Der grosse Irrtum im Umgang mit China

Es hiess, auf Wohlstand werde Demokratie folgen. Der Konflikt in Hongkong ist der letzte Gegenbeweis. Für internationale Firmen in China beginnt ein gefährliches Spiel.

Polizei und Demonstranten geraten am Samstag 24. August in Hongkong aneinander. (Keystone/Vincent Yu)

Polizei und Demonstranten geraten am Samstag 24. August in Hongkong aneinander. (Keystone/Vincent Yu)

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Hongkong ist in Aufruhr: Seit Wochen Demonstrationen, Gummigeschoss-Salven und Tränengas. Die Zukunft eines der wichtigsten Handelsplätze der Welt ist ungewiss. Hongkong mag weit weg erscheinen, doch für kaum ein anderes Land ist der Ausgang der Krise so entscheidend wie für die Exportnation Deutschland. Als Markt ist Hongkong nicht sonderlich relevant: 7,5 Millionen Einwohner hat die Stadt, gross produziert wird hier schon lange nicht mehr. Doch darum geht es nicht: Wer in der ehemaligen britischen Kronkolonie Geschäfte macht, der macht in Wahrheit Geschäfte mit China – der zweitgrössten Volkswirtschaft der Welt.

Über viele Jahre glaubte man im Westen, in Politik wie Industrie, mit Deng Xiaopings Modernisierungskurs in den Achtziger- und Neunzigerjahren beschreite China einen unaufhaltsamen Weg: erst verordnete Industrialisierung, Sonderwirtschaftszonen und Investitionen aus dem Ausland. Dann steigender Wohlstand. Schliesslich die Öffnung des politischen Systems. Wandel durch Handel war das Stichwort, und in den Universitäten war die Modernisierungstheorie des Sozialwissenschaftlers Seymour Martin Lipset en vogue: Wirtschaftliche Wohlfahrt generiert demokratische Werte und eine breite Mittelschicht, die wiederum Voraussetzung für eine starke Demokratie ist. Ein Konzept, das in den Vereinigten Staaten beinahe zur aussenpolitischen Doktrin geworden ist. Als die Volksrepublik im Jahr 2001 der Welthandelsorganisation (WTO) beitrat, schien alles genau so zu laufen, wie es die Theoretiker vorhergesagt hatten. Doch alle irrten – und Hongkong ist dafür der finale Beweis.

«China ist ein spannender Fall: Es gab einen gewaltigen Wohlstandsprozess», sagt Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln. «Aber zugleich hat sich die Modernisierungshypothese nicht bestätigt, auch wenn das Sozialwissenschaftler verwundern mag.» China zeige, dass es für Wohlstand und prosperierenden Handel nicht zwingend demokratische Strukturen brauche.

Volkswagen ist schon fast Chinesisch

Das wirkt sich heute auf die Unternehmen aus. Volkswagen zum Beispiel ist über die Jahre fast zu einem chinesischen Unternehmen geworden: Dazhong, wie der Konzern in der Volksrepublik heisst, verkauft vier von zehn Autos in China. Bei BMW und Daimler sind es jeweils gut ein Drittel des Umsatzes – vor allem die grossen, teuren Limousinen werden von Chinesen bestellt. Auf den Automessen hört man von deutschen Managern deshalb oft: So viele Megacities, so viel Geschäftspotenzial! Der Chemiekonzern BASF wiederum investiert zehn Milliarden Dollar in ein neues Werk in Südchina. Eine Kopie des Stammwerks in Ludwigshafen soll in der Provinz Guangdong entstehen.

Die Abhängigkeiten sind gewaltig. Entsprechend zurückhaltend fallen die Wortmeldungen aus deutschen Chefetagen aus, die Manager vermeiden alles, was die Führung in Peking verärgern könnte. «Die deutsche Wirtschaft blickt besorgt auf die Entwicklung in der Sonderverwaltungszone», sagt etwa Siemens-Chef Joe Kaeser, der auch Vorsitzender des Asien-Pazifik-Ausschusses der deutschen Wirtschaft ist. Er hoffe auf eine schnelle Lösung des Konflikts auch im Sinne der 600 deutschen Unternehmen in Hongkong. Rasch zurück zum Status quo – was soll Kaeser sonst auch sagen?

«China zeigt inzwischen sein wahres Gesicht»

«China zeigt inzwischen sein wahres Gesicht. In Hongkong wird ein Umfeld der Angst kreiert. Peking hat keine Hemmungen, die Wirtschaft zu politisieren», sagt Max Zenglein vom Mercator Institute for China Studies in Berlin. Die Volksrepublik wandle längst die Händler – und nicht mehr andersherum.

In Hongkong hat der chinesische Staat damit begonnen, Unternehmen regelrecht zu erpressen. Die Arbeitgeber der Stadt sollen die Demonstrationen per Dekret beenden, sonst leidet das Geschäft. Als Erstes traf es die Hongkonger Fluggesellschaft Cathay Pacific. Die chinesische Luftfahrtaufsicht verfügte, dass Mitarbeiter, die an «illegalen Protesten» teilnehmen, nicht mehr in die Volksrepublik fliegen, ja nicht einmal mehr chinesisches Territorium überqueren dürfen. Cathay Pacific hat fast 30 000 Angestellte in Hongkong. Das Unternehmen verhängte in der Not ein Demoverbot für seine Mitarbeiter. Nach fünf Tagen trat der Vorstandschef zurück, er konnte diesen Kurs nicht länger verantworten.

Unter Druck geraten sind auch die grossen Rechnungsprüfungsfirmen: PwC, KPMG, Ernst & Young und Deloitte – oft nur die «Big Four» genannt. Ende vergangener Woche hatten Angestellte anonym eine Anzeige im Hongkonger Boulevard-Blatt Apple Dail y geschaltet, darin solidarisierten sie sich mit den Demonstranten. Die chinesische Reaktion folgte prompt: Findet heraus, wer Geld für die Anzeige gespendet hat, lautete die Anweisung aus Peking – und feuert diese Mitarbeiter sofort. «Inzwischen sind auch die Banken betroffen», sagt Zenglein. «Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis internationale Unternehmen unter Druck gesetzt werden.» Und dann? Einknicken wie Cathay Pacific?

«Völlig unbeeindruckt von den Umständen soll und kann man keine Geschäfte machen», meint Ökonom Hüther. Alles nach den moralischen Kriterien der Heimat messen, das sei aber auch nicht realistisch. Dann könne man nur zu Hause Geschäfte machen. «Die Grenzlinie muss da sein, wo Unternehmen dazu aufgefordert werden, ihre Mitarbeiter zu denunzieren, wo Menschenrechte und Bürgerrechte verletzt werden.» Die Cathay-Pacific-Lösung wäre genau dieser eine Schritt zu weit.

Es läuft ein «systemischer Wettbewerb»

Also doch widerstehen? Das sei möglich, glaubt Hüther. «Chinesischen Institutionen liegt viel an einem guten Ansehen», sagt er. «Also sollte man es darauf ankommen lassen und gegebenenfalls gemeinsam mit anderen Unternehmen oder auf Verbandsebene ganz klar und deutlich Stopp sagen und so handeln.»

Immerhin, ein Anfang ist gemacht. Im Januar legte der Bundesverband der Deutschen Industrie, BDI, ein bemerkenswertes Papier vor. Statt wie in den Jahren zuvor so monoton wie vergeblich von China Reformen zu verlangen, hat der Verband umgesteuert. Es geht jetzt um die Frage, wie sich Europa reformieren kann, um China besser Paroli bieten zu können. Von einem «systemischen Wettbewerb» zwischen den liberalen, sozialen Marktwirtschaften Europas und «Chinas staatlich geprägter Wirtschaft», schreiben die Autoren. Einige der Punkte wurden im Frühjahr von der Europäischen Kommission aufgegriffen: In Zukunft sollen bei Infrastrukturprojekten in Europa nur noch Unternehmen aus Staaten zum Zug kommen, die alle WTO-Regeln umgesetzt haben. Auch bei Firmenübernahmen soll genauer überprüft werden: Handelt es sich um ein Privatunternehmen? Oder um einen Konzern, der mit Subventionen gepäppelt im Staatsauftrag unterwegs ist? Notfalls könnte die Kommission einschreiten und den Kauf untersagen.

Diese harte Haltung wird allerdings nicht von allen Industrieunternehmen geteilt – und auch nicht vom anderen grossen Unternehmensverband, dem Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK), der überall auf der Welt Vertretungen hat. Beinahe zeitgleich mit dem BDI beschloss der DIHK-Vorstand ein eigenes Strategiepapier: «Chinas neue Rolle in der Welt – die Chancen nutzen.» Das Land sei der wichtigste Handelspartner Deutschlands. Entwicklungen in anderen Staaten liessen sich nur mitgestalten, «wenn durch Handel und Investitionen Kontakte und Vertrauen zwischen den Akteuren vorhanden sind». Der gute alte Wandel durch Handel. Die Hoffnung ist noch da, trotz Hongkong.

Erstellt: 24.08.2019, 18:04 Uhr

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