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Ein Streit überschattet die Auschwitz-Gedenkfeiern

75 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers gibt es zwischen Warschau, Jerusalem, Kiew und Moskau Kontroversen zum Auschwitz-Gedenken.

Überlebende der Schoah: Das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau am Tag der Befreiung, 27. Januar 1945. Foto: Keystone
Überlebende der Schoah: Das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau am Tag der Befreiung, 27. Januar 1945. Foto: Keystone

Gleich zwei internationale Gedenkfeiern sind zum 75. Jahrestag der Befreiung des Lagerkomplexes Auschwitz geplant, allerdings mit unterschiedlichen Akteuren: in Jerusalem heute Donnerstag und vier Tage später punktgenau zum Jahrestag am Ort des Geschehens.

In Jerusalem werden die Präsidenten Russlands, Frankreichs, der Bundes­republik Deutschland und der US-Vizepremier Reden halten. In Polen werden etwa 200 Überlebende aus vielen Ländern im Mittelpunkt stehen, etwa 20 Staats- oder Regierungschefs haben ihre Teilnahme angekündigt, darunter die Könige Belgiens, der Niederlande und Spaniens.

Doch eine Kontroverse überschattet die Feierlichkeiten: Die Absage des polnischen Präsidenten Andrzej Duda an die Adresse der Organisatoren der Feier in Jerusalem machte Schlagzeilen. Er führte an, dass er als Staatsoberhaupt Polens, des Landes, in dem die deutschen Besatzer die Vernichtungslager einrichteten und das nach Staatsangehörigkeit mit Abstand die grösste Opfergruppe stellte, auf der Feier nicht reden solle. Die Berichterstattung der internationalen Presse war durchweg negativ für Warschau, Tenor: Die Nationalkonservativen an der Weichsel brüskieren Israel und die Nachkommen der Opfer.

Wenig Beachtung fand dagegen, dass kein Geringerer als Schewach Weiss, der frühere Knesset-Präsident und Vorsitzende des Rates der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, die Entscheidung Dudas, der Feier in Jerusalem fernzubleiben, vehement verteidigte. Weiss erklärte, dass die Veranstalter, das «Welt-Holocaust-Forum», eine Feier, die dem Gedenken der Opfer gewidmet sein sollte, in die politischen Auseinandersetzungen der Gegenwart gezogen hätten. Er verwies darauf, dass an der Spitze dieses Forums ein russischer Oligarch steht, dem eine grosse Nähe zu Kremlchef Wladimir Putin nachgesagt wird und diesem einen grossen Auftritt verschaffen wolle.

Putins Attacken

Putin hatte in den vergangenen Wochen mit heftigen Attacken an die Adresse Warschaus offenbar gezielt den seit langem schwelenden polnisch-russischen Geschichtsstreit um den Zweiten Weltkrieg angeheizt. So behauptete er, die polnische Vorkriegsregierung habe dazu beigetragen, den Holocaust vorzubereiten. Putin nannte den damaligen polnischen Botschafter in Berlin, Jozef Lipski, ein «antisemitisches Schwein».

Unter Historikern ist weitgehend unumstritten, dass die letzte polnische Regierung vor dem Krieg eine antisemitisch motivierte Politik der Ausgrenzung der Juden betrieb, die auch vom Primas der katholischen Kirche, Kardinal August Hlond, gebilligt wurde. Der Kurs lief darauf hinaus, mit administrativem und wirtschaftlichem Druck Juden zur Auswanderung zu drängen. Allerdings lag diese Emigration auch im Interesse zionistischer Organisationen, die die Gründung des Staats Israel anstrebten.

Auch machten polnische Historiker sogleich eine Gegenrechnung auf: Sie verwiesen auf die antisemitischen Säuberungswellen unter Stalin, den Putin als grossen Militärstrategen verehren lässt, sowie auf das «Schwarzbuch über den Genozid der sowjetischen Juden», das die Schriftsteller Ilja Ehrenburg und Wassili Grossman unmittelbar nach dem Krieg verfasst hatten. Laut den von ihnen gesammelten Berichten Überlebender war es auch in den besetzten Gebieten Russlands an der Tagesordnung, dass Einheimische ihre jüdischen Nachbarn an die Deutschen verrieten. Das Buch durfte in der Sowjetunion nicht erscheinen, da es den stalinschen Mythos vom heldenhaften und geschlossenen Kampf der Russen gegen die deutschen Besatzer widerlegte.

Im KZ Auschwitz I wurden Tausende von Polen interniert und ermordet.

Hintergrund für den aktuellen Streit bildet die jahrzehntealte Kontroverse um die «Konkurrenz der Opfer». Zu Zeiten des Parteiregimes wurde der staatliche Antisemitismus der Führungen in Moskau und Warschau geleugnet, das besondere Schicksal der Juden, für die die deutschen Besatzer nur die Ermordung vorgesehen hatten, durfte nicht herausgestellt werden, auch nicht in Auschwitz. Die grösste Opfergruppe wurde damals schlicht als «Polen» kategorisiert. Doch sind die Juden ermordet worden, nicht weil sie polnische Staatsbürger waren, sondern aus jüdischen Familien stammten.

Nach der politischen Wende von 1989/90 rückte die Schoah (hebräisch: Katastrophe) der Juden in das Zentrum der Gedenkfeiern von Auschwitz, polnisch Oswiecim. In den Hintergrund trat dabei, dass die Kreisstadt, die im Zweiten Weltkrieg an das Deutsche Reich angeschlossen worden war, der Standort von drei Konzentrationslagern mit unterschiedlicher Funktion war: das Stammlager (KZ Auschwitz I), für das das Tor mit dem Spruch «Arbeit macht frei» steht; das knapp drei Kilometer entfernte, also räumlich und auch organisatorisch getrennte Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, das das Bild von der Eisenbahnschiene durch den Wachturm zur Selektionsrampe symbolisiert; schliesslich das ausserhalb der Stadt liegende Arbeitslager Auschwitz-Monnewitz.

Polnische Klagen

Nur Birkenau war Stätte des Holocausts. Viele der Konflikte der vergangenen Jahre hatten mit der keineswegs unbegründeten Klage der Polen zu tun, vor allem in den USA und der Bundesrepublik werde übersehen, dass in Auschwitz, nämlich im KZ I, Tausende Angehörige der katholischen Intelligenz des Landes interniert waren, von denen ein Grossteil ermordet wurde.

Zu diesen Kontroversen gehörten in den Neunzigerjahren die Auseinandersetzungen um das Kloster der Karmeliterinnen und um den Kiesplatz, einer Geländesenke, in der mehr als hundert Angehörige der Krakauer Intelligenz erschossen worden waren, darunter Professoren der Jagiellonen-Universität. In beiden Kontroversen um christliche Symbole in Auschwitz I gaben die polnischen Nationalkatholiken auf Bitten von Papst Johannes Paul II. nach, dem der christlich-jüdische Dialog Herzenssache war.

Die schwelende Kontroverse zwischen polnischen Nationalkonservativen und jüdischen Organisationen hat allerdings seit der Doppelherrschaft der Kaczynski-Zwillinge an der Spitze von Staat und Regierung in den Jahren 2006/07 eine neue Richtung genommen: Die Brüder unternahmen ernsthafte Bemühungen, in der polnischen Rechten eine Distanzierung vom traditionellen Antisemitismus durchzusetzen.

Lech Kaczynski, der 2010 beim Flugzeugunglück von Smolensk starb, bekam als Staatspräsident dafür hohe israelische Verdienstorden, was bei den westlichen Nachbarn weitgehend unbemerkt blieb. Allerdings wiesen jüdische Organisationen entschieden die Versuche zurück, eine Opfergemeinschaft aus polnischen Katholiken und Juden während des Kriegs zu konstruieren, wie dies die Geschichtspolitik der jetzigen Führung in Warschau anstrebt.

Doch nicht nur um Opfer wird gestritten, sondern auch um den Tag der Befreiung. An der Weichsel wird befürchtet, dass Putin versuchen wird, auf der Jerusalemer Feier die Befreiung von Auschwitz Russland zuzuschreiben, Russland als Rechtsnachfolger der Sowjetunion. Doch war es die Ukrainische Front, ein Grossverband der sowjetischen Streitkräfte, dem überwiegend Soldaten aus der heutigen Ukraine angehörten.

So wird denn auch in Kiew dagegen protestiert, dass Putin allein die Befreier vertritt und gleichzeitig die Ukrainer als Kollaborateure der Deutschen attackiert. Dabei war der Vater des früheren Präsidenten Viktor Juschtschenko selbst Auschwitz-Häftling. Und dessen Amtsnachfolger Wolodimir Selenski stammt aus einer jüdischen Familie, die Angehörige im Holocaust verloren hat.

Polnische Historiker haben auch begonnen, ein düsteres Kapitel zu erforschen, das mit dem Tag der Befreiung seinen Anfang nahm: Der sowjetische Geheimdienst übernahm einen Teil der Lagerbaracken und inhaftierte dort Offiziere der polnischen Untergrundarmee AK, die sich gegen die Sowjetisierung ihrer Heimat wehrten, sowie deutsche Oberschlesier. Das Lager Auschwitz wurde also weitergeführt, nur mit anderen Gefangenen und Aufsehern.

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