Deniz Yücel: «Es bleibt etwas Bitteres zurück»

Der seit gut einem Jahr in der Türkei inhaftierte «Welt»-Korrespondenten ist wieder frei.

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Der «Welt»-Journalist Deniz Yücel freut sich nur eingeschränkt über seine Freilassung aus türkischer Haft. «Ich weiss immer noch nicht, warum ich vor einem Jahr verhaftet wurde, genauer, warum ich vor einem Jahr als Geisel genommen wurde – und ich weiss auch nicht, warum ich heute freigelassen wurde.

Eine Anklage hab' ich immer noch nicht», sagte Yüvel in einer am Freitagabend per Twitter verbreiteten Videobotschaft. «Natürlich freue ich mich, aber es bleibt etwas Bitteres zurück.»

«So wie meine Verhaftung nichts mit Recht und Gesetz und Rechtsstaatlichkeit zu tun hatte, hat auch meine Freilassung nichts mit alledem zu tun», sagte der 44-Jährige sichtlich bewegt in dem Statement, das auf dem Twitter-Account «Freundeskreis #FreeDeniz» verbreitet wurde. Er danke allen, die in der ganzen Zeit an seiner Seite gestanden hätten.

Yücel erinnerte daran, dass immer noch viele Kollegen in der Türkei in Haft sitzen. Er habe seinen Zellennachbarn zurückgelassen, einen türkischen Journalisten, der nur wegen seiner journalistischen Tätigkeit in Haft sitzt – «und viele andere Journalisten, die nichts anderes getan haben, als ihren Beruf auszuüben.»

Freilassung von türkischem Gericht angeordnet

Der seit dem 14. Februar 2017 in der Türkei festgehaltene «Welt»-Reporter Deniz Yücel konnte die Türkei am Freitagabend an Bord einer deutschen Regierungsmaschine verlassen. Die Freilassung wurde von einem türkischen Gericht angeordnet, wie die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu am Freitag meldete.

Demnach legte die Istanbuler Staatsanwaltschaft eine Anklageschrift vor, in der 18 Jahre Haft für Yücel gefordert werde. Das Gericht habe die Anklageschrift angenommen und daraufhin die Entlassung des Journalisten aus der Untersuchungshaft angeordnet. Am frühen Nachmittag twitterte der Anwalt ein Bild des Journalisten, auf dem er seine Ehefrau Dilek Mayatürk Yücel umarmt.

Ohne Anklage inhaftiert

Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte am Donnerstag nach einem Treffen mit dem türkischen Ministerpräsidenten Binali Yildirim gesagt, sie habe Yildirim darauf hingewiesen, «dass dieser Fall eine besondere Dringlichkeit für uns hat».

Vor seinem Deutschland-Besuch hatte Yildirim der ARD gesagt, er hoffe auf eine baldige Freilassung Yücels. Aussenminister Sigmar Gabriel sagte Mitte der Woche bei einem Besuch in Belgrad: «Ich bin relativ optimistisch, dass wir doch jetzt bald zu einer Gerichtsentscheidung kommen.» Der SPD-Politiker fügte an: «Und ich hoffe natürlich, dass die positiv für Deniz Yücel ausgeht.»

Im Oktober hatte ein türkisches Gericht die Freilassung des deutschen Menschenrechtlers Peter Steudtner verfügt und keine Ausreisesperre verhängt. Er konnte nach Deutschland zurückkehren, obwohl der Prozess gegen ihn weiterläuft. Steudtners Freilassung – und auch die der Übersetzerin Mesale Tolu – hat zu einer leichten Entspannung des deutsch-türkischen Verhältnisses geführt.

Nicht durch die Hintertür

Einen wie auch immer gearteten Tauschhandel für seine Freilassung wollte Yücel nicht, erst recht nicht, solange etliche türkische Journalisten hinter Gittern sind. Auch nach mehr als elf Monaten hinter Gittern sagte er in einem dpa-Interview: «Für schmutzige Deals stehe ich nicht zur Verfügung.» Stattdessen forderte er von Anfang an einen fairen Prozess, der nach seiner Überzeugung gar nicht anders als mit einem Freispruch enden könne. Er werde «dieses Gefängnis nicht durch eine Hintertür verlassen, sondern durch jene Vordertür, durch die ich es betreten habe», wie er in der «Welt» schrieb.

Den Jahrestag seiner Festnahme – es war der vergangene Mittwoch – verbrachte Yücel aber noch im Gefängnis. Nicht nur seinen Geburtstag musste Yücel im Gefängnis verbringen, auch zur eigenen Hochzeitsfeier konnte er nicht kommen: Am 12. April 2017 heiratete er im Gefängnis seine Freundin Dilek Mayatürk.

Welle der Solidarität

Literatur-Nobelpreisträger und Musiker, Sportler und andere Prominente setzten sich für die Freilassung des Reporters ein, der zum Symbol für die Krise zwischen Berlin und Ankara wurde. Selbst wenn aus dem rechten politischen Spektrum oder von Deutschtürken auch Kritik laut wurde, so ging durch Deutschland doch eine Welle der Solidarität, die in diesem Ausmass selten zu beobachten ist.

Ausdruck dafür sind auch die zahlreichen Auszeichnungen für Yücel: Theodor-Wolff-Sonderpreis, Leipziger Medienpreis, Sonderpreis bei den «Journalisten des Jahres» 2017, und nicht zu vergessen, auch wenn das kein Branchenpreis ist: In einer «Playboy»-Umfrage wurde Yücel unter die «Männer des Jahres» 2017 gewählt, im Bereich Politik musste er sich nur Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier geschlagen geben.

«Journalist und kein Terrorist»

Die türkische Gemeinde in Deutschland hat die Nachricht von der Freilassung des deutsch-türkischen Journalisten Deniz Yücel als «sehr glückliche Nachricht» begrüsst. «Seit über einem Jahr sass Deniz Yücel unschuldig im Gefängnis», sagte der Vorsitzende Gökay Sofuoglu am Freitag der «Rheinischen Post» aus Düsseldorf. Yücel sei «ein freiheitsliebender Mensch, ein Journalist und kein Terrorist».

«Es ist gut, dass das jetzt auch die Türkei kapiert hat», fügte Sofuoglu hinzu. Er freue sich auf die Recherchen und Berichte Yücels, wenn der «Welt»-Korrespondent wieder zurück sei.

Mehr als hundert Journalisten weiter in Haft

Amnesty International hat angemahnt, die verbliebenen inhaftierten Journalisten in der Türkei nicht zu vergessen. Bei «aller Freude und Erleichterung» über die Freilassung des Journalisten Deniz Yücel aus der Untersuchungshaft «bleibt die Meinungs- und Pressefreiheit in der Türkei massiv eingeschränkt», erklärte die Menschenrechtsorganisation in einer Stellungnahme am Freitag.

Die Gerichtsentscheidung im Fall Yücel sei überfällig gewesen, erklärte der deutsche Amnesty-Generalsekretär Markus Beeko. «Es bleiben mehr als 100 Journalistinnen und Journalisten in Haft», hiess es in der Mitteilung weiter. (nag/AFP/SDA)

Erstellt: 16.02.2018, 23:11 Uhr

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