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Der Corona-Ausbruch legt Amerikas kaputtes System offen

Die Pandemie wird die USA härter treffen als viele andere Länder. Daran ist nicht nur Trump schuld, sondern das soziale Netz, das schon vor ihm beschädigt war.

Davon soll es bald landesweit mehr geben: Drive-Through für Corona-Tests in San Antonio im Bundesstaat Texas. Foto: AP
Davon soll es bald landesweit mehr geben: Drive-Through für Corona-Tests in San Antonio im Bundesstaat Texas. Foto: AP

Noch immer fliegen sie in den USA blind, noch immer gibt es keine verlässlichen Informationen darüber, wie viele der 330 Millionen Amerikanerinnen und Amerikaner sich mit dem Coronavirus infiziert haben. Zehntausende? Hunderttausende? Millionen? Klar ist nur: Es werden viel mehr sein als die rund 10’000 Fälle, die bisher bestätigt sind. Ärzte berichten weiterhin, dass sie nicht einmal Personen mit schweren Symptomen auf das Coronavirus testen können, weil die Tests fehlen. Selbst wer einen machen kann, muss bis zu einer Woche auf Resultate warten. Das ist – so lange nach dem Ausbruch des Virus – ein unfassbares Versagen.

Das Testdebakel wird die USA noch lange beschäftigen, die Konsequenz daraus werden wahrscheinlich Tausende Tote sein. Die Verantwortung dafür trägt die Bundesregierung von Donald Trump. Die Behörde Centers for Disease Control and Prevention (CDC) liess – statt Tests von der Weltgesund­heitsorganisation zu über­nehmen – zuerst eigene Kits entwickeln, die sich als fehlerhaft erwiesen. Zugleich wurden private Labore und Krankenhäuser von einer schwerfälligen Gesundheits­bürokratie daran gehindert, eigene Tests in Umlauf zu bringen.

Dabei geht es längst nicht mehr nur um die Tests. Trump hat die Frühwarnsysteme des Landes beschädigt, indem er vor zwei Jahren die Pandemie-Einheit im Nationalen Sicherheitsrat auflöste und anderen Stellen, die wichtig für die Bekämpfung des Virus wären, die Budgets kürzte. Als die Krise da war, reagierte Trumps Regierung nur verspätet und mangelhaft auf Hilfegesuche von Bundesstaaten, die ­steigende Fallzahlen hatten. Und statt die Gefahr ernst zu nehmen, stritt der Präsident viel zu lange ab, dass es überhaupt eine Gefahr gab.

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Video: Trump erklärt Notstand

US-Präsiden Trump erklärt den nationalen Notstand und stellte 50 Milliarden Dollar Soforthilfe gegen die Corona-Epidemie zur Verfügung (13. März 2019). Video: Tamedia

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Alles Trumps Schuld also? Nein. Der Corona-Ausbruch wirft auch ein Licht auf die Probleme, die schon lange vor Trump da waren. Das beginnt beim Umstand, dass ein Viertel der werktätigen Bevölkerung in den USA in ihren Jobs gar keinen Anspruch auf bezahlte Krankheitstage hat. Das ist besonders in der Dienstleistungsbranche der Fall, und es trifft besonders Minderheiten und Leute mit tiefen ­Einkommen. Es sind die sozial Schwächsten: Jene Menschen, die derzeit sicherstellen, dass die Supermärkte geöffnet haben können und die Lieferketten noch funktionieren. Wer sich von Gehaltscheck zu Gehaltscheck hangelt, hat kaum eine andere Wahl, als auch mit einer Grippe zur Arbeit zu gehen. Das ist nicht nur in Zeiten von Corona ziemlich krank, es verschlimmert aktuell auch die Aus­breitung des Virus.

Das Problem setzt sich fort bei den rund 28 Millionen Amerikanern, die auch nach der Gesundheitsreform von Barack Obama noch immer keine Krankenversicherung haben. Viele von ihnen meiden Arzt­besuche aus Angst vor den horrenden Rechnungen, die fast jede Behandlung in den USA nach sich zieht. Das amerikanische Gesundheitssystem ist das teuerste der Welt. Das ändert aber nichts daran, dass in den Krankenhäusern überall Intensivbetten, Beatmungsgeräte und Schutz­masken fehlen. Wie gross die Not ist, sieht man an den Richtlinien, welche die Behörde CDC nun veröffentlichte: Wenn es keine Masken mehr gebe, so der Ratschlag, müssten sich Ärzte und Pfleger als letzte Massnahme Schals um den Kopf wickeln.

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Bereits jetzt haben Hunderttausende Amerikaner wegen der Corona-Krise ihre Stelle verloren. Es gibt zwar eine Arbeitslosenversicherung, aber die Beiträge sind eher bescheiden: Im Durchschnitt erhält ein Arbeitsloser rund 1500 Dollar monatlich, damit kommt man besonders in den Städten nicht weit. In manchen Bundes­staaten sind die Bedingungen zudem so restriktiv, dass viele Arbeitslose ganz vom Zugang zu Unterstützungsgeldern ­abgeschnitten sind. Das gilt vor allem für Selbstständige, ­Studenten und Angestellte in Dienstleistungsjobs, die von Trinkgeldern leben.

Wenn es einen Hoffnungsschimmer gibt, dann vielleicht diesen: Manche Überzeugungen über die Rolle des Staates geraten gerade ins Rutschen. Der Kongress hat ein Gesetz verabschiedet, das Arbeitnehmern zu bezahlten Krankheitstagen verhelfen soll. Der ­Anspruch bleibt zwar auf die jetzige Pandemie beschränkt und enthält viele Ausnahmen. Ein Fortschritt ist es trotzdem. Auch bei einigen anderen Hilfsmassnahmen, die derzeit in Washington beraten werden, könnten alte Tabus plötzlich keine Rolle mehr spielen. Das ist erfreulich. Dass es dazu erst ein tödliches Virus braucht: eher weniger.

US-Podcast «Entscheidung 2020»

Christof Münger und Martin Kilian diskutieren in einer weiteren Folge des Tamedia-Podcasts «Entscheidung 2020» darüber, wie Corona gerade Amerika verändert, über dessen Gesundheitssystem, und wie sich die Pandemie auf die Politik auswirkt.

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