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Strafverfolger warnt vor Anschlägen mit Bio-Waffen

Erst Paris, jetzt Köln: Das tödliche Rizin als Bio-Kampfstoff für Terroristen hat seinen Weg nach Europa gefunden.

Der Verdächtige liess sich die Rizinus-Samen über Amazon nach Hause liefern: In diesem Kölner Wohnblock soll er eine Giftküche betrieben haben. (15. Juni 2018)
Der Verdächtige liess sich die Rizinus-Samen über Amazon nach Hause liefern: In diesem Kölner Wohnblock soll er eine Giftküche betrieben haben. (15. Juni 2018)
Henning Kaiser, AFP
Der Verdächtige nutzte zwei Wohnungen im gleichen Block: In einer lebte er mit der Familie, die andere nutzte er als Bombenwerkstatt.
Der Verdächtige nutzte zwei Wohnungen im gleichen Block: In einer lebte er mit der Familie, die andere nutzte er als Bombenwerkstatt.
Michael Gottschalk, AFP
Gegen den 29-Jährigen besteht darüber hinaus ein Anfangsverdacht der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat.
Gegen den 29-Jährigen besteht darüber hinaus ein Anfangsverdacht der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat.
Sascha Steinbach, Keystone
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Beim ersten Mal kann es noch Zufall sein. Mit Rizin, dem Gift des sogenannten Wunderbaums, hat man in Europa bisher kaum etwas zu tun gehabt. Nun aber ist es in Köln aufgetaucht, ein mutmasslicher Giftmischer ist verhaftet worden, der 29-jährige Tunesier Sief Allah H., ein Islamist. Aber zweimal Rizin in kürzester Zeit? Kann auch das ein Zufall sein?

Vor vier Wochen erst, am 17. Mai, waren in Paris zwei Brüder aus Ägypten festgenommen worden, gemeinsam sollen sie einen Anschlag geplant haben, ebenfalls mit Rizin. Auf ihren Handys fand man eine Anleitung, die vom Mediendienst «Ibn Taymiyyah Center» des sogenannten Islamischen Staats (IS) seit 2015 verbreitet wird. Schritt für Schritt wird darin erklärt, wie man die schokobraunen Bohnen zermahlt, aus denen eine der giftigsten pflanzlichen Substanzen der Welt gewonnen wird, tödlich schon im Milligrammbereich.

Weitere Durchsuchungen in Köln nach Rizin-Fund. Video: Reuters

Zweite Wohnung im gleichen Haus

Nun Köln: Am 12. Juni stürmten maskierte Beamte die Wohnung von Sief Allah H., und diesmal soll der Verdächtige sogar schon mit der Rizin-Herstellung begonnen haben. Wiederum genauso, wie es in der IS-Anleitung beschrieben wird. Laut den Ermittlern nutzte er eine elektronische Kaffeemühle zum Zerkleinern der Rizinus-Samen, dazu einen Sprengverstärker aus Kühlkompressen. Insgesamt 84,3 Milligramm fertiges Rizin fand man bei ihm.

Sein ganzes Leben spielte sich offenbar unter diesem Dach ab: In einer Wohnung lebte H. mit seiner schwangeren Frau und deren vier Kindern. In einer anderen Wohnung des Hauses hatte er Giftküche und Bombenwerkstatt. Monatelang war Sief Allah H. hier beschattet worden, Regie führte das Bundesamt für Verfassungsschutz.

Verdächtige Substanzen: Kölner Polizei nimmt 29-Jährigen fest. Video: Reuters

Den Sicherheitskräften fiel auf, dass er in seinen Planungen «stark schwankte», wie es heisst. Immer wieder zog der Tunesier sich ins Familienleben zurück. Wochenlang blieb die Giftküche kalt. Als hätte er das Interesse verloren. Dann machte er plötzlich weiter. Das spricht jedenfalls aus Sicht einiger Ermittler dafür, dass jemand von aussen dazu gedrängt haben könnte, dass H. sein Ziel - oder seinen Auftrag - nicht aus den Augen verliert.

Generalbundesanwalt warnt

Nach der Festnahme des Biobomben-Bauers in Köln hat der deutsche Generalbundesanwalt Peter Frank vor der Gefahr durch Anschläge mit biologischen Kampfstoffen gewarnt. «Wir müssen uns davon verabschieden, dass terroristische Straftaten immer nach dem gleichen Muster erfolgen», sagte Frank in einem Fernsehinterview am Mittwochabend.

Sicherheitsbehörden beobachteten schon seit einiger Zeit, dass Anschläge auf unterschiedliche Arten und Weisen begangen werden könnten. Terroristen seien «insoweit sehr kreativ und versuchen asymetrisch alle möglichen Szenarien auszutesten». Dazu gehöre auch eine Bedrohung mit biologischen Kampfstoffen. «Darauf müssen wir uns einstellen und ich denke, dass sich die Sicherheitsbehörden darauf auch eingestellt haben.»

Rizin tötet langsam

So steht wieder einmal die Frage im Raum, ob ein Jihadist in Europa heimlich von einem Hintermann des IS ferngesteuert worden sein könnte, ob also hinter Paris und Köln ein «Mastermind» steckt, wie es ein ranghoher Beamter ausdrückt. Zugleich drängt sich die Frage auf, wie sehr die Terrorgruppe entschlossen ist, eine neue Waffengattung auszuprobieren, während sie auf den Schlachtfeldern in Syrien und dem Irak weitgehend geschlagen ist. Es wäre eine neue Methode: Von einer «Biobombe» spricht der Präsident des Bundeskriminalamts, Holger Münch, mit Blick auf Köln. Das sei «ein in Deutschland einmaliger Vorgang».

Rizin tötet langsam. Es wirkt binnen 48 Stunden, schleichend. Es ist deshalb ein schauderhaftes Szenario, das die Ermittler vor Augen hatten, während sie auf der Lauer lagen: Verletzte einer solchen Explosion müssten tagelang in Todesangst leben, «das hätte sich massiv auf das gesellschaftliche Klima ausgewirkt», meint ein Sicherheitsbeamter. Eine «perfide Vorgehensweise» sei das, man könne sich kaum ausmalen, wie die Wirkung auf die Bevölkerung gewesen wäre. Bislang ist das ohne Beispiel, eine grössere Attacke mit diesem Teufelszeug hat es noch nie gegeben.

IS verbreitet Anleitungen für Giftattacken

Auf die Gefahr durch Giftattacken haben sich Sicherheitsbehörden grundsätzlich schon länger eingestellt, schon seit 2015 verbreitet der IS Anleitungen für toxische Stoffe, so wie er auch Anleitungen für andere Mordmethoden verbreitet. Bislang aber scheiterten Gift-Pläne stets. Botulin zum Beispiel, ein Nervengift, das aus verrottetem Fleisch hergestellt wird, ist in Syrien und dem Irak vereinzelt in Bombenwerkstätten gefunden worden. Offenbar hatten IS-Leute begonnen, damit zu experimentieren, aber erfolglos.

Auch für Zinkphosphide oder Anschläge mit Schwefelwasserstoff gibt es Rezepte, die über jihadistische Internetkanäle in Umlauf gebracht wurden. Die meisten dieser Substanzen sind sehr aufwendig herzustellen. Das Nervengift Sarin zum Beispiel, das die japanische Aum-Shinrikyo-Sekte an einem Morgen im Jahr 1995 in der Tokioter U-Bahn freisetzte, wird auch vom IS empfohlen. Aber die Herstellung ist kompliziert, sie birgt eine enorme Gefahr, dass man sich dabei verletzt.

Rizinus-Samen über Amazon bestellt

Rizin dagegen ist simpel. Das sieht man an Sief Allah H., dem Tunesier, der durch die Heirat mit einer Deutschen im Jahr 2016 nach Köln gekommen war. Er hatte keine naturwissenschaftliche Ausbildung, es genügte ein bisschen handwerkliches Geschick. Auf das simple Rizin, so scheint es, fokussieren sich die Giftpläne des IS immer stärker. Im Jahr 2016 wurde das Gift in drei Fällen im Irak und in einem Fall an der irakisch-syrischen Grenze gefunden. Und nun erstmals in Europa.

Offenbar wird das auch erleichtert durch eine Rechtslage, über die nun neu diskutiert werden dürfte. Die Zutaten für Rizin sind leicht zu bekommen. Es gibt Händler für Rizinus-Samen, die ab einer bestimmten Bestellmenge hellhörig werden und die Behörden einschalten, aber eine Pflicht dazu gibt es bislang nicht. Die Menge, die Sief Allah H. sich über den Online-Versandhändler Amazon nach Hause liefern liess, hätte im schlimmsten Fall Hunderte Menschen töten können, so haben Fachleute des Robert-Koch-Instituts jüngst geschätzt.

USA machte auf Köln aufmerksam

Zudem bestellte er acetonhaltigen Nagellackentferner und 250 Metallkugeln - trotzdem, in Deutschland löste dieser Online-Grosseinkauf nirgends Alarm aus. In der sogenannten Gefahrstoffverordnung werden Rizinus-Samen nicht aufgeführt. Schliesslich kann man sie auch für Kosmetik oder Homöopathie verwenden. Das «Monitoring» solcher Einkäufe müsse man «gegebenenfalls noch erweitern», sagt BKA-Chef Münch. Anschläge «auch mit toxikologischen Substanzen» seien jederzeit möglich, lässt auch Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maassen erklären.

Die USA sehen hier bereits viel genauer hin. Amazon wird dort von den Behörden überwacht, es gibt geheime Abkommen, die das Unternehmen zu bestimmten Auskünften zwingen. Dem US-Geheimdienst CIA sowie zwei weiteren ausländischen Diensten ist zu verdanken, dass man beim Bundesamt für Verfassungsschutz zu Jahresbeginn überhaupt aufmerksam wurde auf die Aktivitäten von Sief Allah H. in Köln. Obwohl er buchstäblich im Hinterhof der Behörde das Gift mischte, im Problemstadtteil Chorweiler. Ein Vizepräsident des Verfassungsschutzes blickt aus seinem Büro direkt auf das Haus, in dem Sief Allah H. wohnte. Ergänzt mit SDA-Material.

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