Wenn Protest zur Säkular-Religion wird

In der Klima-Kritik steckt auch Angstlust, die aus jedem heissen Sommertag den Weltuntergang herausliest. Die Bewegung sollte sich dem Zweifel öffnen.

Der Klimastreik lebt auch von der Erlösungshoffnung, die Summe der Bekenntnisse möge zur CO<sub>2</sub>-Reduktion führen und zur neuen Harmonie zwischen Mensch und Natur. Bild: Getty

Der Klimastreik lebt auch von der Erlösungshoffnung, die Summe der Bekenntnisse möge zur CO2-Reduktion führen und zur neuen Harmonie zwischen Mensch und Natur. Bild: Getty

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Wundersames, ja Wunderbares ist passiert seit dem vorigen Sommer. Ein 16-jähriges, sehr ernsthaftes Mädchen aus Schweden ist nach den Ferien freitags nicht mehr zur Schule gegangen, um gegen die Ignoranz gegenüber dem Klimawandel zu protestieren. Nicht ein Jahr später sind weltweit Millionen Menschen auf der Strasse statt bei der Arbeit.

In New York laden die Vereinten Nationen zum Klimagipfel, und Greta Thunberg, die Prophetin wider Willen aus Schweden, wird den Mächtigen zurufen: Bekehrt euch! Viele Jahre haben Warnungen vor der Erderwärmung folgenloses Kopfnicken bewirkt. Jetzt ist die Erweckungsbewegung da, ausgelöst von einem Mädchen mit strengen Zöpfen, das freitags nicht mehr zur Schule ging.

Der Protest hat eigene Rituale entwickelt, bei Kleidung und Fastenspeise

Eine säkulare Klimareligion sei da entstanden, sagen vor allem jene, denen das alles zu weit geht, die gar behaupten, es gäbe kein Problem mit dem Klima – und wer in der Welt nasse Füsse bekomme, solle halt die Beine hochziehen. Das ist infam, weil es die Erkenntnis der Wissenschaftler, dass die Erderwärmung menschengemacht und menschheitsgefährdend ist, in den Bereich des Irrationalen verlagert: Kann man glauben oder nicht, was die Klimapfaffen predigen. Es gibt aber trotzdem eine säkularreligiöse Dimension der Klimaproteste, die man diskutieren kann.

Dieser Protest nährt sich ja nicht nur aus der Rationalität, sondern auch aus apokalyptischer Angstlust, die aus jedem heissen Sommertag den Weltuntergang herausliest, in jeder herrenlosen Plastiktüte ein Menetekel sieht und in jeder Grillparty den Feueratem des Gottseibeiuns zu spüren glaubt. Sie hat ihre eigenen Rituale und Bussübungen entwickelt, mit Kleidung, kratziger als das Kamelhaar, mit dem einst Johannes sich in der Wüste bedeckte, mit strengerer Fastenspeise als die Heuschrecken, die er ass. Der Klimastreik lebt auch von der Erlösungshoffnung, die Summe der Bekenntnisse möge zur CO2-Reduktion führen und zur neuen Harmonie zwischen Mensch und Natur.

Das ist verständlich. In den Klimaprotesten lebt die Sehnsucht nach der Auflösung jener Lebenswidersprüche, in denen jeder steckt, der nicht entweder als Eremit sein Gemüse selber zieht oder einen «Fuck you, Greta»-Aufkleber aufs dicke Auto klebt und das Gaspedal durchtritt. Für alle anderen beginnen die Ambivalenzen beim Aufstehen.

Eine fröhliche Gemeinde der Gleichgesinnten meint es ernst

Warm duschen? Das Müsli aus der Plastikverpackung essen? Mit der Bahn zur Arbeit, auch wenn es eine Stunde Beziehungszeit kostet? Das Leben des Durchschnittsklimaretters ist strukturell ungenügend, weil er in ein Wirtschafts- und Gesellschaftssystem eingebunden ist, dessen Freiheit und Lebensqualität an den Ressourcenverbrauch gekoppelt ist, keine Spende an den Klimafonds macht das wett. Wie gut tut es da, für einen Tag zu bekennen: Wir meinen es ernst – und das noch in einer fröhlichen Gemeinde der Gleichgesinnten.

Die Ritualisierung des Protests hat ihre Gefahren, angefangen bei der Aufteilung der Welt in Erlöste und Verdammte. Manche der Einteilungen haben auch mit dem zu tun, was die Schwarmmeinung für sozialadäquat hält: SUVs sind böse, der spritfressende alte VW-Bus ist süss; Kreuzfahrten sind schlimm, der Flug zur Öko-Safari nach Tansania ist cool. Wer noch Billigfleisch und Plastikzeugs kauft, soll sich was schämen – dabei lebt eine Alleinerziehende, die sich weder Biomarkt noch Urlaub leisten kann, nur die nötigste Kleidung kauft und die alte Karre immer weiter fährt, klimafreundlicher als viele Ökobewegte. Manche Ablehnung, die den Streikenden entgegenschlägt, entspringt dem Gefühl, dass hier mit gewisser Arroganz der feine Unterschied demonstriert wird.

Andererseits: Ohne visionären Eifer gibt es keine Bewegung, ohne Überzeugte, die den Teufel an die Wand malen, damit endlich was passiert. Die Vorstellung, dass Rationalität alleine zur Veränderung führt, ist irrational. Es brachte die Angst vorm Waldsterben den Katalysator ins Auto und die Schwefelfilter in die Fabriken, die Furcht vorm weltweiten Hautkrebs durchs Ozonloch das FCKW-Verbot – so vernünftig wie wirksam.

Jede Bewegung braucht Zweifel und die Wertschätzung des Halbgläubigen

Und die Klimafrage erfordert tatsächlich eine Wertentscheidung. Es gilt, jetzt Geld auszugeben, Regeln und Strukturen zu schaffen, Freiheiten zu beschneiden und Opfer zu verlangen, damit später, vielleicht, die Katastrophe abgewendet werden kann. Wer im reichen Deutschland lebt, über 35 Jahre alt ist und ausreichend ignorant, kann sagen: Für mich reicht es, die Zeche sollen die anderen zahlen. Sollen sie das? Das ist das Bekenntnis, das die «Fridays for Future»-Bewegung einfordert.

Deshalb ist es gut, dass Gretas Follower laut sind und ziemlich moralisch. Sie brauchen aber, was jede bekenntnisgetriebene Bewegung braucht: den Zweifel und die Wertschätzung des Halbgläubigen. Und die Erkenntnis, dass es kein Leben ohne Klimasünde gibt, ohne die Verschwendung im rechten Mass zur rechten Zeit. Jeder kann was tun fürs Klima. Aber niemand muss die Welt im Alleingang retten.

Erstellt: 21.09.2019, 17:33 Uhr

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