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«Ist erst mal einer an Bord, ist es fast aussichtslos»

Piraten haben die MV Glarus vor Nigeria gekapert und zwölf Personen entführt. Ein Schweizer erzählt von seinen Erfahrungen im Kampf gegen Seeräuber.

Gefährliche Begleiter auf den Weltmeeren: Piraten vor der der afrikanischen Küste.
Gefährliche Begleiter auf den Weltmeeren: Piraten vor der der afrikanischen Küste.

Die Seeräuber kaperten den mit Getreide beladenen Frachter MV Glarus am Samstagmorgen vor der Küste Nigerias. Das Schiff war in Bonny Island im Nigerdelta zwischen der nigerianischen Hauptstadt Lagos und dem Ölhub Port Harcourt unterwegs. Die Piraten erklommen die MV Glarus mit Leitern, durchtrennten den Stacheldraht an Deck und enterten die Brücke.

Sie nahmen 12 der insgesamt 19 Crewmitglieder gefangen und verliessen mit ihnen das Schiff. Die Genfer Reederei Massoel äusserte sich nicht zu den Nationalitäten der Geiseln, das Schweizerische Aussendepartement bestätigte aber, dass sich keine Schweizer Staatsangehörigen an Bord befanden.

Schweizer Doppelbürger erzählt vom Kampf gegen Piraten

«Wir warten auf einen Anruf», sagte der Sprecher der Reederei zu 20 Minuten. Meist melden sich die Piraten innerhalb von 24 Stunden. Ob Massoel bereit sei, Lösegeld für die Freilassung der Crew zu zahlen, und wie sie dabei vorgeht, wollte der Sprecher aus Sicherheitsgründen nicht sagen.

«Normalerweise hat man bei solchen Verhandlungen einen Mittelsmann», sagt J. B.* (Name der Red. bekannt). Der Schweizer Doppelbürger arbeitete im Kampf gegen die internationale Piraterie zwei Jahre lang als Sicherheitsberater und Ausbilder im Rahmen der Nato-Marinemission «Operation Ocean Shield».

«Wir nannten Piraten auch Wave-Jockeys»

«Bei den Verhandlungen, die oft in Städten wie London oder Genf über die Bühne gehen, geht es um Millionenbeträge. Bei einer Einigung wird das Geld von einem Helikopter aus über dem Busch oder offenem Wasser abgeworfen. Vom Entern eines Frachters bis hin zur Geiselnahme, den Verhandlungen und den erzielten Einigungen – das ist alles enorm gut organisiert.»

J. B. kritisiert, dass viele Reedereien aus Kostengründen darauf verzichteten, ein eigenes Sicherheitsteam an Bord zu unterhalten. Dabei würden diese Crew Fracht und Frachter am effektivsten schützen. «Zum Standardprogramm gehört Stacheldraht, der an allen neuralgischen Punkten des Schiffes gespannt ist. Viele Frachter benutzen auch Wasserwerfer gegen die Wave-Jockeys», sagt er. Wave-Jockeys? «So nannten wir zu meiner Zeit die Piraten, weil sie mit ihren kleinen Skiff-Booten auf den riesigen Wellen hinauf- und hinuntertanzen, wie Jockeys auf Rennpferden.»

Puppen aus Stroh und Attrappen aus Holz

«Alte Overalls der Crew werden mit Heu oder Stroh gefüllt und an Deck festgebunden. Auf hoher See erkennt man kaum, ob es sich um eine Puppe oder eine echte Person handelt.» Auch Waffenattrappen kommen als Abschreckungsmassnahmen zum Einsatz: Aus Holz geschnitzt, schwarz angemalt und gut erkennbar positioniert.

Im Kampf gegen Freibeuter arbeitete J. B. vor der Küste Nigerias, vor Somalia oder auch in Asien, in der Strasse von Malakka. Er hat selbst mehrere Angriffe erlebt. «Wenn man 30 oder 40 Meter über dem Wasser thront, ist das, als ob man aus dem 4. Stock eines Hauses auf die Strasse schaut», erzählt er. «Man verkennt dabei leicht die Gefahrenlage.» Denn die drahtigen Männer könnten in weniger als zwei Minuten an irgend einer Stelle des hunderte Meter langen Frachters nach oben klettern. Sie seien dabei äusserst entschlossen. «Ist erst mal einer an Bord, ist die Lage ohne bewaffnete Sicherheitsleute fast aussichtlos.»

Seeräuber würden mit «uralten AK47 und Raktenwerfern» in der Regel bei Sonnenauf- und Sonnenuntergang angreifen. «Dann sind die Leute gerade aufgestanden beziehungsweise schon müde und nicht mehr fokussiert», sagt B. «Bei einem Angriff versucht der Kapitän, einen Zickzackkurs fahren. Das sorgt für Wellen und erschwert es, einen Enterhaken festzumachen.»

«Nigerianische Piraten sehen Geiseln als Belastung»

Um die Frachter abzufangen, warteten die Piraten manchmal wochenlang auf dem Meer. «Meistens sind es zwischen sechs und zwölf Männer, die auf einem Segelboot im offenen Meer ausharren. Ihre Skiff-Boote haben sie im Schlepptau. Anhand von Radarbildern oder abgehörten Funksprüchen verfolgen sie den Schiffsverkehr. In einem Hafen bezahlen sie meistens auch einen Mittelsmann, der sie über die Fracht und die getroffenen Sicherheitsmassnahmen informiert.»

Kaperer, ob in Afrika oder Asien, gehe es immer zunächst um das Bargeld, das jeder Frachter mit sich führe. «Das sind schätzungsweise 250'000 Dollar für Hafentaxen und den Lohn der Crew», so der Ex-Ausbilder. Seiner Erfahrung nach gibt es aber Unterschiede im «Beuteverhalten»: «Somalier nehmen meistens Geiseln, ihnen geht es ums Lösegeld. Nigerianische Piraten aber sind berüchtigt für ihre Brutalität. Geiseln sehen sie meist als Belastung. Ihnen geht es um die Fracht.»

Verschanzte sich Teil der Crew in der «Zitadelle»?

Den Piraten, die jetzt die MV Glarus unter ihre Kontrolle brachten, ging es aber offensichtlich um die Geiseln. Von 19 verschleppten sie zwölf. Die übrigen sieben, vermutet J. B., hätten sich womöglich in den Sicherheitsraum des Frachters flüchten können. «Dieser Raum – ‹Zitadelle› genannt – befindet sich tief im Bauch des Frachters und ist im besten Fall mit etwas Wasser und Nahrung ausgestattet. Hier verbarrikadiert man sich, bis Hilfe kommt respektive die Piraten von Bord gegangen sind.»

J. B. wäre nicht überrascht, wenn im Fall der gekaperten MV Glarus nigerianische Piraten von der Westküste das «Geschäftsmodell» der somalischen Piraten von der Ostküste kopiert hätten. «In Somalia operieren wegen der Piraterie mittlerweile zahlreiche private Sicherheitsfirmen. Der Geschäftsradius der Piraten wurde kleiner. Es gibt deswegen eine verstärkte Ausrichtung von Somalia nach Nigeria.»

Tatsächlich stellte eine Studie des «International Maritime Bureau» für 2017 eine «deutliche Zunahme» von Angriffen und Entführungen durch Freibeuter vor der Küste Nigerias fest.

(Übernommen von 20Minuten, bearbeitet von Redaktion Tamedia)

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