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Die Kunst der Selbstbeherrschung

Mit dem Velar schliesst Range Rover eine Lücke im Modellprogramm – und bringt uns Autotester in Bedrängnis.

Es ist so schön, ich muss einfach immer wieder darüber streichen. Drauf schauen. Irgendwas darauf einstellen. Und einzustellen gibt es freilich vieles, doch selbst Banalitäten wie das Set-up der Klimaanlage verlangen in diesem Auto die volle Aufmerksamkeit. Zweimal hätte ich fast einen Randstein touchiert, das muss ich unumwunden zugeben. Danach habe ich das Einstellen auf das absolut Notwendige beschränkt und mir während der Fahrt striktes Schau- und Streichverbot erteilt.

An dieser Stelle ist etwas Kontext nötig. Der Range Rover Velar, den ich bereits an der Pressepräsentation in Norwegen gefahren bin und dessen Test ich seither kaum erwarten konnte, bietet eine neuartige Bedieneinheit: Unterhalb des gewohnten, grossen Displays befindet sich anstelle der herkömmlichen Bedienelemente für die Klimaanlage und weiteres mehr ein zweiter Touchscreen.

Der ist so nahtlos und elegant in die Mittelkonsole integriert, seine Handhabung ist so attraktiv und sexy, dass man ihn einfach lieben muss. Deshalb hat er sich durchgesetzt: Nicht nur Range Rover setzt ihn inzwischen in mehreren Modellen ein, auch andere sogenannte Premiumhersteller bringen diesen zusätzlichen Bildschirm.

Genau deshalb muss ich so ausführlich darauf eingehen. Im Zeitalter der digitalen Vernetzung ist die Ablenkung ohnehin schon viel zu gross in einem modernen Auto, und dieser zusätzliche Touchscreen lenkt schlicht zu stark ab, besonders, weil er so tief unten angebracht ist. Statt des umfassenden Lobs, das der Innenraum des Range Velar eigentlich verdienen würde, weil er einfach wunderbar ist, gibt es also zähneknirschend kritische und auch mahnende Worte. Hier muss Land Rover, hier müssen alle Autohersteller noch die richtige Balance finden.

Sie sehen: Ich bin bei diesem Auto hin- und hergerissen. Der Velar ist wohl der schönste SUV auf dem Markt, vielleicht sogar das derzeit schönste Auto überhaupt. Seine Karosserie ist eine Skulptur von zeitloser Eleganz, wie aus einem Guss; nur die grobschlächtigen Türgriffe passen nicht ins Bild, doch diese fahren nur zum Gebrauch aus und verschwinden dann wieder. Seine Frontpartie wird auch in dreissig Jahren noch bewundert werden, seine Proportionen werden auch dann noch immer begeistern.

«Zum Fahren fast zu schade», schrieb eine Kollegin, und sie hat ja recht – dieses Ding gehört eigentlich in ein Kunstmuseum. Andererseits sollte man mit dem neuen Range so viel wie möglich fahren, damit ihn möglichst viele Leute zu Gesicht bekommen. Und auch, weil Fahren im Velar eine reine Freude ist: Die luxuriöse Ausstattung, der kultivierte Antrieb, das Fahrverhalten, der Federungskomfort und natürlich die aussergewöhnlichen Fähigkeiten im Gelände überzeugen rundum. Lange Autobahnstrecken, kurvige Bergpässe, das Flanieren in der Stadt – das alles beherrscht der edle Brite souverän.

Der Range Rover Velar ist ein wunderbares Auto. Deshalb suchen Sie in diesem Fahrbericht für einmal vergebens nach Zahlen, nach technischen Angaben, nach konstruktiven Details, PS, Durchschnittsverbrauch oder Informationen über die Allradtechnik. Das alles gibt es beim Händler und im Internet. Es geht hier um Ästhetik. Um Stil. Um die Liebe für schöne Dinge. Um das haptische Erlebnis, wenn die Finger über diesen vermaledeiten dritten Bildschirm streichen.

Ja, dieses Auto ist eine reine Herzensangelegenheit. Man sieht es und man will es. Zumindest geht es mir so. Glücklich, wer sich den schnell sechsstelligen Kaufpreis leisten kann. Glücklich, wer die Kunst der Selbstbeherrschung beherrscht und sich nicht ständig von den Reizen des Velar betören und damit zu stark ablenken lässt. Ich bin leider zu beidem nicht im Stande und muss daher passen.

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