Auto

Im Frühtau eher nicht zu Berge

Mit reichlich SUV-Applikationen sieht der Picanto X-Line aus wie frisch aus dem Outdoor-Shop. Im Gelände hat der Kleinwagen freilich nichts verloren. Er ist wie viele Städter ein Modeopfer.

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Ein paar bunte Wanderklamotten machen aus einem Städter noch keinen Bergführer. Das klingt selbstverständlich, und doch möchte man es in den Alpen manch einer Gruppe zurufen, die gerade realisiert, dass eine steile Schotterpiste auch mit den neusten Wanderschuhen eine Schotterpiste bleibt.

Aber eben: Outdoor ist in, ist Mode, und mit der Mode setzt die Vernunft aus. Das lässt sich an den überdimensionierten Outdoor-Shops an bester Innenstadtlage genauso ablesen wie am Programm vieler Autohersteller. Fuhren vor 20 Jahren nur Jäger, Bauern und ein paar Sonderlinge einen Geländewagen, muss heute jeder mit seinem SUV ein bisschen so tun, als würde ihm hinter der nächsten Kurve die rohe Natur auflauern.

Auch der Picanto X-Line ist ein Modeopfer. Mit dicken Schürzen mit eingebundenen Nebelscheinwerfern, einem Unterfahrschutz aus Kunststoff und weiterem Zierrat hat Kia die Topversion des Kleinwagens wie einen SUV verkleidet. Und um die Travestie perfekt zu machen, wurde der Picanto um 15 Millimeter angehoben; er hat nun 156 Millimeter Bodenfreiheit. Fürs Gelände reicht das bei weitem nicht. Laut Kia aber durchaus für eine bessere Übersicht im Verkehr. Ja, das klingt wie ein Witz. 15 Millimeter, die kann man sich auch mit einer höheren Sitzeinstellung verschaffen.

Immerhin schaut der Picanto mit dem Plastik-Beiwerk nicht lächerlich, sondern ganz pfiffig aus, so wie viele der Outdoor-Klamotten. Und das erst recht, weil Kia die Dekorationslust im Interieur nicht vergeht, das mit Kontrastnähten, Ledersitzen und Alupedalerie aufwartet.

Der Fahrgastraum, er ist die eigentliche Stärke dieses Autos. Auf nur 3,7 Metern ist Platz für bis zu vier Erwachsene. Klar rollt der Kleine etwas trocken über die Hinterachse ab, und logisch müssen die Vorderleute etwas vor­rücken, damit noch Luft um die Knie der Hinterleute zirkuliert. Aber eine mittlere Distanz lässt sich zu viert schon aushalten. Auch für die Wocheneinkäufe ist genügend Platz, 255 Liter fasst der Kofferraum, der in der Tiefe genau eine Einkaufstüte schluckt. 1010 Liter sind es, wenn die ganze, im Verhältnis 60 zu 40 teilbare Rückbank fällt.

Für die 21'900 Franken, die der Picanto X-Line kostet, ziemlich genau 10'000 Franken mehr als die Einstiegsversion, hat ihn Kia üppig ausstaffiert: Die vorderen Sitze und das Lenkrad lassen sich beheizen; es gibt einen hoch platzierten 7-Zoll-Touchscreen mit Navigationssystem und Rückfahrkamera, digitalen Radioempfang, einen schlüssellosen Zugang, eine Induktionsladestation fürs Handy und die üblichen Anschlüsse. Dazu kommen ein Tempomat und als Sicherheitsfeature ein Notbremsassistent.

Für Vortrieb sorgt im Picanto X-Line ein neuer 3-Zylinder-Turbobenziner mit 100 PS, der unter Last wie viele dieser Mini-Aggregate angestrengt klingt. Die Performance aber reicht völlig aus. Die Kennzahlen verraten es: In 10,1 Sekunden schafft es der Pircanto auf Tempo 100, bei 180 km/h soll Schluss sein. Die fünf Gänge sind sauber sortiert und eher lang übersetzt. Wer es eilig hat, fährt in etwas höheren Touren. Auf Hochtouren läuft in der Hitze des Sommers auch die potente Klimaanlage des Picanto, was die 5,4 Liter pro 100 Kilometer, die wir im Test verbrauchen, etwas relativiert. Die vom Werk veranschlagten 4,5 Liter dürften aber selbst an einem milden Herbsttag nicht zu realisieren sein.

Seinen wahren Charakter kann der Picanto X-Line übrigens schon auf leicht beeinträchtigter Unterlage nicht mehr verbergen. Grobe Fugen schlagen ziemlich unvermittelt durch, was auf der Dauerbaustelle A 1 das sonst gute Komforterlebnis trübt. Und auf welligem Grund hoppelt der Stadtfloh im Bergkleidchen, als wollte er ein Feldhase sein.

Erstellt: 07.09.2018, 16:15 Uhr

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