Es gibt etwas zu beichten

Der Vatikan hat sich wohl im grossen Stil verspekuliert. Enthüllungen legen gar nahe, dass er fast pleite ist.

Die Kuppel des Petersdoms thront über Rom, aber in den finanziellen Niederungen des Vatikans herrscht keine himmlische Harmonie. Foto: Francesco Fotia (Chromeorange)

Die Kuppel des Petersdoms thront über Rom, aber in den finanziellen Niederungen des Vatikans herrscht keine himmlische Harmonie. Foto: Francesco Fotia (Chromeorange)

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Nur schon der Klang der Adresse: 60 Sloane Avenue, Stadtteil Chelsea, London. Eine Toplage. Wer denkt da an den Vatikan? Die Nummer 60 ist ein massiver Backsteinbau mit 17'000 Quadratmeter Geschäftsfläche. Das Kaufhaus Harrods hat ihn einmal als Lager genutzt. Nun sollen da 49 Luxuswohnungen entstehen, ein Nonplusultra, für eine sehr vermögende Klientel. Das jedenfalls ist der Plan, und auch das will nicht zum genügsamen Ideal von Papst Franziskus’ Kirche passen.

Doch dieses Geschäftshaus in London gehört nun mal dem Vatikan. Es ist gerade Gegenstand vieler Spekulationen, sie umwehen das heilige Gemäuer Roms. Die vatikanische Staatsanwaltschaft ermittelt. Es gab schon Razzien in der Sache, hohe Beamte wurden suspendiert, ein Kurienkardinal wehrt sich auf Twitter gegen böse Vermutungen, und als indirekte Folge musste auch der langjährige Chef der vatikanischen Gendarmerie seinen Posten räumen. Und wieder einmal geht es um Geld und vielleicht auch um Gier, die diesem Papst ja ein besonderer Gräuel ist.

60 Sloane Avenue in Chelsea: Das Objekt gehört dem Vatikan. Foto: PD

Die Geschichte beginnt vor sieben Jahren. Damals kaufte ein italienischer Geschäftsmann und früherer Wertschriftenhändler die Immobilie an der Sloane Avenue. Raffaele Mincione, so heisst der Mann, hat mit spekulativen Deals in den Neunzigerjahren ein Vermögen angehäuft. Für den Kauf des Hauses gründete er eine Firma und nannte sie 60SA, die Adresse in Kurzform. Er siedelte sie auf der steuergünstigen Insel Jersey an. Von der Deutschen Bank, so fand die britische Zeitung «Financial Times» heraus, erhielt Mincione einen Kredit über 75 Millionen Pfund (etwa 95 Millionen Franken), das Objekt kostete 129 Millionen Pfund (165 Millionen Franken). Die Idee mit den Luxusapartments war seine. Mincione mag Bling-Bling.

Dann kam der Brexit

Zwei Jahre später, als er dem vatikanischen Staatssekretariat eine Beteiligung am Geschäft anbot, war der Wert der Immobilie schon stark gestiegen. Der Vatikan übernahm 45 Prozent der 60SA. Die Operation wurde über einen Investmentfonds abgewickelt, der ebenfalls Mincione gehörte. Bemerkenswert war das hohe Engagement des Vatikans auch deshalb, weil der Plan des Umbaus zu jenem Zeitpunkt von der Stadt London noch gar nicht genehmigt war.

Zuständig für den Handel auf kirchlicher Seite war Giovanni Angelo Becciu, der schon unter Papst Benedikt XVI. Chef der Abteilung «Allgemeine Angelegenheiten» im Staatssekretariat war, der Zentrale im vatikanischen Verwaltungsapparat. Die Hoffnung war wohl, dass sich mit den Renditen aus dem Objekt Löcher in den nicht sehr rosigen Bilanzen der katholischen Kirche füllen lassen würden.

Raffaele Mincione gründete die Firma 60SA, die vom Vatikan übernommen wurde. Foto: ANSA

Risiko war natürlich dabei, doch der gefragte Londoner Immobilienmarkt erschien wahrscheinlich allen Eingeweihten als sicher genug. Zunächst aber kostete der Einstieg einen Haufen Geld: Mincione berechnete den Geschäftspartnern 8 Prozent des investierten Betrags für Verwaltungs- und Fondskosten, jedes Jahr. Dann kam der Brexit, der Immobilienmarkt brach schlagartig ein.

Im Sommer vor einem Jahr ernannte Franziskus seinen Vertrauten Becciu zum Kardinal. Der Sarde wurde Präfekt der Kongregation für Heiligsprechungen. Was für Aussenstehende wie eine Beförderung aussah, war in Wahrheit eher eine Entlassung. Im Staatssekretariat versuchte man nun recht panisch, die stockende Operation mit einer Offensivstrategie irgendwie zu retten und kaufte Mincione offenbar für weitere 168 Millionen Pfund (214 Millionen Franken) den Rest der Anteile ab. Ein toller Deal für den Geschäftsmann, weniger für die Kirche. Die lud sich auch die ganzen Schulden auf, die auf dem Haus lasteten.

Für die Finanzierung wandte sich das Staatssekretariat an die Vatikanbank, das früher übel beleumdete Istituto per le Opere di Religione, besser bekannt unter der Abkürzung IOR. Doch dort schaut man nach einer Serie von Reformen neuerdings etwas genauer hin. Das IOR informierte den vatikanischen Staatsanwalt über angebliche Auffälligkeiten, und der liess die Büros von fünf zum Teil hochrangigen Mitarbeitern der vatikanischen Finanzaufsicht und des Staatssekretariats durchsuchen.

«Steckbriefe» der Gendarmerie

Das hatte es bis dahin so noch nie gegeben. Die Gendarmerie beschlagnahmte Computerdaten. Die fünf Beamten durften ab sofort den Boden der Vatikanstadt nur noch betreten, wenn ein Richter sie ausdrücklich dazu auffordert. Was man ihnen genau vorwirft, ist bis heute unklar.

Damit die Schweizergardisten auch ja keinen der verdächtigten Funktionäre mehr reinliessen, verschickte der altgediente Kommandant der Gendarmerie, Domenico Giani, eine Verfügung mit fünf unscharfen Fotos für den internen Gebrauch. Das Papier wurde geleakt und gelangte zum Nachrichtenmagazin «L’Espresso», das es veröffentlichte. Es sah so aus, als würden die fünf Personen steckbrieflich gesucht.

Der Papst war empört. Die Fotos, sagte er, verletzten die Würde dieser Menschen, ausserdem gelte die Unschuldsvermutung. Giani, so etwas wie der Schutzengel des Papstes und immer an dessen Seite, auf Reisen und bei Auftritten auf dem Petersplatz, musste gehen. Er sieht sich als Opfer einer Intrige, einer Sabotage.

War zuständig für den Handel mit Raffaele Mincione auf kirchlicher Seite: Giovanni Angelo Becciu. Foto: Vatican

Doch wer sabotierte da und vor allem: warum? Und was ist mit Kardinal Becciu, wird auch gegen ihn ermittelt? Die stets gut informierte, etwas schrille, mit Nacktfotos hübscher Damen werbende Onlinezeitung «Dagospia» wollte erfahren haben, dass der Papst den hohen Kirchenmann mit einem Ausreisebann belegen wolle. Becciu reagierte auf unübliche Art, nämlich triumphierend auf Twitter. Er postete den Bericht von «Dagospia» auf @AngeloBecciu und schrieb dazu: «Was habe ich gelacht! Gerade gestern hat mich der Papst zur Audienz geladen und mir dann gute Reise gewünscht, ich fliege nach Brasilien!» Ein Kardinal retweetet «Dagospia», auch das hat es noch nie gegeben.

Der Vatikan und seine Finanzen, das ist eine lange Geschichte voller Affären und Skandale. Jorge Mario Bergoglio hat in den vergangenen Jahren, seit er Papst wurde, versucht, Ordnung zu schaffen, Missstände zu beheben. Konten wurden geschlossen, und zum ersten Mal wurden die Bücher überhaupt geprüft. Leute aus dem Privatsektor sollten dem Kirchenstaat beibringen, wie transparentes Wirtschaften geht. Man lässt sich jetzt auch von internationalen Inspektoren durchleuchten – etwa nach Geldwäsche.

Der Papst hat Giuseppe Pignatone zum Oberrichter des Vatikans gemacht – einen Mafiajäger.

Doch so nobel die Absichten des Papstes auch sind, etliches lief schon schief. Kaum im Amt, richtete Franziskus ein Wirtschaftssekretariat ein, das alle Finanzaktivitäten des Vatikans unter einen Hut bringen sollte. Sein erster Präfekt, der australische Kardinal George Pell, klagte einmal, er habe «Hunderte Millionen Euro» gefunden, die in keiner Buchhaltung aufschienen. Lange blieb er nicht im Amt: Pell sitzt seit einiger Zeit wegen Kindesmissbrauch in einem Gefängnis seiner Heimat. Einen Nachfolger gibt es bis heute nicht. Libero Milone, der erste offizielle Buchprüfer des Vatikans, gab 2017 nach nur zwei Jahren auf. Bei seinen Recherchen, sagte Milone, sei er bei manchen mächtigen Persönlichkeiten der Kirche auf erbitterten Widerstand gestossen.

Da herrscht viel Ernüchterung. Und die Bilanzzahlen sind offenbar katastrophal. In seinem neuen Buch «Giudizio Universale», «Jüngstes Gericht», schreibt der bekannte Enthüllungs-journalist Gianluigi Nuzzi, der Vatikan stehe kurz vor der Insolvenz. Im Durchschnitt verliere er jeden Tag 120'000 Euro. In den vergangenen drei Jahren sei der Fehlbetrag um 300 Prozent angestiegen – von 12,5 Millionen Euro 2015 auf 43,9 Millionen Euro (48 Millionen Franken) 2018. Die Personalkosten sind trotzdem stetig gestiegen. Im Grunde sei der Vatikan pleite, sagt Nuzzi. Er habe 3000 vertrauliche Dokumente einsehen können, die das belegten, alle wurden ihm aus dem Vatikan zugespielt.

Der Peterspfennig verpufft

Brisant sind auch die Passagen im Buch, die vom Peterspfennig handeln, einer Sammelaktion, deren Geld jeweils ganz den Bedürftigsten zukommen sollte. Nuzzi schreibt, weniger als 2 von 10 Euro aus diesen Einnahmen gelangten tatsächlich zu den Armen. Er zitiert dafür ausgerechnet Kardinal Becciu, der im vergangenen Jahr einmal sagte: «10 bis 15 Prozent fliessen in wohltätige Zwecke, der Rest dient dazu, den Apparat der Kirche zu tragen.» Löcher zu stopfen, Schulden zu begleichen. Am Peterspfennig sieht man auch, wie stark das Image der Kirche unter den Skandalen leidet. 2006 brachte der Obolus 101 Millionen Euro ein, 2018 waren es noch 52 Millionen Euro (57 Millionen Franken).

Der Papst will nun erneut ein Zeichen setzen, ein Zeichen für seine Entschlossenheit im Kampf gegen Misswirtschaft und Korruption in seinem Staat: Er berief den italienischen Untersuchungsrichter Giuseppe Pignatone zum Präsidenten des vatikanischen Gerichts. Der Sizilianer ist 70 und seit kurzem pensioniert, zuletzt war er römischer Oberstaatsanwalt. Bekannt wurde er als Mafiajäger.

Erstellt: 05.11.2019, 10:14 Uhr

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