auch seinen jetzigen Chef Mike Pence, den er zu seinem letzten Wahlsieg als Gouverneur von Indiana geführt hat und dem er seitdem nicht mehr von der Seite gewichen ist.

Ayers soll auch die Unterstützung von Ivanka Trump und Jared Kushner haben. Aber bei seinen Kollegen im Weissen Haus ist er nicht sonderlich beliebt. Zu selbstverliebt. Zu ambitioniert. Zu jung. Manche sollen schon gedroht haben zu gehen, wenn Ayers den Job bekommt.

Er will Gouverneur werden

Seine politische Karriere ist allerdings sein grosser Vorteil gegenüber Kelly und Priebus. Beide sind nicht gerade bekannt dafür, besonders politisch zu denken. Ab Januar aber ändert sich einiges an den Machtstrukturen in Washington. In den Midterms haben die Demokraten in einem beispiellosen Siegesszug das Repräsentantenhaus zurückerobert, das zu Jahresbeginn seine Arbeit aufnehmen wird. Ohne Zustimmung aus der Kammer kann kein neues Gesetz verabschiedet werden. Der Stabschef ist derjenige, der versuchen muss, alle Seiten an einen Tisch zu bekommen, um so politische Erfolge für den Präsidenten zu schmieden.

Womöglich aber will Ayers lieber an eigenen politischen Erfolgen schmieden. Er soll Interesse haben, eines Tages Gouverneur von Georgia zu werden. Deshalb der geplante Umzug. Ob er diese Ambitionen noch etwas zurückstellt, wird sich bald zeigen. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 09.12.2018, 12:05 Uhr

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