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Ein Familienwagen für Spartaner

Praktisch, rustikal und spektakulär günstig ist der neue Dacia Duster. An Qualität hat die zweite Generation dabei noch zugelegt. Wer zum Sparpreis einkauft, muss aber mit ein paar Schwächen leben.

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«Echt jetzt, wo ist das Handy hin?» Die Suche nach dem kürzlich gekauften Smartphone beschäftigt die ganze Reisegruppe. «Eben war es noch da!» Die Umhängetaschen sind schon doppelt untersucht. Handschuhfach, Becherhalter? Fehlanzeige. Und auch unter dem Sitz liegt nichts. Dann wird die Freundin plötzlich fündig. Der Spalt zwischen Lehne und Rückbank hat das Handy verschluckt, als wäre das iPhone in seiner minimalistischen Eleganz für den rustikalen Dacia Duster ein Apérohäppchen.

Es sind solche Kleinigkeiten, mit denen der Duster-Fahrer leben muss. Ein Spalt da und dort, die etwas lieblosen und unzeitgemässen Grafiken auf dem Navigationsbildschirm, der jetzt zwar sieben Zentimeter höher sitzt, aber immer noch viel zu tief platziert ist. Die Aufzählung solcher Schwächen endet aber früher als in der ersten Duster-Generation, die weltweit die Herzen der SUV-Freunde mit kleinem Budget gestürmt hat. Der Duster ist souveräner geworden. Er bietet heute mehr Luxus, mehr Komfort.

Das gilt vielleicht nur eingeschränkt für die Einstiegsvariante, die den Sparpreis von 11 990 Franken auf die Plakate bringt. Sehr wohl aber gilt es für die in der Schweiz nachgefragten höheren Versionen, wie unseren Testwagen in der Spitzenausstattung, die – entgegen der Anti-Status-Koketterie des Dacia-Marketings – den etwas hoch gegriffenen Namen «Prestige» trägt. Und vor allem gilt es, wenn man sich in der Liste der Extras bedient. Für 300 Franken zum Beispiel gibt es die automatische Version der sehr potenten Klimaanlage. Für 250 Franken die Multiviewkamera, die das Auto nicht nur von oben zeigt, sondern auf Knopfdruck jede Seitenansicht auf den 7-Zoll-Multimediabildschirm zaubert, die man gerade haben will. So liesse sich im Gelände auch das vordere rechte Rad souverän an einem Steinbrocken vorbeisteuern – wenn man denn einmal in die Situation käme.

Bereits ab Serie verbaut ist der Totwinkelassistent, wenn auch – und das ist vielleicht typisch Dacia – nur auf einer, der linken Seite. Tatsächlich ist für den Blick in den Seitenspiegel rechts ohnehin eine Kopfdrehung nötig und der tote Winkel lässt sich mühelos mit blossem Auge überprüfen. Also wurde beim Duster rechts auf Sensorik verzichtet. Das ist Pragmatismus, das ist Kosteneffizienz, das ist Dacia.

Angenehm ist die neue Hands-free-Chipkarte, die den Schlüssel ersetzt: Gegen einen Aufpreis von 300 Franken öffnet und schliesst der Duster selbstständig, je nachdem, ob man sich gerade annähert oder wegbewegt. Im Alltag ist das sogar praktischer als die mit Sensoren in den Griffen ausgerüsteten Systeme der viel teureren Konkurrenz. Wichtiger für den Komfort sind die Sitze, die gut stützen, aber in einer etwas lieblosen Kunstleder-Stoff-Kombination daherkommen. Und dann natürlich ist Geräuschkomfort wichtig, den Dacia mit einer dickeren Windschutzscheibe und zusätzlichem Dämmmaterial verbessert hat.

Bei einem Modellpreis von 19‘900 Franken bringt es der Testwagen schliesslich mit allen Extras auf 21‘140 Franken, so viel, wie man anderswo für Extras allein aufwirft. Für ein Auto mit Diesel und Allradantrieb ist das konkurrenzlos. So erklärt sich die Beliebtheit des Duster, der weltweit über 2 Millionen Käufer gefunden hat. Dass bei diesen Preisen allerdings keine Wunder möglich sind, zeigt sich im Testwagen am deutlichsten beim Antrieb. Der Diesel mit Direkteinspritzung bleibt mit 4,9 Litern zwar sparsam und minimal über Werksangabe (4,8). Es fehlt aber jede Spritzigkeit und auf der Autobahn nervt das Aggregat mit einem hochfrequenten Pfeifen.

Auch Schaltfaule werden im Duster nicht glücklich, zumindest wenn sie den Allradantrieb wollen, denn den gibt es nur in Kombination mit dem 6-Gang-Schaltgetriebe, mit einer unten herum zu geringen Spreizung. Im Stadtverkehr hat man den Rührstock permanent in der Hand und wundert sich über die Drehmomentschwäche im Zweiten und warum erst im Dritten ein bisschen etwas geht. Bei 110 PS und einem Sprintwert von 12,4 Sekunden darf man sowieso nicht zu viel erwarten.

Solche Einwände aber gehen leicht im Motorgeknatter unter, weil der Duster nebst seinem attraktiven Preis auch viel Platz bietet – unter anderem 467 bis 1614 Liter Kofferraum. Und nicht zuletzt, weil ihn der rustikale Look, die ausgestellten Radhäuser und hervorgekehrten Stossfänger irgendwie sympathisch machen.

Erstellt: 22.06.2018, 16:43 Uhr

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