Hat Wladimir Putin mit seinem Nachfolger Pilze gesammelt?

Zu seinem 67. Geburtstag ist der russische Präsident mit Verteidigungsminister Sergei Schoigu durch die Berge gewandert. Das ist kein Zufall.

Pilze sammeln, Blümchen pflücken, am Lagerfeuer sitzen: Der russische Präsident Putin und Verteidigungsminister Sergei Schoigu in den Ferien? Foto: Sputnik Photo Agency (Reuters)

Pilze sammeln, Blümchen pflücken, am Lagerfeuer sitzen: Der russische Präsident Putin und Verteidigungsminister Sergei Schoigu in den Ferien? Foto: Sputnik Photo Agency (Reuters)

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Eigentlich kennt man Wladimir Putin mit Anzug und Krawatte. Doch ein-, zweimal pro Jahr präsentiert der Kreml Bilder, die einen ganz anderen Präsidenten zeigen: beim Tauchen, beim Fischen, beim Reiten, mit Kranichen, mit Amurtigern – oft verwegen angezogen, manchmal auch mit nackter Männerbrust.

Diesmal war ein Wanderausflug nach Sibirien zusammen mit Verteidigungsminister Sergei Schoigu an der Reihe: Pilze sammeln, Blümchen pflücken, am Lagerfeuer sitzen. Es ist nicht das erste Mal, dass Schoigu mit dabei war, doch diesmal scheint den Bildern eine andere Bedeutung zuzukommen: Schliesslich sucht Russland für 2024 einen Nachfolger für Putin, der dann nicht mehr zur Wahl antreten darf.

Und einer der Kandidaten ist eben Schoigu. Der Verteidigungsminister ist nicht nur beim Wandern an der Seite des Präsidenten und damit auch auf dem TV-Schirm: Er bespricht sich vertraulich mit Putin, nimmt mit ihm Militärmanöver oder Paraden ab, koordiniert Einsätze in Syrien. Doch obwohl er dauernd zu sehen ist, spricht er kaum. Normalerweise sind von Schoigu nur einzelne Sätze zu hören oder Fragmente von Sätzen, oft auch nur Gebrumme. Doch unlängst hat er ein Interview gegeben, das erste in sieben Jahren, wie er selber sagt. Zwei Stunden dauerte das Gespräch, für manche Beobachter ein sicheres Zeichen dafür, dass er als möglicher Nachfolger Putins gehandelt wird.

«Ich bin wie sie, ich will nicht, dass es Krieg gibt.»Sergei Schoigu

Schoigu stammt aus der Region Tuwa, welche die beiden Männer durchstreift haben. Sie liegt ganz im Süden Sibiriens an der Grenze zur Mongolei. Von dort kommt auch der ungewöhnlich klingende Name Sergei Kuschugetowitsch Schoigu: Sein Vater hiess Kuschuget und war ethnischer Tuwine. In dem Interview gibt Schoigu ganz den bescheidenen und zurückhaltenden Mann aus dem Volk, ganz so, wie ihn die Russen kennen und mögen. «Ich bin wie sie, ich will nicht, dass es Krieg gibt», sagt er. «Aber damit das nicht geschieht, muss unsere Armee sehr stark sein.» Deshalb sei es viel wichtiger, über die Armee zu reden als über sich selber. Im Verlauf des Gesprächs tritt Schoigu dann als Retter ebendieser Armee auf, zusammen mit Wladimir Putin natürlich, der schon 1999 mit der nötigen Armeereform begonnen habe.

Der böse Westen

Den Feind Russlands will er nicht nennen, doch kommt er in dem Zusammenhang schnell auf den Westen zu sprechen. Die Liste der Vorwürfe an Europäer und Amerikaner ist lang: Erweiterung der Nato bis an Russlands Grenzen, Einflussnahme in den russischen Nachbarländern, Einmischung in Russland selber. Der Westen habe «unser Land zerstören und versklaven» wollen, sagt Schoigu, doch diesen Plan habe man vereitelt.

«Doch die Wahrheit ist: Es ist der Westen selber, der hybride Kriege führt.»  Sergei Schoigu

Die Welt sei heute nicht unipolar, wie es der Westen gerne hätte, der die Instrumente habe, gegen jede legitime Regierung vorzugehen. «Natürlich alles unter dem Vorwand, die Demokratie zu fördern.» Als Opfer dieser Strategie nennt er die gescheiterten Staaten Afghanistan, Irak und Libyen. «Unsere westlichen Kollegen beschuldigen Russland gerne der hybriden Kriegführung», tut er den Vorwurf ab, Moskau mische sich in der Ostukraine ein und setze verdeckt kämpfende Truppen und militärische Ausrüstung ohne Hoheitszeichen ein. «Doch die Wahrheit ist: Es ist der Westen selber, der hybride Kriege führt.»

Schoigu ist von Haus aus Ingenieur, früher war er Minister für Katastrophenschutz. Ob Überschwemmung, Erdbeben oder Terroranschlag – immer war er vor Ort, auch wenn er schon damals nicht viel sagte. 2012 machte ihn Putin zum Verteidigungsminister. Im Interview rechnet Schoigu akribisch vor, wie viele Tausend Duschen und Waschmaschinen er installieren liess in den Kasernen. Schliesslich sollten die Soldaten dort das Kämpfen lernen und nicht «von Morgen bis Abend Schnee schaufeln oder Blätter einsammeln».

Der bescheidene Macher aus Sibirien

Bei den Russen geniesst er den Ruf eines Machers. Allerdings richtet sich Schoigu, der nur drei Jahre jünger ist als Putin, in seinem Interview vor allem an die ältere Generation: Sein grösster Traum sei es, nach Sibirien zurückzukehren. «Ich will zurück in die Zeit meiner Jugend. Ich empfinde grosse Nostalgie für die Sowjetunion.» Es gehe ihm nicht um die Losungen von damals, sagt Schoigu, sondern um «die Stimmung, um den Geist». Die jungen Städter, die sich im Netz über die Wandertour der beiden Männer ausgiebig lustig gemacht haben, können damit nichts anfangen. Doch in weiten Teilen der Bevölkerung kommt das noch immer gut an.

Antikorruptionskämpfer haben versucht, den bescheidenen Patrioten zu entzaubern. Immer wieder gibt es Berichte über Anwesen im Wert von vielen Millionen Franken an der Moskauer Luxusmeile. Doch das macht keinen Eindruck auf die Leute. Schoigu selber betont, die Berichte seien ihm herzlich egal. «Wenn man Dollarzeichen auf Toilettenpapier zeichnet, weiss jeder, dass das nicht echt ist. Deshalb geht man nicht vor Gericht. Also warum wegen offener Lügen in einer Zeitung vor Gericht ziehen?»

Erstellt: 08.10.2019, 20:17 Uhr

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