Auto

Maximal eingemittet

Mit dem Apostroph im Namen hat Kia dem Ceed auch noch das letzte Quäntchen Extravaganz ausgetrieben. Die dritte Generation des Korea-Golf ist im schlechtesten wie im besten Sinn unspektakulär.

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Wer hätte das gedacht: Neben dem neuen Kia Ceed, der jetzt ohne den Apostroph nach dem Doppelvokal auskommt, sieht sogar der nüchterne VW Golf ein klein wenig exzentrisch aus. Die Südkoreaner haben beim Schwestermodell des Hyundai i30 nämlich da weitergemacht, wo sie in der zweiten Generation aufgehört hatten: bei der Suche nach der absoluten Durchschnittlichkeit.

Fraglos ist der neue Ceed, der im Frankfurter Designstudio entworfen und im Technikzentrum in Rüsselsheim entwickelt wurde, ein Produkt für den Massengeschmack, quasi das weisse Badezimmer unter den Kompaktwagen, mit einem Design, das nicht aneckt und nicht begeistert. Er ist damit ein Auto nicht für Enthusiasten, sondern für Vernunftkäufer, die ihre Ansprüche auf Preis/Leistung ausrichten.

Dieser Klientel hat die dritte Generation nun freilich einiges mehr anzubieten als der Vorgänger. Allem voran ist das ein Stauassistent, der auf der Autobahn bis Tempo 130 teilautonomes Fahren ermöglicht, wenn auch mit der Auflage, dass man die Hände noch passiv am Lenkrad lässt. Den Stauassistenten bietet Kia im Paket mit anderen Annehmlichkeiten für 2900 Franken an. Dazu gehören unter anderem LED-Licht, belüftete und beheizte Frontsitze sowie – was man sonst nur aus der Oberklasse kennt – beheizte Rücksitze.

Das Cockpit hat Kia optisch aufgewertet, mit Klavierlack und einem grossen, jetzt in Mercedes-Manier frei stehenden Touchscreen, der durch eine schnelle Reaktionszeit und einfache Bedienung auffällt. Die Qualitätsan­mutung ist insgesamt gut, das schwarz in schwarz gehaltene Cockpit wirkt aber etwas speckig. Nicht auf der Höhe der Zeit agiert der Spracheingabeassistent, der nur auf Stichworte reagiert und das Gesagte so oft nicht versteht, dass man ihm den Erwerb eines Hörgeräts nahelegen möchte. Und im Vergleich zum Golf fehlt ein virtuelles Cockpit im Angebot.

Auf der Strasse ist der Ceed ausgesprochen gleichmütig. Das Fahrwerk ist auf der komfortablen Seite, als würde man auf warmer Butter fahren. Der 1,6-Liter- Turbodiesel im Testwagen, die Spitzenmotorisierung, ist eine Neuentwicklung. Der Vierzylinder verfügt über eine SCR-Abgasnachbehandlung und ist mit einer Nennleistung von 136 PS kein Schwächling. Jedoch wird der Vortrieb über das träge agierende Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe gedrosselt.

Tempo 100 ist theoretisch in 9,9 Sekunden zu schaffen. Aber es kommt gar keine Lust auf, das Pedal in die Fussmatte zu drücken. Denn dann klingt der Diesel zu gequält. In Kombination mit der schwammigen Lenkung ist das Fahrgefühl irgendwo zwischen geschmeidig und pomadig. Im Verkehr mitschwimmen, im Stop-and-go mitrollen, Tempo halten bei 120 auf der Autobahn, das alles aber geht gut im Ceed. Er ist für nichts anderes gedacht. Den Sportknopf neben der Automatik kann man getrost vergessen. Eher enttäuschend ist der Verbrauch, die nach dem inzwischen abgelösten NEFZ-Zyklus ermittelte Angabe von 4 Litern kann man vergessen. Eine 5 vor dem Komma ist das Mindeste.

Der Komfort aber stimmt, die Sitze sind bequem und der Fünftürer bietet auf unverändert 4,31 Metern Länge ein ausgeklügeltes Raumkonzept mit luftigen Frontsitzen und genügend Platz im Fond für durchschnittlich grosse Erwachsene. Das Kofferraumvolumen hat Kia noch einmal gesteigert, auf 395 Liter. Die Südkoreaner liegen damit 15 Liter über dem Vorgänger und über dem Golf. Dem grossen Konkurrenten voraus hat der Ceed auch den mit 19'950 Franken tieferen Einstiegspreis für die Basisversion und ein ausstattungsbereinigt etwas besseres Preis-Leistungs-Verhältnis. Ein Schnäppchen indes ist er nicht. Der Top-Diesel ist in der Ausstattung Style ab 35‘750 Franken erhältlich, mit Panoramadach, Zusatzpaket und Metallic­lackierung klettert der Preis auf knapp über 40‘000 Franken.

Über alles gesehen ist Kia mit seiner Strategie bislang ganz gut gefahren. Von den beiden ersten Generationen wurden knapp 1,3 Millionen Fahrzeuge verkauft. Der Ceed war damit das erfolgreichste Modell der Südkoreaner. Diesen Titel hält der Ceed aktuell auch in der Schweiz mit 851 Neuzulassungen in diesem Jahr. Im Kontext des Gesamtmarkts jedoch sind die Zahlen bescheiden. Der Südkoreaner reiht sich auf Platz 110 in die Rangliste ein. Sein grosser Konkurrent steht auf Platz zwei mit 6312 Neuzulassungen. Für den kaufkräftigen, individualitätsbetonten Schweizer Markt ist der Ceed vielleicht etwas zu eingemittet.

Erstellt: 21.12.2018, 17:55 Uhr

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