«Würde nicht betrogen, müsste die AfD 90 Prozent bekommen»

Nirgends ist die Alternative für Deutschland stärker als in Sachsen. Besuch an einem Sommerfest der Partei.

Die Trostlosigkeit dieses AfD-Sommerfestes darf nicht über die Erfolgsgewissheit der Partei hinwegtäuschen. Foto: Thomas Grabka (laif)

Die Trostlosigkeit dieses AfD-Sommerfestes darf nicht über die Erfolgsgewissheit der Partei hinwegtäuschen. Foto: Thomas Grabka (laif)

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Sie nennen sich selbst ein «altes Ehepaar». Er Mitte 70, weisser Bart, wache Augen, Brille. Sie Mitte 60, rot gefärbte Haare. Das Paar geht nicht nur zur Alternative für Deutschland (AfD), sondern auch jeden Montag in Dresden zu Pegida. Beide wollen ihren Namen nicht nennen, geschweige denn ihr Bild in der Zeitung sehen. Aber reden tun sie schon.

Mit der Presse hätten sie schlechte Erfahrungen gemacht, stets würde ihnen das Wort im Mund umgedreht. Die Medien wollten nicht informieren, sondern erziehen. «Doch als ehemalige DDR-Bürger sind wir es gewohnt, zwischen den Zeilen zu lesen», sagt der Weissbärtige. «Wir glauben nichts mehr.»

Auf die Frage, was er denn von der Landtagswahl erwarte, bei der die AfD in Sachsen siegen könnte, sagt er nur: «Wahlbetrug». Ein Triumph der AfD sei nicht erwünscht, deswegen werde manipuliert werden. Bei der Briefwahl, in den Wahlbüros, bei der Übermittlung der Ergebnisse – überall könne man betrügen. Jeder, den er kenne, wähle AfD. Deswegen könnten die Prognosen von 25 Prozent gar nicht stimmen. «Würde nicht betrogen, müsste die Partei 80 oder 90 Prozent bekommen.»

Man gibt sich zuversichtlich beim Bier in Obervogelgesang an der Elbe. Foto: Thomas Grabka

Willkommen in der Sächsischen Schweiz. Von Dresden aus schlängelt sich die Elbe malerisch hinauf Richtung tschechische Grenze. Der Fluss hat durch das Elbsandsteingebirge eine Art grünen Canyon gegraben, mit bizarren Felswänden, Türmen und Tafelbergen. Touristen folgen der Elbe auf einem Radweg, der von der Nordsee bis ins tschechische Riesengebirge führt. Es ist eine der magischen Landschaften Deutschlands, die einst auch den Maler Caspar David Friedrich inspirierte.

Auch politisch ist die Sächsische Schweiz, die wegen der Berge seit dem 18. Jahrhundert so heisst, ein Extrem: Nirgends holt die AfD mehr Stimmen als hier. Da, wo die Elbe aus Böhmen auf deutschen Boden fliesst, waren es bei der letzten Bundestagswahl 45 Prozent. Bei der Europawahl im Mai war die AfD in jeder der 36 Gemeinden des Landkreises die stärkste Partei, mit Ergebnissen zwischen 30 und 40 Prozent. Ganz neu ist das übrigens nicht: Bevor es sie gab, war die Gegend bereits eine Hochburg der Neonazipartei NPD.

Die AfD hat zu einem kleinen Sommerfest an der Elbe geladen, an einem Ort namens Obervogelgesang: eine Wiese, ein Zelt, zwei Lautsprecher, ein paar Bänke und Plakate, Würste, Freibier. Nicht sehr viele Anhänger sind gekommen, vielleicht 50. Eine Woche vor der Wahl feiert die sächsische AfD eben gerade immer irgendwo.

«Unsere Soldaten würden gescheiter die deutschen Grenzen gegen illegale Einwanderer und Kriminelle bewachen.»Philipp Klinnert, 32, Industrieelektriker

Viele Anhänger scheuen sich keineswegs, mit Name und Gesicht zu ihren Ansichten zu stehen. Der junge Mann mit properem Haarschnitt zum Beispiel: Philipp Klinnert, 32 Jahre alt, Industrieelektriker. Man fragt ihn, wie es sein könne, dass in Sachsen der Unmut gegen die christdemokratische Regierung so gross sei – obwohl die Arbeitslosigkeit drastisch gesunken, Löhne und Renten stets gestiegen, Dresden und Leipzig boomende Metropolen seien? «Wohlstand ist nicht alles», antwortet Klinnert. Die Sorge vieler Menschen gälte der eigenen Kultur.

Massenhafte Einwanderung bedrohe ihre Identität. Dass Sicherheit, Ordnung, Moral, Respekt und Zusammengehörigkeitsgefühl im Land gelitten hätten, daran seien vor allem die Ausländer schuld. Ihr Unterhalt koste Milliarden, die an allen Ecken und Enden fehlten. Auf der Baustelle sehe er es jeden Tag: Die Ausländer arbeiteten schlecht und passten sich kaum an. Von Integration wolle er gar nicht reden. Für die Bundeswehr diente er einst in Kosovo, der Einsatz kam ihm nutzlos vor: «Unsere Soldaten würden gescheiter die deutschen Grenzen gegen illegale Einwanderer und Kriminelle bewachen.»

Klinnert hat seine Frau in Bremen kennen gelernt, einer der linksten Städte im Land. Als das Paar überlegte, wo man künftig leben wolle, stellte er sich in Bremen und in Dresden vor einen Supermarkt und zählte «nicht-deutsch aussehende Menschen». In Bremen hörte er bei 347 auf, in Dresden kam er auf 3. Das Paar zog nach Sachsen. «Sachse zu sein, ist das Beste, was es gibt», sagt er und strahlt. Klinnert und seine Frau erwarten ihr drittes Kind. «Neue Deutsche machen wir selber», meint er.

Bildstrecke: AfD-Anhänger stehen zu ihren Ansichten

Tilo Bretschneider hält auch ein Kleinkind auf dem Arm, das andere wiegt seine Frau, vier weitere sind fast erwachsen. Der 43-Jährige lebt in Glashütte, als selbstständiger Automechaniker mit Tankstelle. Auch er glaubt nicht, dass Einwanderer sich integrieren lassen. Im besten Fall sei Assimilation möglich – aber nur wenn die Gesellschaft «auch die Kraft hat, jemanden wieder wegzuekeln, der stört». Dass es im Osten kaum Ausländer gibt, sieht er als Bestätigung, nicht als Widerspruch: «Wir wollen verhindern, dass wir hier bald Zustände haben wie im Westen.»

«Die Flüchtlinge leben von unserem Geld», sagt Bretschneider. Sozialstaat und «natürliche Solidargemeinschaft», er meint damit das Volk, fielen immer weiter auseinander. Dies gelte es umzukehren. Obwohl niemand mit der AfD regieren wolle, habe sie bereits viel erreicht: «Plötzlich wollen die Politiker der Altparteien alle Probleme lösen, die sie selber geschaffen haben!»

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Der Weissbärtige ohne Namen will die «Millionen von illegalen Einwanderern» einfach ausschaffen. Man müsse diesen «Wahnsinn» beenden, sonst drohe die «Umvolkung». Als Touristen seien ihm die Ausländer erwünscht. Sonst nicht. «Ich will mit diesen Menschen nicht zusammenleben.»

An der AfD störe ihn nur, dass sie «keine Arbeiterpartei» sei. Die Spitze werde von den Liberalen aus dem Westen dominiert, nur im Osten sei die AfD national und auch ein bisschen sozialistisch. Dies wiederum ärgert Bretschneider. Deutschland sei doch längst eine «rote Republik»: «Was da umverteilt wird!» Auch der Sozialismus sei eine schreckliche deutsche Erfindung, der die AfD keinesfalls anhängen dürfe.

Von der SPD entfremdet

Die meisten Anhänger, mit denen man am Sommerfest spricht, strotzen nur so vor Selbstgewissheit. Helmut Wenske nicht. Der 67-jährige Dresdner, der in der DDR Ingenieur war und nach der Wende als Buchhalter arbeitete, ist ein eher scheuer, nachdenklicher Mensch. In der DDR war der Westdeutsche Willy Brandt sein grosses Vorbild: «Wegen seiner Ausstrahlung, wegen der Ostpolitik.» Nach der Wende trat Wenske Brandts Partei bei, der SPD. 25 Jahre war er ihr Mitglied, 2016 trat er aus: «Aus ideologischer Verbohrtheit hat die Partei die Zeichen der Zeit nicht mehr erkannt.» Der Islam sei zu einer Bedrohung geworden, meint Wenske. Die Islamisierung sei kein Hirngespinst, sondern eine reale Gefahr für das jüdisch-christliche Europa.

Er wähle die AfD, weil er sich eine starke Opposition wünsche. Mitglied sei er aber nicht: «Nicht alle in dieser Partei sind reine Demokraten.» Dafür unterstütze er die Werteunion, eine stramm konservative Gruppe von Christdemokraten. Die CDU hingegen könne er nicht mehr wählen, die sei nur noch «der Waschlappen des grünen Zeitgeists». Die Grünen stünden für die «Auflösung alter Werte» – dem stemme er sich mit aller Kraft entgegen. Seine Frau, übrigens, wähle nicht AfD.

Die Anhänger setzen grosse Hoffnungen in die AfD. Und fürchten gleichzeitig, dass diese sich irgendwann selbst zerlegen könnte – im Streit zwischen Konservativen und Radikalen, zwischen West und Ost. «Dabei haben wir doch alle dasselbe Ziel», sagt der Weissbärtige. Björn Höcke, den AfD-Chef aus Thüringen, hält er nicht für ein Problem, sondern «für den Besten»: «Der labert nicht rum, der redet zu uns.» Auf die Frage, ob Höcke die Partei künftig führen sollte, strahlt er: «Nicht Parteichef sollte er werden – Bundeskanzler!»

Erstellt: 23.08.2019, 15:07 Uhr

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